Frau Lotte und die Motorik, oder: Casting mal anders

Ich bin eigentlich motorisch recht fit. Während in meinem Umfeld Kandidaten existieren, die unter Frühstadien von Fallsucht leiden oder den Beinamen “Clumsy” mit Recht tragen, bin ich durchaus in normalem Rahmen überlebensfähig. Statistisch gesehen hätte es mich längst erwischen müssen, aber dass mein Fahrrad gerade nach Anbrechen des lange erwarteten und absehbar kurzen Berliner Sommers die Straßenbahngleise küsst und mir voraussichtlich wochenlange Cast-Fixierung vom Knie abwärts beschert, gefällt mir trotzdem nicht besonders.

Aber von vorn. Ich habe mich also langgelegt. Praktischerweise nach meinem ersten Samstagtermin, bevor ich sämtliche Erledigungen tätigen konnte – zuhause sieht es natürlich aus wie Hund. Mit vollem Tempo rutschte ich in die Straßenbahngleise und schrappte, verknotet mit meinem Rad, über den warmen, dreckigen Asphaltboden. Dann lag ich da, mitten auf der Wühlischstraße, auf zwei Spuren verteilt, und hakte Unfallreaktionsstadien ab.

“Alles noch dran – check!”

“Auuuääääärrrr!”

Und schließlich: “Puh. Ich trage Unterwäsche unter dem Minirock.”

Ich habe es nach meinem wenig ehrenhaften Sturz noch bis nach Hause geschafft. Kaum angekommen, stellte sich auch schon der Schmerz ein, und zwar in durchaus bemerkenswertem Ausmaß. Ich bin da ja eher unzimperlich, aber dass die Form meines rechten Fußes auf einmal von der des linken abwich, bereitete mir dann doch Unbehagen. Da saß ich also, Samstag Vormittag, 11.00, mit meinem doppelten Vodka auf Eis, den ich mir auf den Schock zu einer Handvoll Schmerzmittel eingeschenkt hatte, und sah meinem Fuss beim Verändern von Form und Farbe zu. Ja, Mist, das sah nach einer Runde Notaufnahme aus. Bin ich großer Fan von, vor allem am Wochenende, wenn sich dort die Leute drängen, als wäre George Clooney Aufnahmeleiter.

Glücklicherweise war Captain Awesome sofort zur Stelle und fuhr mich nicht nur in den wunderbaren grauen Betonklotz am Urban, sondern harrte auch bis zu meiner Entlassung sechs Stunden später mit mir aus. Ich liebe sie sehr. Das Katastrophenteam im Einsatz:


Magda hat das Bild gemacht. Auch an sie geht ein mordsmäßiges Dankeschön. Ironischerweise trage ich das passende Shirt.

Wer 15 Euro aufbringen kann und nicht weiss, was er mit seiner Zeit anfangen soll, dem empfehle ich einen Tag im KAU. Zehn Euro Aufnahmegebühr, fünf für den Parkplatz – für jene, die auf einem Bein hüpfend nicht weit kommen. Wir warteten uns blöde und machten Bekanntschaft mit einem netten, jungen Mann, der sich gerade wieder in den stationären Entzug einweisen liess. Während er so erzählte, rann ihm der kalte Schweiss von der Stirn – er hatte gerade auf den Behindertentoiletten seine Nerven beruhigt.  Er sagt, für den ersten Tag empfiehlt es sich, mit gepackten Taschen zu kommen, für den smoothen Übergang in den Entzug gewissermaßen. Dann schlossen wir Bekanntschaft mit dem Teenager, der den Asphalt mit seinem Gesicht geküsst hatte. Und mit einer beachtlichen Menge Füßen – es war Tag des gebrochenen, geprellten, geschwollenen oder sonstwie lädierten Fußes am Urban. Ich habe eben einen geschärften Sinn für Trends.

All das (sowie auch die Episoden über den enorm attraktiven und charmanten AIP, die geschnorrten BTM und den geborgten Rollstuhl) ist aber weniger interessant als meine neuen Erkenntisse rund um das Thema Gips und Krankenhaus.

Beides existiert nämlich nicht nur in den Leidensdomänen Krankheit und Schmerz, sondern hat auch eine sexuelle Komponente. Ich hab mich da mal für euch schlau gemacht.

Der Gipsfetisch

Menschen, die von Gips fasziniert sind, nennt man Caster. Von Cast, wie sinnig! Sie finden es spannend, andere im Gips zu sehen oder selbst eingegipst zu sein. In letzterem Falle dominieren zwei psychologisch spannende Hauptmotive: das Gefühl der Unbeweglichkeit sowie die Aufmerksamkeit, die einem von seinen Mitmenschen aufgrund eines Gipsverbands zukommt. Ja hey, warum nicht. Ich gestehe, ich freue mich auch ein bisschen über die zahlreichen Hilfsangebote und die Besserungswünsche, mit denen auf meine Dummheit reagiert wurde.

Einer, der gern zusieht, beschreibt die andere Perspektive so: “Das Rollenspiel, die öffentliche Heimlichkeit, der Genuss des Tragens, das Wissen darum, dass so viele Männer einer Frau mit einem Gipsbein nicht widerstehen können und schweigend hinterherschauen und es sich mühsam zu verkneifen suchen sich das anmerken zu lassen, kann einen einfachen Spaziergang zu einer Sinnesorgie werden lassen.” (Quelle: lustschmerz.com)

Ja, sobald mein fieser Gesamtmuskelkater in Armen, Brust und Schultern sich in Kraft umgewandelt hat, mache ich mal einen Spaziergang und berichte. Ich bin mit meinem Knieabwärtsgips glücklicherweise quasi auf der sicheren Seite, denn ich erfahre im Zuge meiner Gipsfetisch-Recherche, dass Fußgipse ganz besonders hoch im Kurs sind. Ich habe also Glück im Unglück und kann meine Leidenschaft für Heels durch einen – wenn auch passiven – Fussfetisch der anderen Art ersetzen.

Doch Obacht mit dem Gips, ihr Lieben. Herr Lustschmerz warnt: “Gips wird hart, sehr hart. Er kann nicht so einfach mit einem Messer oder einer Schere mal eben entfernt werden. Die naheliegende (naheliegend, wtf? Anmerkung Frau Lotte) Idee, es mit einem Trennblatt auf einer Bohrmaschine zu versuchen ist unter allen Umständen zu unterlassen. Hier hat es schon die allerschwersten Verletzungen gegeben. Wenn die Bohrmaschine im Bein ist, dann ist sie drin und das richtig.”

Für Bohrmaschinen im Bein habe ich keinen Fetisch gefunden. Also lieber lassen. Führt eh nur zurück zum Gips, und da waren wir ja bereits.

An anderer Stelle erklärt ein Caster mit dem charmanten Nicknamen Joergl uns die Umsetzung des Fetischs: “Also wir tragen unsere Gipsabdrücke ziemlich lange. Abends beim Fernsehen, nachts im Bett und auch am Tage im Liegestuhl auf der Terasse. Selbstverständlich auch beim GV. Insbesondere die Gipsschuhe, nachdem sie richtig ausgetrocknet sind. Ihren Gipsslip zieht sie nach dem GV an. Es läuft dann nicht so schnell heraus.”

Aha! Wie gut zu wissen. Ich stelle mir noch schnell vor, wie die Lady in Gipsslip und Gipsschuhen auf der Terrasse (mit zwei “r”) chillt, am Grill steht oder mit den Nachbarn plaudert und möchte all das nun genauso schnell wieder vergessen.

Je mehr ich recherchiere, desto weniger möchte ich weiterschreiben. Ich für meinen Teil bin ganz froh, wenn ich in absehbarer Zeit wieder mit beiden Füßen auf dem Boden der Tatsachen stehe. Und dafür nehme ich gern in Kauf, für einen Teil der Bevölkerung nicht mehr unwiderstehlich zu sein. Liebe Caster, seht es mir nach. Mahalo.

Comments
10 Responses to “Frau Lotte und die Motorik, oder: Casting mal anders”
  1. Pinky says:

    Erst mal gute Besserung auf fiesem Wege – und vielen Dank für diesen Beitrag! Er hat mir das Warten aufs Boarding unterhaltsam verkürzt!

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  2. o_O says:

    Guter Beitrag! Gute Besserung! Schöner Gips :) Gips tragen kann auch Spass machen ;)
    Grüße aus Hamburg

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  3. lotterrr says:

    pinky, lieben dank!! man tut, was man kann.
    o_O, danke!! die “nebeneffekte” wie schmerz, hitzeentwicklung, ins wasser gefallener sommer, geschwollene zehen, vom krückenlauf schmerzende handballen sowie die tägliche thrombosespritze sind allerdings eher spasshemmend :(

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    • o_O says:

      ja da haste schon sehr recht! Doofe Nebeneffekte! Vielleicht wärste ja anderer Meinung, wenns nur nen Spassgips für ein paar Tage wäre ;)

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  4. Peter says:

    Erst mal gute Besserung auf jeden Fall! Ich finds klasse, wie du damit umgehst, nun mal auf Zeit für einen Teil der Bevölkerung interessant zu sein. Geschwollene Zehen und Thrombosespritzen fallen spätestens beim Gehgips weg, ebenfalls die schmerzenden Handgelenke. Den Sommer kannst du dann wieder genießen, auch ins Wasser gehen, ist mit ein bisschen Vorbereitung möglich… Ich hoffe also dass du aus deiner Situation doch noch Spass abgewinnen wirst – spätestens wenn dir die Casterwelt zu Füssen liegt… ;-)

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    • lotterrr says:

      Danke, Peter. Und natürlich, wer mir zu Füßen liegt -oder eben im aktuellen Fall zu Gipse- hat meine Zustimmung ;-)

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