Bayern für Anfänger

Natürlich war ich in meinem Leben bereits das ein oder andere Mal in Bayern. Auch im tieferen Bayern, wo die Leute komisch sprechen. Aber ich habe nie viel mit denen gesprochen und so blieb mir die umfassende Weirdness dieses Volkes verborgen. Diesmal war alles anders. Ich war mit einem Bayern in Bayern und unter Bayern. Voll insidermäßig! Ich habe diese Abkürzung nie benutzt, aber nun drängt sie sich als perfekte Zusammenfassung meiner Eindrücke förmlich auf: OMG!

Fangen wir vielleicht mit dem deutlichsten Unterschied, ja, ich möchte sagen Abgrenzungsmerkmal dieses Volksstammes (Entschuldiung, der Freistaatler meine ich natürlich!) an:

Der bairische Dialekt (so die linguistisch korrekte Schreibweise).

Vor vielen Monden lehrte mich ein weiser Professor an der Universität, dass Dialekte regionale Sprachvarietäten bezeichnen. Folgt man dieser Logik, müsste jemand, der Deutsch spricht, Bairisch zumindest verstehen. Mit dieser naiven Sicht stürzte ich mich also völlig unbedarft in dieses Abenteuer. Doch Obacht! Ein paar recht einseitige Konversationen später musste ich feststellen: So läuft das nicht. Selbst der Kulturschock blieb aus – wohl in Ermangelung meiner Fähigkeit, Zusammenhänge in dem Gebrabbel auszumachen. Glücklicherweise gibt es einen Trick: Betrachtet man Bairisch als Sprache, deren Wörter und Grammatik man erst lernen muss, so findet man sich deutlich leichter in diese neue Welt ein.

Ich war in Vilshofen an der Donau. Das gehört geographisch zu Niederbayern und linguistisch zu Mittelbairisch. Die Bayern von dort sagen, ihr Bairisch sei das einzig Wahre, und Verbreitung und Bekannheitsgrad dieses Dialekts geben ihnen Recht. Warum das so ist, weiss vermutlich nur der Teufel. Ich kann hier beruhigt Wikipedia zitieren (Interessierte klicken hier, der Artikel birgt noch viele weitere, tolle Worte), denn genau wie dort beschrieben hat es sich zugetragen:

“…typisch für das Westmittelbairische ist die alte Form für „sind“: hand („Mir hand eam inna worn“ = „Wir sind dahintergekommen“. „Uns“ erscheint oft als „ins“ und „zu“ als „in“ („Da Schwåger is in’s Heig’n kema“ = „der Schwager kam zum Heu machen“. „Wenn“ wird mit „boi“ aufgelöst (= sobald): „Boi da Hiabscht umi is“ = „wenn der Herbst herum/vorbei ist“.”

Natürlich haben die Bayern auch ihre eigenen Grußformeln. Ganz beliebt zum Hallo sagen: “hawedere”! Heisst soviel wie “habe die Ehre”. Ja, nee, is klar! Der Renner zum Tschüss sagen: “pfiatdi”, oder im Plural “pfiateich”. Heisst dann übersetzt etwa “führe dich/euch (Gott)”. Natürlich!

Besonders süß finde ich außerdem, wie ein kleiner Vokal wahre Dialektperlen bildet: die i-Endungen. Umi (vorbei), aufi (nach oben), hintri (nach hinten), vieri (nach vorn), und viele mehr. Gibt es auch für andere Worte wie gfâli (!!!, gefährlich) und vui (viel). Tiiihihi! Ich bin Fan!

Ebenfalls hochcharmant und präzise zugleich ist die Angewohnheit, Vor- und Zunamen der Menschen im Gespräch zu Familiennamevorname zusammenzuziehen: Mülleralois zum Beispiel. Oder, wenn man den Vornamen nicht weiss: Die Müllermam. Das wäre dann dem Mülleralois sei Muddi.

Ich sag mal so. Irgendwann habe ich so 70 Prozent der gesprochenen Worte verstanden und gemerkt: Der Rest ist streng genommen ohnehin überflüssig. Wer braucht schon die ganzen “freili” und zusätzlichen Hilfsverben, die an total verwirrenden Positionen im Satz stehen? Es ist doch wie mit jeder Sprache: Versuche, ein Verb, ein Subjekt und vielleicht sogar ein Objekt aus dem Kontext auszumachen, dann wird das schon. Ansonsten gilt: Freundlich nicken, lächeln, Rückzugsgelegenheit abwarten.

Mehr zu meinen Erlebnissen nach der Überwindung der Sprachbarriere dann demnächst. Aber eins ist sicher: Ihr Bayern, i hob eich liab.

Comments
3 Responses to “Bayern für Anfänger”
  1. Phölöpp im Inter-Rocitor says:

    GROSSARTIG!! :D

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  1. […] mit ausgewählten Exempeln der Vilshofener Bevölkerung nach Überwindung der Sprachbarriere (siehe Bayern für Anfänger) […]

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  2. […] fühlen (wir erinnern uns an völlige Orientierungslosigkeit in Russland oder an Situationen mit drei Fragezeichen überm Kopf in Bayern). In Schweden stellt sich die Lage jedoch etwas differenzierter dar: Stockholm ist eine Stadt, die […]

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