Google und die DDR

Googlen ist the new black. Dass sich die Marke stellvertretend für Internetsuche als Verb durchgesetzt und in den alltäglichen Sprachgebrauch Einzug genommen hat, versetzt sicher so manchen Werber in eine Euphorie, die auf natürliche Weise schwer erreichbar scheint. Googlen ist etwas banales, eine Art Volkssport -ohne Sport. Alle tun es: In einem Boulevardmagazin eines beliebten Privatfernsehsenders werden mit öder Regelmäßigkeit Promis und solche, die es gern wären gebeten, ihre Namen zu googlen. Und ganz ehrlich, wir haben uns auch alle schonmal selbst gegoogled. Und unsere Freunde. Und Feinde. Und auch Leute, die wir gar nicht persönlich kennen. Ich jedenfalls. Und Agentur Schiessmichtot, das weiss ich, hat es auch getan. Die mich (und ich sie). Aber als mir neulich meine Eltern eröffneten, dass sie mich gegoogled haben, wurde mir -verspätet und schlagartig- klar, dass ich mich im Ausmaß der irgendwie voyeuristischen Nachschau-Mania verschätzt hatte.
Dann hab ich dem Bambi davon erzählt. Und das Bambi sagte daraufhin mit einer ultralässigen Selbstverständlichkeit: “Klar googlen die [in dem Fall: Personaler] dich! Und wenn du dann nichtmal ein Xing-Profil hast, heisst das, dass du im Knast warst.” Gut, dass ich das noch rechtzeitig gelernt habe!

Raus aus der virtuellen Welt, zurück in die rauhe Realität. Neulich ist mir mein MP3-Player ausgegangen. Battery dead. Notgedrungen saß ich also im Bus und lauschte in Ermangelung musikalischer Unterhaltung jener [unmusikalischen] meiner Sitznachbarn. Eine Omma und ihr Enkel. Fragt der Bub: “Oma, war Berlin schon immer die Hauptstadt von Deutschland?” Denk ich mir noch, schlaues Kind, keine fünf Jahre alt und schon voll im Bilde über Deutschlands Hauptstadt. Aber wofür ist denn Erziehung gut! Dachte wohl auch die Omma, die da sagte: “Ja, Berlin war schon immer die Hauptstadt!” Mir klappte die Kinnlade runter. Total sprachlos und hin- und hergerissen, den Jungen aufzuklären oder die Oma zu fragen, ob sie schon immer in Ostberlin gelebt hat, zog ich es vor auszusteigen. Klassisch passiv, ganz der Etikette des ÖPNV entsprechend.

Lustigerweise wurde ich am selben Tag erneut Zeuge eines interessanten Dialogs der Generationen. Fragte die Mutti ihre Tochter: “Du, hat der Georg nur mit dir sprechen wollen, oder hat er auch gefragt, wie es mir geht?” – “Nö, der wollt nur mit mir reden.” Kinder sind eben gnadenlos.

Was lernen wir aus all dem?

Liebe Insassen staatlicher, abgeriegelter Wohneinheiten: Legt euch ein Xing-Profil an. Ihr habt doch sicher mittlerweile Internetz (bitte bedenkt, es wird Wert auf Formulierung und Darstellung gelegt. Lieber so: 2001-heute: Töpferkurs – und besser nicht so: 2001-heute: Haft wegen Mordes).

Verschont eure Kinder mit eurer Doofheit! Sie lernen in der Schule lesen, schreiben, Hauptstädte und Drogenhandel. Und fragt sie nicht nach ihren Vätern, nur weil ihr einsam seid.

Wer von euch hat mich schon gegoogled?

Comments
2 Responses to “Google und die DDR”
  1. Wolfgang Wüst says:

    “Wer von euch hat mich schon gegoogled?”

    Ich nicht. Wie auch? Mir mißfällt aber dieses Wort. Vorne altdeutsch, hinten englisch. Entweder sollte man “googled” oder “gegooglet” schreiben, wobei letzteres aber übel aussieht.

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  2. lotterrr says:

    Herr Wüst, Volltreffer! Genau da wusste ich auch nicht weiter. Schlimm, diese Anglizismen, die so schwer anpassbar sind.

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