Drei Panikattacken für ein ö sölö miö!

Prolog

Freitag, 09:00 Uhr. Der Kunde hat das Shooting in Leipzig abgesagt.
Freitag, 10:30 Uhr. Mich erreicht eine klare Ansage, dass der darauffolgende Dienstag der allerletzte Shootingtermin sei und ein Shooting am Wochenende nicht in Frage käme.
Freitag, 10:34 Uhr. Der Fotograf hat Dienstag schon anderweitige Verpflichtungen. Also Montag. Ums Verrecken.
Freitag, 10:35 Uhr. Erste Panikattacke. Let the games begin. Die Gondel muss aus dem Kanal in Leipzig in ein Gewässer, in dem kein Hochwasser herrscht. Nach Abwägen verschiedener Optionen fällt die Wahl auf den zweiten Shootingort, die Glienicker Lake zwischen Potsdam und Berlin. Der “Einfachheit” halber. Mir ist in etwa so:

1. Akt, die Panik.

Aber wie zur Hölle bringe ich eine venezianische Gondel, die im Kanal in der Leipziger Innenstadt zu Wasser liegt, in die gut 130 km entfernte Glienicker Lake? Dass das nicht meine Aufgabe ist mal außen vor gelassen. Yougottadowhatchagottado.

Was dann folgt, sind eine zweite Panikattacke und zehn Stunden fieberhafter Brainstormings, Recherchen, Telefonate, Verhandlungen, Nachverhandlungen. Zwischendrin muss ich mich immer wieder auslachen lassen, weil ich Freitag Nachmittag einen Auftrag für Montag vergeben möchte. Gern doch.

Fragen über Fragen werden aufgeworfen. Auf keine kenne ich bislang eine Antwort. Wie kommt die Gondel aus dem Wasser? Mit was kann ich sie artgerecht transportieren, so dass der Eigentümer nicht spontan “Och nö, doch nicht!” sagt? Reicht ein Trailer für Drachenboote? Brauche ich einen Yachttransporter? Wie kommt die Gondel aus dem Wasser? Wie zu Wasser? Mit einem Kran? Wo kann man den am Zielort abstellen? Brauche ich eine Genehmigung? Wer versichert mir das alles?

Am Ende des Tages sind natürlich Antworten und Lösungen gefunden, alles organisiert und in die Wege geleitet. Ich habe sogar ein neues (Un-)Wort gelernt: Slipanlage. Bahaha! Eine Slipanlage ist ein Fließband vom Land ins Wasser. Da packt man sein Boot drauf und das Band transportiert es ins Wasser. Bis zu dreieinhalb Tonnen kann der Kran der Slipanlage auf das Band heben. Ganz gut! Wisst ihr Bescheid: Ich bin nun nicht nur Fachfrau für nationale Groß-, Schwer-, Drachenboot- und Yachttransporte. Noch dazu weiss ich auch voll die wichtigen Dinge über Gondeln. So eine Gondel wiegt etwa 700 kg, ist locker elf Meter lang, dabei aber nur schlanke 1,40 Meter breit. Man sagt, sie seien komplett vernagelt und nicht geschraubt. Ich habe daraufhin unsere Leihgondel mal unter die Lupe genommen – das sah schwer nach Schrauben aus. Und ich hatte mir schon Sorgen um die holprige Fahrt auf ostdeutschen Plattenautobahnen gemacht! Ha, wie unnötig!

2. Akt, lass laufen.

Montag, 08:30 Uhr. Der Kran ist zu spät in Leipzig angekommen. Der Transporter ist schon da und sein Fahrer latent genervt. Ich hatte den vorsichtshalber zu früh bestellt, klar. Die Gondel wird also von ihrem Liegeplatz mit Hilfe eines Motorbootes zum nächstgelegenen Parkplatz gezogen, von dem der Kran sie aus dem Wasser ziehen kann. Et voilà, en route!

Montag, 13:30 Uhr. Die Gondel trifft an der Glienicker Brücke ein. Überpünktlich. Sie heißt Città Lipsia – Stadt Leipzig. Den Namen hat sich ein besonders origineller Politiker ausgedacht, der das Ding gesponsort hat, erzählt Danny, der mitreisende Gondolière. Die dritte Panikattacke bekomme ich dann, als ich die Zufahrt zur Slipanlage sehe. Der Weg gleicht einem Gehweg, und es ist schwer vorstellbar, dass dort ein Auto entlang passt – geschweige denn ein Geländewagen mit einem 12 Meter langem Trailer. Sollte nun auf der Zielgeraden doch noch alles scheitern? Der Wagen schafft es dann aber glücklicherweise tatsächlich mitsamt Trailer den schmalen, kurvigen Weg zur Slipanlage runter. Bei strömendem Regen wird gewassert.

Dann kommt Dannys große Stunde. Routiniert zieht er die Plane ab, packt sein Ruder und gondelt los vom Hafen zur Brücke, wo er total nonchalant und lässig , vor allem aber patschenass vorfährt. Schwer beeindruckend!

3. Akt, ohne Selbstmord.

Was folgt, ist der klassische Shootingspaß. Zwei schöne Momente möchte ich euch aber nicht vorenthalten.

Im Zuge ihrer Zweitfunktion als Statisten fahren drei Kundenbespaßerinnen Wassertaxi und stehen wie die drei Affen an der Reling. Der Boy an Bord verspürt offenbar einen enormen Leistungsdruck und versagt prompt vier Mal in Folge beim Anlegemanöver. Das habe ich leider nicht fotografiert, dafür gibt es hier einen Blick vom Wassertaxi:

Auch gut: Unser Gondolière Danny zeigt dem Model-Gondolière, wie man so eine Gondel bewegt. Gondelfahrschule sozusagen. Doch uh oh, auf einmal taucht Ulla auf… Ulla ist ein Gütertransportschiff und für die dortigen Binnengewässerverhältnisse schon recht groß. Unser Model hat die Gondel so auf das “offene” Wasser hinausnavigiert, dass sie sich Ulla mit ihrer langen Seite anbietet – Ulla hätte entspannt einmal drüberfahren und unsere zierliche Gondel zweiteilen können. So einfach. (Was das gekostet hätte!)

Die Gondel mitsamt Besatzung:

Danny konnte man neulich übrigens bei Schwiegertochter gesucht durch Leipzig gondeln sehen. Er hat die beiden Kleinen gefahren (und nicht zu vergessen das Kamerateam!). Uns hat er übrigens am Ende des Shootingtages auch von der Brücke zur Anlegestelle mitgenommen. So schipperten wir nach einem langen Tag in der Glienicker Lake in den Sonnenuntergang und statt eines dramatischen Endes fand ich noch ein bisschen Frieden. Ö söle miööö.*

*Übrigens warfen die Leute schon mit Schuhen nach den Leipziger Gondelboys, als sie beim Gondelfahren sangen. Das ist doch mal deutlich.

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