Das Fremdenzimmer

Bayer kommt nicht etwa von Bauer, sondern leitet sich ethymologisch wahrscheinlich von “Boier”, dem Namen eines keltischen Volkes ab. Dazu gibt es allerdings divergierende wissenschaftliche Theorien. Anyhoo. Die Bayern, das sind die mit dem Ede (für die jüngeren Leser kann Ede durch KT, eine ähnlich schillernde Figur der Öffentlichkeit ersetzt werden. Deren Austauschbarkeit wurde übrigens an anderer Stelle bewiesen). Die Bayern, das sind ferner die mit dem Weißbier, den Brezn und diesem Augenkrebs fördernden blau-weißen Rautenmuster auf Tischdecken, Wimpeln, Flaggen, Schirmen, Ponys, Tischsets, Tassen… Aber an dieser Stelle möchte ich jedoch weder pauschalisieren, noch mich über meinen speziellen Freund KT in Rage schreiben. Hier soll es vielmehr um meinen Erstkontakt mit ausgewählten Exempeln der Vilshofener Bevölkerung nach Überwindung der Sprachbarriere (siehe Bayern für Anfänger) gehen. Das Fremdenzimmer So ist es. Ich habe im Fremdenzimmer genächtigt. Faire Bezeichnung, schliesslich bin ich fremd, aber ein wenig stigmatisiert habe ich mich schon gefühlt. Ich bin die Fremde: nicht von hier, keine von uns. Ich werde mit Skepsis beäugt, aber freundlich behandelt. Ich schiebe letzteres auf meine einheimische Begleitung. Puh! Im Flur der Pension, die zu den Fremdenzimmern im 1. OG führt, hängt eine auf den Namen des Pensionsgründers ausgestellte, gerahmte Urkunde, die die Abgrenzung Bayerns von Restdeutschland weiter verdeutlicht:

Werd ma Boier

Keine weiteren Fragen, die Fronten wären hiermit geklärt. Meine Begleitung und ich lassen uns das Zimmer zeigen, alles gut, Frühstück dann am nächsten Morgen um Neun, bitte. Als wir am folgenden Morgen zum Frühstück aufmarschieren, haben wir bereits entdeckt, dass die Toilettendichtung im Zimmer kaputt ist und der Fernseher keine Programme empfängt. Genau wie wir sind bemängeln wir diese unwürdigen Umstände direkt, doch statt die Zeit zu nutzen, in der wir uns im Speisesaal befinden, setzt sich unser Gastwirt erst einmal zu uns an den Tisch und fängt ein Gespräch an. Das nennt sich im Tourismus-Sprech dann “familiäre Atmosphäre”. Die Pension sei derzeit komplett ausgebucht, erzählt der Gastwirt, vor allem von Polen, die hier arbeiten (übrigens, gesehen habe ich während des gesamten Aufenthalts keinen einzigen Gast). Da wir auch zu diesem Zeitpunkt die einzigen Gäste im Speisesaal sind und meine “die Wurst und der Käse dürfen nicht auf denselben Teller”-Attitüde den gestandenen Herrn nicht abschreckt, werden wir nun in die Dorfgeschichten der letzten 20 Jahre eingeweiht. Wer mit wem, wer nicht mehr, wessen Kinder wie und wo und mit wem und wem nicht… Wissen wir jetzt voll Bescheid. Nach dem Frühstück führt uns der Herr des Hauses noch durch den Speisesaal und die angrenzenden Zimmer und zeigt uns, wo hier früher mal die (wohl berühmt-berüchtigte) Diskothek war, wo man auf dem Boden an den Fliesen noch die Tanzfläche erkennt und wo hinter dem ehemaligen DJ-Pult ein Zimmer entstanden ist. Er zeigt uns sogar das Zimmer – das ist zwar momentan belegt, aber die Gäste sind ja im Augenblick nicht da! Schliesslich folgt uns unser freundlicher Gastwirt dann aufs Zimmer, um die Funktionalität unseres Fernsehers zu überprüfen. Ihm wiederum folgt ein halbseriös aussehender Handwerker von der Sorte “kann alles”, um nach unserer Toilettendichtung zu sehen. Meine Anwesenheit im Zimmer stört beide zum Glück wenig. Die Herren werkeln, räumen unsere Taschen hin und her und unterhalten sich lautstark. Nach einer halben Stunde ist dann alles schön. Lieben Dank, bis morgen zum Frühstück. Featured Image: Creative-Commons-Lizenz „Namensnennung 3.0 Deutschland by High Contrast

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