Des Fernsehens dreigliedriger Todesstoß

Je mehr ich darüber rede – und das tue ich immer wieder, bislang ohne so recht zu wissen, warum – desto mehr merke ich eins: Ich vermisse “Schwiegertochter gesucht”. “Schwiegertochter gesucht” ist ungelogen die Perle des deutschen Unterhaltungsfernsehens. Und es war mir unterbewusst wohl doch ein größeres Vergnügen, als ich im Grunde öffentlich zuzugeben bereit bin. Dabei habe ich so gelitten. Ich saß vor der Glotze, tief im Sofa eingegraben, mal regungslos, mal wild um mich schlagend und tretend und machte grenzaufzeigende emotionale Gratwanderungen durch. Ich quietschte, brüllte, ächzte, wimmerte, lachte, schlug mir die Hände über dem Kopf zusammen, vergrub mein Gesicht im Sofakissen und war dabei stets enorm empört, aufgewühlt, fassungslos und vor allem bis auf die Knochen fremdbeschämt. Jetzt denkt ihr vielleicht, ich bin total bescheuert und sowieso auch selbst schuld, wenn ich da nicht die Fernbedienung zur Hand nehme. Mag sein. Aber ich stehe nicht so kurz vorm Wahnsinn, dass all dies nur in meinem Kopf passiert. Und die Quoten geben meiner These Recht. Mir bleibt also nur zu folgern, dass in diesem emotionalen Spektakel mitunter die Faszination für dieses Format begründet sein mag. Wenn das Fernsehen also zum Angriff auf unsere niedersten Instinkte bläst, ist das Grund genug, sich damit einmal auseinanderzusetzen.

Was kann Schwiegertochter gesucht, was andere Unterhaltungshits aus der Röhre (sorry, dem Flat!) nicht können? So wie “Bauer sucht Frau” oder “Gräfin gesucht” handelt es sich letzlich um eine ziemlich plumpe, langweilige und nervlich stark belastende (fremdschämen tut weh) Kuppelshow. Vermutlich ist auch deswegen bei den Zuschauern das Bedürfnis entstanden, Ihren Schmerz mit Leidensgenossen zu teilen. Tatsächlich: Nebeneffekt dieser Sendung war die Bildung einer virtuellen Selbsthilfegruppe. Sonntäglich versammelten sich zahlreiche digital natives (v.a. Altersindikator) vor Deutschlands Glotzen und twitterten live mit (Wohlstandsindikator). Das hat mich dann doch beeindruckt.

Abgesehen davon habe ich in dieser Sorte Format bislang vergeblich eine medienwissenschaftlich interessante Perspektive gesucht. Es ist einfach zu flach. Ich zitiere gern nochmal Herrn Thoma, meinen Fernseh-Guru: “Im Seichten kann man nicht ertrinken” – das wird es wohl sein. Alternativ tun es auch Rammstein: “Ich tu Dir weh” – ja, liebes Fernsehen, das tust Du. Eins noch: Authentizität entsteht nicht zwangsläufig durch das Abbilden (bzw. das geschickte Konstruieren) von Dummheit oder Naivität. Probier es mal aus.

Je mehr ich schreibe, desto deutlicher wird: Das Fernsehen hasst uns.  Und das zeigt sich nicht nur anhand von “Schwiegertochter gesucht”, sondern betrifft einen Großteil der aktuellen Sendeformate privater Anbieter:

  1. Das Fernsehen (stellvertretend für Programmmacher und -einkäufer der privaten Sender) denkt sich etwas total Doofes aus, um unser Hirn herunterzufahren und für Werbeunterbrechungen empfänglich zu machen (die eigentlichen Unterbrechungen sind übrigens das Programm, folgt man Patrick Le Lay).
  2. Es verachtet uns so sehr, dass es davon ausgeht, unsere Aufmerksamkeit nur im Kampf um niederste Instinkte zu gewinnen. Natürlich geht es hier auch um hart umkämpfte Marktanteile, und wenn die Konkurrenz plump ist, muss man eben plumper sein. Schlussendlich ist aber erneut der Zuschauer das Opfer.
  3. Es versucht uns vorzugaukeln, dass all diese Formate und ihre Protagonisten echt sind und denkt, wir glauben das.
  4. Es fügt uns mit dämlichsten Off-Kommentaren und fieser Musik, die uns die gezeigten Situationen verstehen helfen soll, zusätzlichen Schmerz zu. Den dreigliedrigen Todesstoß aus Protagonistenkonstruktion, Off-Dummheit und Kuschelrock sozusagen.

Liebes Fernsehen, ich habe Dich immer verteidigt. Und ich bin immernoch ein großer Fan von Dir. Nun sind wir an einem sehr grenzwertigen Punkt angekommen. Bitte werd nicht noch dümmer!

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s

  • Enter your email address to subscribe to this blog and receive notifications of new posts by email.

%d bloggers like this: