Augen auf in Wasserfall und Whirlpool.

Ich bin vielleicht zu jung für eine Midlife-Crisis, aber ich habe mein Dasein à Huis Clos in letzter Zeit der Gesellschaft oberflächlicher Bekanntschaften vorgezogen. Ihr glaubt ja nicht, wie angenehm ein wenig Ruhe und Selbstreflektion im Vergleich zum Wochenendrausch, aufgesetztem “Heeey! Wie schön, dich zu sehen! Na, bis später dann!” und dem Tratsch über abwesende Dritte sind. Direkt katharsisch. Cut the Crap, das wussten schon The Clash.

Wären völlige Isolation und zugezogene Vorhänge jedoch die Antwort, wäre die Menschheit nicht in Gesellschaften organisiert. Das erschließt sich auch mir und aus diesem Verständnis erwuchs vermutlich auch das Bedürfnis, vor die Tür zu treten. Und das einmal nicht, um lebensnotwendige Erledigungen zu tätigen. Ganz im Gegenteil: Wir sind total uneffektiv und umweltsündigend mit dem Auto losgefahren, um Zeit “da draußen” zu verbringen, die keinem weiteren Zweck als der eigenen Bespaßung und Horizonterweiterung dient. Ja nun, zu diesem Zeitpunkt war auch der Dieselgott noch nicht zum tête-à-tête mit Gaddafi in einem Erdloch in Venezuela verschwunden.

Da das Wetter an besagtem Tag vermutlich ebenfalls mit den beiden im Erdloch blieb, beschlossen wir, eine der viel umjubelten Brandenburger Thermen zu erkunden: die Fläming-Therme in Luckenwalde.

Die Website hatte die Erwartungen im Vorfeld recht hoch gesteckt: Versprochen wurden u. a. ein Kletternetz, ein Strömungskanal, eine Riesenrutsche, ein Hangelseil sowie ein Wasserfall. Erlebnisbaderprobte werden unbeeindruckt mit den Schultern zucken, aber ich fand das für Luckenwalde recht amtlich. Also hin. Dort angekommen hatten wir die erste Ost-Epiphanie noch in der Schlange vor der Kasse, als ein Herr im besten Alter fragte, ob er einen Badeanzug für seine Tochter ausleihen könne. (Konnte er nicht. Therme – Bürger eines neuen Bundeslandes 1:0).

In der Therme selbst bot sich uns ein Bild, das klischeehafter kaum hätte sein können: Frei herumlaufendes Testosteron in Form aufgepumpter Herren, gefolgt von mit wasserfestem Make-Up reichlichst gestylten Damen. Natürlich stets je zwei Damen pro laufendem Muskel. Ich weiss ja nicht, diese Typen mit ohne Hals, die sind mir irgendwie nix. Und dann waren da noch die nur mittelfreundlichen Hünen mit dem starren Blick, den seltsamen Tattoos und diesen Thor Steinar (oder war es Thorten Schneidar?) T-Shirts, von denen man immer liest. Das fand ich übrigens sogar unbewusst so doof, dass ich die Nacht darauf träumte, ich säße auf einer NPD-Veranstaltung und meine Tarnung (mein teutonisches Äußeres und meine aufrechte Haltung natürlich!) könne auffliegen. Oh je!

Aber zurück zur Therme. Die hatte dann leider doch kein Hangelseil und der Wasserfall glich auch eher einer undichten Stelle in der Wand. Sehr verweilenswert war dagegen der Whirlpool (den mein Nagellack übrigens heil – oh, pun intended! – überstanden hat). Glücklicherweise seid ihr zur fundierten Urteilsbildung nicht auf meine Kritik angewiesen: Die Fläming-Therme hält für diejenigen unter euch, die trotz neuzeitlicher Informationsflut, Aufmerksamkeitsverknappung und ADHS noch mehr wissen wollen, einen kleinen Imagefilm bereit. Achtung: Wer aufgrund der Fahrstuhlmusik nicht vorzeitig entschläft, sollte ca. ab Minute 3 mit nackten Tatsachen rechnen.

Nicht, dass ein falscher Eindruck entsteht: Ich möchte festhalten, dass ich Brandenburg toll, die meisten Menschen aus der Ferne erträglich und Thermen auch ohne Hangelseil gut finde. Liebes Brandenburg, liebe Fläming-Therme, danke für einen wunderbaren Tag.

Featured image freundlicherweise von H.mattersberger der Welt for any purpose including unrestricted redistribution, commercial use, and modification zur Verfügung gestellt. Geil!

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