Frau Lotte und die seriöse Welt, oder: Napoleon the Tree-Hugger

Frau Lotte war beim Fotoshooting. An sich nichts Schlimmes, aber wie wir seit der Small Talk-Episode wissen, bin ich kein großer Entertainer, wenn es um die seriöse Welt geht. Ist mir nix, da sag ich wie der Mann mit den möglicherweise gefärbten Schläfen schlicht “basta”.

Anyhoo, ich war also als Kundenbespaßer am Start. Bin zu einer Zeit aufgebrochen, an der ich auf einen Sonntag Morgen normalerweise noch mit einem großen Glas “Wasser” in meinem anderen Wohnzimmer weilen würde. So fuhr ich mit Kunde und Kegel stundenlang hinaus ins tiefste Brandenburg. So tief, dass BB Radio aufgab: Wir waren in Rühstädt. Dem Storchendorf. Und lasst euch gesagt sein, da ticken die Uhren anders!

Ein kurzes Gespräch mit dem Gutseigentümer, dessen Scheunendach mitsamt Storchennest geshootet werden sollte – ein freundlicher, alter Herr – war extrem belehrend. Und weil ich mit nützlichem Wissen nicht hinterm Berg halten will, teile ich meine Erkenntnisse mit euch. Erstmal jedoch ein bisschen Hintergrundwissen:

Rühstädt ist ein beschauliches Nest mit kleinen, alten Häusern aus rotem Backstein und Kopfsteinpflasterwegen. Es gibt dort ausser einem Schloss(-hotel) und einem Gasthof keine Infrastruktur. Eine Kirche noch, falls das zählt. An den Straßen stehen Schilder, die Touristen von Rühstädts bewegter Geschichte erzählen. Als wir an einem solchen vorbeikommen, nimmt mich der Gutsherr zur Seite und raunt mir zu: “Meine Frau hört das nicht gern, aber die Leute da auf den Tafeln, die liegen alle schon hinter der Mauer!” Jo, ist ja auch Geschichte, wa? Der gute Mann kam übrigens einst von Pommern zu Fuß ins Storchendorf, zusammen mit seinem besten Freund, den er seit Kindertagen kennt und der nur drei Häuser weiter – im ältesten (Fachwerk-)haus des Dorfes! – wohnt. Nach dem Krieg ging man eben zu Fuß.

A propos Krieg: Rühstädt liegt an der Elbe, und zwar an einer Stelle, an der diese einen S-förmigen Lauf nimmt. Das hat zur Folge, dass dort die Strömung schwächer ist, was wiederum gute Bedingungen zur Flussüberquerung schafft. Deswegen sind alle möglichen Soldaten in sämtlichen Kriegen da durchgewatet. Schon Napoleon hatte das geschnallt. Vor der Überquerung jedoch saß er wohl in Rühstädt unter einem Baum und chillte, weswegen der Baum später nicht gefällt werden durfte und der Deich daran vorbei gebaut werden musste. Damit war Napoleon bestimmt der erste Tree-Hugger, der mit seiner Besetzung (oder war es Besatzung?) einen Baum rettete.

Essentieller ist allerdings das Vögelwissen, dass der alte Herr uns mitgab: Wenn Raubvögel Brieftauben en Route kreuzen und die Brieftauben infolgedessen von ihrer Strecke abkommen, landen sie oft in Rühstädt. Das klingt ja noch ganz romantisch, aber anscheinend sind Tauben in diesem Teil Brandenburgs eine Delikatesse. Und weil die jungen Täubchen natürlich besser schmecken als die alten (wie so oft!), gibt es einen Trick, um die jungen von den alten zu unterscheiden: Lässt sich die Haut zwischen den Krallen leicht einreissen, handelt es sich um ein Jungtier. Hat man dann doch ne alte Taube erwischt und bereits misshandelt (und es ist kein Jungtier in Sicht), gibt es einen weiteren Trick, um das zähe Fleisch schmackhafter zu machen: Im Kochprozess mal aus dem Topf nehmen, in kaltes Wasser tunken, weiterkochen. Ich bin mal kurz kotzen. Jemand in meinem Umfeld sagte dazu nur: Besser ne Blinde im Bett als ne Taube aufm Dach.

Ferner liefen:

  • Flusswasser, das durch den Boden an die Erdoberfläche steigt und die Felder überflutet, nennt man Quallenwasser.
  • Störche, die zu spät aus Afrika in Rühstädt eintreffen, erkämpfen sich gern schon besetzte Nester. Das sind dann die Alphastörche, die ihr Stammnest nicht abtreten.

In der Zwischenzeit in der Zivilisation:

  • Die Bild-Zeitung hat Hitlers Nachkommen gefunden. (Oh nein, doch nicht, das war ja “NEWS” aus Österreich!)
  • Die Märkische Allgemeine hat angeprangert, dass Matze Platzes (anscheinend mittlerweile ausgetauschter) Dienstwagen 12l/100km verjubelt bei einem sagenhaften CO2-Ausstoß von 286g/km. Man gönnt sich ja sonst nix.
  • Die Welt hat im AP-Archiv ein Rüttgers-Foto von 2000 ausgegraben, als die Welt noch in Ordnung war.

So gehört:
“Asiatisches Essen sieht so gut aus, wenn man es isst.” (Zwei kluge, junge Frauen in der S-Bahn)

So gefunden in meinem Briefkasten:

Ich habe ja keine allzu fiese Auffassungsgabe, aber das wirft dann doch ein paar Fragen auf. Was für ein Büro, was für eine Arbeit in welcher Filiale von was? Humm… Und in der Zentrale erreichbar von 12.00-13.00 Uhr? Wenn die, die da wirklich arbeiten, Mittag machen etwa? Oder ist das nur eine Zeit mit Rücksicht auf Arbeitslose, die ausschlafen möchten? Oder wollen die lieber nicht erreicht werden? Ich möchte fast mal anrufen.

Nun noch ein wenig Rühstädt für euch:

Comments
2 Responses to “Frau Lotte und die seriöse Welt, oder: Napoleon the Tree-Hugger”
  1. Phölöpp says:

    Ganz großes Kino. Toll geschrieben, ich habe sehr gelacht! :D

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  1. […] kein konkretes Ziel habe – Richtung Norden, auf die B96. Da ich in Rheinsberg schon war und die Prignitz zu weit enfernt, bog ich spontan Richtung Löwenberger Land und damit auch Richtung Stechlinsee ab. Der Stechlinsee […]

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