Frau Lotte und die seriöse Welt: Small Talk

Jene, die mich kennen, wissen es längst: Ich rede nur im Vollsuff gern. Sonst bin ich ja eher der verschwiegene Typ. Das liegt auch daran, dass ich Zuhören interessanter finde, als nur eine Atempause des Gegenübers abzuwarten, um ihm ins Wort zu fallen und meine -natürlich viel interessantere- Geschichte zum Besten zu geben.

Auch für den Fall, dass ich nicht einmal zuhören will, kenne und nutze ich zahlreiche schmerzfreie Wege, mich einer drohenden Konversation zu entziehen (Desculpa, não falo alemão!/Entschuldige, die Musik ist so laut, ich kann dich leider nicht verstehen/Je suis touriste!/…). Mit meinem Eintritt in die seriöse Welt sah ich mich jedoch schlagartig mit einer neuen Situation konfrontiert: Ich darf mir meine Gesprächspartner nicht mehr aussuchen. Der Kunde ist König und muss unterhalten werden, mal mit Kompetenz, mal mit Small Talk. Und vor der Kompetenz kommt nun mal der Small Talk. Grund genug, sich damit auseinanderzusetzen.

Was verbirgt sich hinter diesem so simpel und unschuldig anmutenden Begriff des Small Talk? Bei den Gilmore Girls hieß es mal:

“(…) when the conversation lags, a good guest ought to be prepared to introduce a new topic. Keep it light – no politics, no religion. My little trick: just think of things that you’ve read in the middle three sections of the Sunday New York Times – Travel, Arts and Leisure, Sunday Styles – and forget the rest of the paper exists.”

Wikipedia sagt dazu:

“Smalltalk (etwa “ein Schwätzchen”; von engl. small „unbedeutend, klein“ und to talk „sich unterhalten“) ist eine beiläufige Konversation ohne Tiefgang. Obgleich die Themen unbedeutend und austauschbar sind, hat der Smalltalk als gesellschaftliches Ritual hohe Bedeutung. Er vermeidet peinliches Schweigen, dient der Auflockerung der Atmosphäre und ist der Einstieg des gegenseitigen Kennenlernens, beispielsweise von Geschäftspartnern. Smalltalk zeigt das Interesse am Gegenüber oder gibt es zumindest vor. Die Themen unter Fremden sind meist sehr allgemein gehalten. Schon beinahe sprichwörtlich ist das nicht sehr einfallsreiche „übers Wetter reden“.”

Beide Zitate erfinden das Rad nicht neu – im Grunde weiss auch ich, worum es geht. Aber die Umsetzung! Ich komme mir einfach doof vor, über das Wetter zu reden. Das kann doch jeder mit einem Blick gen Himmel selbst sehen! Entsprechend schnell ist das Wetter abgehakt und es folgt recht zackig das peinliche Schweigen. Und dann? Herr XY, Ihr Anzug hat aber eine schöne Farbe! Dieses satte Grau unterstützt den klassisch-eleganten Schnitt ganz hervorragend! Oder doch lieber: Wie schön, dass mit dem Termin alles so gut geklappt hat. Dabei fing der Tag so blöd an, als ich beim Aufstehen in die Kotze meiner Katze trat. Was zur Hölle ist der richtige Small Talk? Ist das nicht von Mensch zu Mensch verschieden? Interessiert es den Handwerker, dass die Dalí-Ausstellung einen Monat verlängert wurde? Interessiert es den 5-Sterne-Hotelier, dass die toten Hosen im SO36 gespielt haben? Vielleicht – aber was, wenn nicht?

Ewig werde ich mich mit meiner Strategie, auf Festen mit einer Kamera bewaffnet herumzurennen, um mit niemandem reden zu müssen, jedenfalls nicht über Wasser halten können. Komplizierte, oberflächliche Welt, gib mir eine Bedienungsanleitung, um in dir zu bestehen!

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