Die fiese Frise

Einige werden es schon bemerkt haben, Frau Lotte war vor einer Weile beim Friseur. Und nicht bei irgendeinem! Doch von vorn. Es ist Mediaplanungszeit, und es ist Krise. Verlage erhöhen die Anzeigenpreise, um ihre Verluste auszugleichen, und entsprechend mehr müssen die Anzeigenverkäufer um jedes Geschäft bangen. So kommt es, dass dieser Tage Tüten mit Pflegeprodukten ins Haus flattern. Oder eben Friseurgutscheine. Meine Chefin erhielt einen solchen. Da sie aber sehr speziell mit der Wahl ihres Friseurs ist, vermachte sie den Gutschein mir. Ich nahm ihn natürlich mit Freude an, schliesslich gehe ich quasi nie zum Friseur oder lasse mir die Haare von einer Bekannten für kleines Geld schneiden. Ich gab hierfür immer die Kosten als Begründung an, doch seit ich Kundin im Salon von Weltmeisterin Jana Eichler war, weiss ich eins: Ich gehe einfach nicht gern zum Friseur. Ich gehe sogar lieber zum Zahnarzt als zum Friseur.

Der Salon (am Potsdamer Platz, die Location spricht eigentlich schon Bände) ist irre. Ich kam rein, völlig verfroren, und wurde zunächst vom Empfangshasen und Bartender entmantelt und zur Wartecouch geleitet. Dort gab es dann erstmal einen Tee – irgendeine exotische Mischung Schwarztee-Orange-BerlinMitte – und ein warmes Handtuch für die Hände. Während ich noch genoss und staunte, schweifte mein Blick durch den Salon und blieb an den Lüstern mit Hunderten Glaskristallen hängen. Wahnsinn. Nach einer Dreiviertelstunde Wartezeit, in der ich mein Buch zu Ende las und langsam ungeduldig wurde (Zeit ist schliesslich mittlerweile Geld), wurde ich endlich von meiner designierten Friseuse abgeholt. Und dann ging es direkt los. Eine Auswahl an Sprüchen sei hier exemplarisch für einen Non Stop Diss, der sagenhafte 90 Minuten andauerte:

“Oh, Ihre Haare sind aber fettig. Wie oft waschen Sie die denn?”
“Ey Maria, sie nimmt Blondierpulver …aber nur mit 4% Oxid!” (Schweigen, unterdrücktes Lachen)
“Ihre Haare sind so kaputt, das sind ja gar keine Haare mehr! Schauen Sie mal, da kann man dran ziehen, und die werden immer länger und reissen dann ab – null Sprungkraft, keine Elastizität! Die fühlen sich an wie Watte!”

Eins steht fest: Ein Spiel der Kickers Offenbach ist weniger schmerzhaft, und was hab ich mit denen schon gelitten! Am Ende jedoch spazierte ich mit einem Top-Haarschnitt und ordentlich gedemütigt raus (nicht wie bei den Kickers nur gedemütigt). Ohne den freundlichen Gutschein hätte ich für Frisur und Schmach 77,50 Euro exklusive Trinkgeld bezahlt. Das ist ein bisschen wie in den Designerläden der Frankfurter Goethestraße früher, als man von den Verkäuferinnen als Normalsterblicher schief angeschaut wurde, wenn man den Laden auch nur betrat. Ich bin unschlüssig, ob diese Art von Service im gehobenen Dienstleistungssegment dazugehören muss. Meins ist es nicht.

Ab sofort gehe ich wieder zu Matthieu dem Blondator in den Kaiserschnitt.

Comments
One Response to “Die fiese Frise”
  1. Wolfgang Wüst says:

    Kenne ich. Auch als Heterosexueller werde ich immer wieder darauf hingewiesen, daß mein Haupthaar hochproblematisch ist. Besonderes Highlight war der Gesichtsausdruck meiner Coiffeuse, nachdem ich ihr unschonend beigebracht habe, daß das Shampoo meiner Wahl Nivea Duschdingens für normales Haar (EUR 2.49 im 250ml-Gebinde) ist.

    Wahrscheinlich würde ich genauso gucken, nähme ein Patient Möbelbeize zum Zähneputzen.

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