The Dreibein Diaries, Teil 2: Joey’s Boys und Folsom Prison Blues

Wenn man so eingegipst zuhause sitzt, kann man genau einer Aktivität nachgehen: rumsitzen. Und rumliegen, der Vollständigkeit halber. Aber das Bein sollte dabei bitte immer hochliegen. Doch halt, nicht so schnell. Das Problem beginnt bereits bei der erstmal unglaublich irrelevant anmutenden Frage nach dem “wie hoch”. Die naturwissenschaftlich Begabten unter euch ahnen längst, warum das Präzisionssache ist: Legt man das Bein zu hoch, fliesst das Blut raus und die Zehen werden kalt und blau. Legt man das Bein zu tief, schiesst das Blut in die Zehen und sie werden dick, rot und schmerzen. Das richtige Maß zwischen entschlafenen und explodierenden Zehen zu finden ist leider kein feiner Balanceakt, sondern schlicht ein Ding der Unmöglichkeit. Dafür gibt es dann Thrombosespritzen und Schmerzmittel. Wenn man alle vorliegenden Schmerzmittel kumuliert, panaschiert und heiter mit anderen Dingen kombiniert, wird man zwar nicht schlauer, der Zustand jedoch erträglicher. Ausserdem akzeptiert man seine Isolationshaft leichter, wenn das Gehirn nur noch Chrrrrtttrrtttrttt macht. Folsom Prison Blues ohne Folsom Prison. Der spätere, schwermütige Johnny Cash ist hier übrigens durchaus angebracht. Abgesehen also von der körperlichen Anstrengung, die jeder Gang von einem Zimmer ins nächste bereits im nüchternen Zustand bedeutet, überlegt man sich folglich auch jede Umpositionierung des lädierten Beins ganz genau.

Die psychische Belastung, die so eine plötzliche Einschränkung mit sich bringt, sei mal außen vor gelassen. Zurück zum Überleben im Alltag:

Einkaufen fällt natürlich aus. Um nicht zu verhungern und/oder wahnsinnig zu werden, ist es hilfreich, ein paar wahre Freunde um sich zu scharen, die ab und an Nahrung, ein bisschen gute Laune und Zwischenmenschliches jenseits von Facebook in die Bude tragen. Für die anderen Tage (auch die tollsten Freunde können nicht jeden Tag Mozzarellasticks bringen und Behinderte bespaßen!) gibt es Joey’s. Joey’s (Friedrichshain) zeichnet sich durch verschiedene Aspekte aus:

-durchweg hotte Pizzaboys
-eine für einen Lieferdienst echt passable Pizza
-solide Mittagsdeals
-zeitnahe Lieferung
-ein Mindestbestellwert von sagenhaften 4,95 Euro. Da kann man guten Gewissens Trinkgeld geben, ohne sich zu ruinieren.

Ihr könnt euch vorstellen, dass Joey und ich schnell Freunde wurden. Auch die Pizzaboys kannte ich bald alle. Und die mich. Und alle erkundigten sich stets höflich nach meinem Fussbefinden. Kaum kam ein neuer, fragte er: “Na, die Kollegen haben schon erzählt, du bist die mit dem gebrochenen Fuß – tut’s noch arg weh?” (Übrigens fragen sie mich immernoch, wie es meinem Fuss so geht – acht Wochen nach dem letzten Verband!). Boys, ihr seid super – Joey, ich bin Fan!

Das Problem, wenn man nicht rauskommt, aber immer Pizza bestellt und Freunde Bier bringen, liegt auf der Hand (ich spreche nicht von der finanziell absurden Lage, in die man sich bringt oder der Sache mit dem Körpergewicht): Innerhalb kürzester Zeit stapeln sich Pizzakartons in der Bude und der Küchenboden wird zum Bierflaschenmeer (Hurra, die Rente ist gesichert!). Leider habe ich dafür keine Lösung gefunden, aber eins weiss ich: Sollte ich je wieder in eine ähnlich unpässliche Lage kommen, beantrage ich noch im Krankenhaus meinen persönlichen Zivildienstleistenden. Es sei denn, diese Zunft wird von meinem speziellen Freund KT nicht Wilhelm von und zu Guttenberg vorher abgeschafft.

Die pathetische Beschreibung der Bewältigung anderer Aktivitäten wie Duschen, Aufräumen und körperliche, ähm, Ertüchtigung in Gesellschaft erspare ich euch.

Liebe Freunde (you know who you are!), ich werde euch eure Unterstützung nie vergessen. Ihr seid großartig. Danke.

Comments
4 Responses to “The Dreibein Diaries, Teil 2: Joey’s Boys und Folsom Prison Blues”
  1. Mamamia says:

    Die Einträge zum Leben als Dreibeiner hätten umfangreicher ausfallen können, mein Lottenköpchen. Zum einen ist es unterhaltsam, zum anderen darf man seinen Wissensvorsprung nicht so eigennützig für sich behalten. Andere haben auch nur drei Beine! Und sclimmer geht immer: Nur ein Leben! Nur ein Gehirn! ;)

    Ich grüße zum Schluß alle meine Freunde: Joey’s, kino.to, Dietmar Dath und seine Bücher, die Firma OPED, das Sachsenhäuser Krankenhaus, meinen Hausarzt, meine Haushälterin, meinen Physiotherapeuten, meine Sachbearbeiter von der Krankenkasse, meinen Chirurg, meinen Anästhesisten und meinen Apotheker.

    Ich empfehle für den Start ins Leben als Dreibeiner: Krückengriffpolster, gepolsterte Fahrradhandschuhe, Armmuskulatur, Gleichgewichtssinn, eine große Umhängetasche, einen auslaufsicheren Thermo-Kaffeebecher, einen rollbaren Bürostuhl, Gitterboxen die auf den Schoß passen, einen schnellen Internetzugang, einen Skype-Account, alle Lieferdienste deiner Stadt, reichlich Bargeld unterm Kopfkissen, eine Badewanne, einen Aufzug oder eine Wohnung im Erdgeschoss, eine Haushaltshilfe/einen Zivi und viele gute Freunde!

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    • lotterrr says:

      bargeld unterm kopfkissen! richtig! das hatte ich schon wieder komplett vergessen. das war auch immer furchtbar schwierig, an kohle zu kommen. joey nimmt gluecklicherweise ec-karten :)

      einen auslaufsicheren kaffeebecher haette ich oberdringendst gebraucht.

      ich empfehle sopranos season 1-6. gute besserung weiterhin. bleib tapfer, du hast es fast geschafft. nicht deprimieren, nicht wahnsinnig werden. wir quatschen heut abend?

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      • att says:

        maedsche, gute besserung wuenscht die olle att!

        und ich schreibe diesen kommentar auch, weil joeys pizza in hiesigen gefilden:
        DER LETZTE ROTZ
        is.

        mieser service, scheisspizza.

        ok, der bub, der einmal was nach monden des wartens endlich kalt und zermatscht gebracht hat, war ganz putzikk.

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  2. lotterrr says:

    att! mir geht’s wieder gut, danke. und dir?
    wie schade. ich dachte, die pizzen seien genormt bei joey’s. na immerhin war er putzikk!

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