Auf Trip in Brandenburg, oder: Quad fahren für Fontane.

Brandenburg und ich können eine erstaunliche Entwicklung vorweisen. Jeder für sich wie auch in unserer gemeinsamen Beziehung. Brandenburg hat in den letzten 20 Jahren einen beachtlichen Strukturwandel erlebt. Ich auch, aber bei mir folgte in den Jahren nach der Wende nicht der Auf-, sondern eher der Abbau. Aber darum soll es hier weniger gehen als um Brandenburg und mich in gelungener Symbiose.

Als ich einst das erste Mal nach Berlin zog, warnte mich die Mutti, niemalsnicht nach Brandenburg hinauszufahren, denn das Bundesland mit dem längsten Radweg Deutschlands* sei voller fieser, gewalttätiger Nazis. Die Mutti hatte Nazis gesagt. Ich war schwer schockiert. Nicht nur, weil Nazis so beknackt existenzunberechtigt und doof sind, dass es mich persönlich beleidigt, sondern auch, weil ich mich fragte, wie eigentlich eher hippiefreundliche natürliche und naturnahe Strukturen wie eben Top-Radwanderwege oder die größte Seenlandschaft Deutschlands Nährboden für Idiotenideologie sein können. Es war wohl wieder die Arbeitslosigkeit. Oder die Langeweile. Ja, in manchen Teilen Brandenburgs gibt es bis heute kein DSL (kein Witz!), und scheinbar kann man auch nicht dauerhaft am See rumhängen oder durch den Wald radeln, ohne auf dumme Gedanken zu kommen.

Als ich dann in Berlin wohnte, wandelte sich meine Brandenburg-Wahrnehmung. Brandenburg stand jetzt immerhin schon für Matze Platze und mein Wochenende am See. Das ist wohl eins von vielen Berliner Klischees.

Aber, hört, hört! Frau Lotte ist immer bereit, Neues zu lernen und gewillt, ihre Meinung durch fundiertes Wissen und erlebnisorientierte Recherche zu erweitern. Manchmal kommt auch beides einfach zu mir, und dann wehre ich mich eben nicht. Wie in diesem Fall.

Ich gestehe, die zwanghafte Einarbeitung in den Nachwende-Strukturwandel und die stete Versorgung mit einer großen Regionalzeitung und ihren 15 Lokalteilen hat mir jenseits des Allgemeinwissens um Überalterung und Nazis gezeigt, dass man gar nicht nach Bali fliegen muss, um in den Urlaub zu reisen und dass man nicht im Trinkteufel abstürzen muss, um kuriose Mitmenschen in ihrer Gesamtschrägheit zu erforschen.

Die heutige Lehrstunde in Sachen Brandenburg befasst sich aber ausnahmsweise nicht mit der menschlichen Gesamtschrägheit, sondern mit dem beliebten Erholungsort Rheinsberg. Rheinsberg liegt im Norden Berlins an der Brandenburger Grenze zu Mecklenburg-Vorpommern. Schon Tucholsky und Fontane waren bekennende Fans (in Zeiten von Facebook-Pages wirkt das Wort leider recht wahllos). Außerdem liegt bei Rheinsberg die alleeigste Allee jenes Landes, das für seine Alleen bekannt ist. Nicht die schönste, wohlgemerkt, denn dazu wurde 2009 eine Birnbaumallee in Amt Neuhaus (Kreis Lüneburg, nicht Brandenburg!) gekürt. Aber fragt mal meinen AD. Der sagt, die Rheinsberger Baumsaumsstraße ist der Shit. Das musste ich natürlich mit eigenen Augen sehen und habe vor Ort unter Einsatz meines Lebens Alleenimpressionen festgehalten.

Viel interessanter als eine Sammlung von Gelegenheiten, an denen man sich totfahren kann, ist in der Gegend um Rheinsberg jedoch das …dammmdammmdammmdamm… (ja, ein Trommelwirbel!) Bombodrom. Wie das schon auf der Zunge zergeht. Bombodrom. So viel cooler als Tropical Island (übrigens auch in Brandenburg). Und: Der Preis ist ein ganz anderer. Statt Eintrittsgeld kann es auch schonmal das Leben sein. Spannend (zumindest, wenn man John Rambo ist). In der Kyritz-Ruppiner Heide gelegen befindet sich das 144 Quadratkilometer große Stück Wald, das einst als Bombenabwurfplatz für Tiefflieger der Sowjetarmee diente, und in dessen Boden sich noch heute Weltkriegs-Blindgänger in rauhen Mengen verbergen. Ein Stück Landidylle, das als Truppenübungsplatz genutzt werden sollte (aber nicht durfte), und mit dem nun niemand so recht etwas anzufangen weiss. Es sei denn, man rodet den Wald und durchsiebt die oberen 60 cm Erdboden. Jo. Es gibt eben doch Arbeit für alle. Fänd ich ja ganz witzig. Das Urteil zum Bundeswehr-Bann feiert der Verein FREIe HEIDe (ja, so heißen die. No Comment, auch nicht zur Farbwahl!) seither an jedem Ortseingang ringsum:

Sehenswert ist in Rheinsberg jedoch vor allem dem Heinrich sein Schloss mitsamt seines fabelhaften Lustgartens. Wisst ihr, warum es Lustgarten heisst? Ich gebe euch mal einen Tipp:

Phallus + Phallus + (Pilzbe-)phallus = Penisgarten, juchee!

Der Vollständigkeit halber auch noch ein Bild vom Schloss:

Und an dieser Stelle fix ein Hinweis in eigener Sache: Rheinsberg gehört zu jenen deutschen Städten, die ein Stadtschreiber-Stipendium ausschreiben. Das Stadtschreiberamt ist mit 1000 Euro monatlich dotiert und beinhaltet die kostenlose Unterbringung im Schloss. Im Schloss! Leider kann man sich nicht selbst bewerben – kann mich mal bitte jemand empfehlen? Dass ich ins Schloss gehöre, ist schliesslich kein Geheimnis. Der Blick aus dem Türmchen auf den Lustgarten ist mit Sicherheit hochinspirierend! Mehr Infos gibt’s hier – ich zähl auf euch.

Auch toll: Die Quad(!)-Safari(!!) auf den Spuren Fontanes (!!!). Ein Widerspruch in sich? Unfug! So bringt man erlebnisorientierten und vor allem kulturverdrossenen jungen Leuten Literaturgeschichte bei! Sagt eine, die es wissen muss, denn seit Effi Briest sind Fontane und ich zerstritten. So eine Quad-Safari stelle ich mir da extrem versöhnlich vor. Dirty Fontane, oi!

Je mehr ich schreibe, desto deutlicher wird: Ich möchte Brandenburg-Botschafter werden (und natürlich fliege ich trotzdem nach Bali). Nächstes Mal gibt es dann die Kuriositäten vom Dorfe. Auch da ist Brandenburg ganz vorn dabei.

Meinen Rheinsberg-Trip in Bildern gibt es hier.

*Die “Tour Brandenburg” ist mit über 1110 km Länge auf ausgebauten Wegen Deutschlands längster Radwanderweg.

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2 Responses to “Auf Trip in Brandenburg, oder: Quad fahren für Fontane.”
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  1. […] und fuhr – wie immer, wenn ich kein konkretes Ziel habe – Richtung Norden, auf die B96. Da ich in Rheinsberg schon war und die Prignitz zu weit enfernt, bog ich spontan Richtung Löwenberger Land und damit auch […]

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  2. […] dich gerade warnen. Bleib vielleicht in der Nähe des Parkscheins.” Uh oh. Da kommt direkt wieder dieses verwegene Rambo-Feeling in mir hoch. Ich überlege kurz, ob ich den Parkschein besser an mich nehme, wenn ich auf […]

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