Backe, backe, fluchen…

Ihr erinnert euch sicher noch an die Euphorie, mit der ich euch von CakeVille berichtete. Was ich euch damals nicht erzählte, war, was danach geschah. Wie so oft wurde das Hoch der Begeisterung recht schnell gedämpft. Mein Dämpfer hatte nicht direkt mit Hodas bezauberndem Laden zu tun, sondern war die Konsequenz meines Versuchs, das Gekaufte zu benutzen und atemberaubende Sachen damit zu machen. Machen zu wollen, natürlich.

Nun.

Ihr kennt das vielleicht: Ihr schaut ein Skateboard-Video an und hüpft dann hochmotiviert ins Freie, um die halsbrecherischen Stunts auszuprobieren. Oder ihr seht ein tolles Graffiti und beschließt, eine zweite Karriere als mißverstandener Künstler zu starten. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen, doch hier soll es um die dramatischen Folgen einer solchen verschobenen Realitätswahrnehmung gehen. Im Zuge der ersten Motivation ahnt man nämlich noch nicht, dass man bei ersterem sofort auf die Fresse fliegt und bei zweiterem die Enttäuschung mit dem Tageslicht kommt, wenn man merkt, dass Zartrosa und Flamingopink nicht ordentlich ineinander übergehen. Klarer Fall: Auf Euphorie folgt Frust (oder ein Handgelenkbruch).

Das vorweggenommen könnt ihr euch vielleicht ausmalen, was sich infolge meines Backversuchs ereignete. Aber von vorn: Ich bin so ganz OK im Umgang mit Backmischungen. Plätzchen sind mir nix, der Teig klebt immer so doll, dass meine Pilze am Ende wie Penisse aussehen (kommt mir nicht mit Freud, das ist jetzt nicht der Moment!). Und richtiger Kuchen, herrje, dafür gibt es doch den Mr. Minsch auf der Yorckstraße. Aber ich wollte auch so Torten backen wie die Hoda. So mit bunt und ooooh und aaah!

So kam es, dass ich den Geburtstag eines lieben Freundes zum Anlass nahm, mich an solch einem beeindruckenden Kuchen zu versuchen. Also deckte ich mich mit dem nötigen Kram ein, der ein vielversprechendes Ergebnis andeutete:

Um 15.00 Uhr sollte die Feier losgehen. Kurz davor telefonierte ich noch mit Andru. Das Gespräch, das wie folgt verlief, hätte mich stutzig machen müssen:

Ich: Ich bin noch am Backen.

Andru (kurze Stille): Du backst…?

Ich (lässig, flötend): Jaja! Geht aber ganz flott alles, Teig ist schon fertig und kommt gleich in den Ofen. So in 1,5 Stunden hol ich dich ab.

Andru (wieder Stille): Ummmmmmmm wenn du meinst. Äh, ich ruf aber nochmal an, vielleicht fahre ich schon vor.

Das war kein Wink mit dem Zaunpfahl, das war der ganze Zaun über den Kopf gebrettert. Nur habe ich mir nichts dabei gedacht. Ich war doch halb durch! Dann schob ich den fertigen Teig in der flotten Gitarrenform in den Ofen und ging mir erstmal ein Gesicht malen.

Dass ich das zwei Stunden später kurz vorm Nervenzusammenbruch herunterschwitzen sollte, ahnte ich da noch nicht. Dann nahm der Spaß seinen Lauf. Nach knappen 1,5 Stunden im Ofen checkte ich das Innere mit der Messerspitze. Flüssig. Das brachte mich aus dem Konzept, hatte ich doch ausgerechnet, dass diese Menge Teig etwa so viel Zeit benötigen würde. Es ist eine echte Gemeinheit, dass die Backzeit nicht proportional mit der Teigmenge steigt, sondern sich vielmehr potenziert. Blöderweise war der Kuchen am Gitarrenhals (weil schmalste Stelle, klar, ne!) schon recht keksig. Sollte das so?

Gefühlte vier (und tatsächliche zwei) Stunden später war es endlich so weit. Der Kuchen war gebacken. Jetzt noch fix aus der Form gelöst und dekoriert und ich käme nur drei Stunden zu spät. Ich gewann an Zuversicht. Doch natürlich wollte der Kuchen nicht aus der Form raus. Dabei hatte ich die doch gut geölt! In meinem steigenden Selbstzweifel wandte ich mich, wie immer in Notsituationen, an eine bekannte Internet-Suchmaschine. Die Ergebnisse waren ernüchternd. Kuchen, so las ich, muss erst vollständig auskühlen, bevor er die Form verlässt. AUSKÜHLEN! Dafür hatte ich doch keine Zeit! Ich überlegte kurz, ob ich ihn ins Gefrierfach legen sollte. Negativ, das könnte das fluffige Innere zerstören und das keksige Äußere betonhart machen. Das war sogar mir klar. Ich entschied mich, den Blödkuchen in den Kühlschrank zu stellen. Das konnte wohl kaum so schlimm sein. Irgendwie ließ mir aber auch die Kühlschranklage keine Ruhe und nach einem längeren hin und her zwischen Kühlschrank und Küchentisch resignierte ich schließlich. Die anderen waren bestimmt eh schon betrunken, und ob ich nun drei oder vier Stunden zu spät käme, würde da keiner mehr merken. Ich setzte mich also stark frustriert zurück auf die Couch und starrte geradeaus. Hörte der Uhr zu. So fühlt sich also Versagen an. Ich schwör, das ist krass deprimierend. Auf einmal verstand ich das Verlangen nach einem alkoholhaltigen Kaltgetränk zur Stimmungsaufhellung. Gleichzeitig zitterte ich. Das war es dann wohl. Nervenversagen. Dabei hatte ich schon so viel geschafft: Studium hier und da, Sprachen gelernt, zur Hölle, sogar die Kampagne eines großen Kunden hatte ich bis kurz vor Start alleine gewuppt. Und jetzt drehte ich durch, wegen eines Kuchens in einer verdammten Gitarrenform. Nein, ich war noch nicht bereit aufzugeben. Und auf einmal, als ich glaubte, nix ginge mehr, flutschte der Kuchen locker-flockig aus der Form. HA! HA! HA! Triumph! Erstaunlicherweise war das Drama damit beendet, er ließ sich easy-peasy dekorieren und sogar der Transport war kein (großes) Thema.

Mit zittrigen Händen, einem Happy Birthday und den Worten “Ich backe nie wieder” überreichte ich das Corpus Delicti, trank einen Schnaps und hakte das Thema innerlich ab. Sollte ich mal heiraten, dachte ich, würde ich mir schon eine andere Nische suchen. What the Gebäck.

Zur Vollständigkeit sei angemerkt: Ich konnte das nicht auf mir sitzen lassen und habe es zu Kathis Geburtstag erneut versucht. Auf einmal war alles ganz unkompliziert. Ich würde sagen, ich kann jetzt geheiratet werden!

Comments
2 Responses to “Backe, backe, fluchen…”
  1. thomasiosx says:

    Sollen wir die Heiratsanträge per Kommentar stellen, oder doch lieber auf die altmodische Tour?

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