Umland-Romantik is the new Arztroman

Heute geht es nicht um mein Lieblingsthema (Schuhe) und auch nicht um euer Lieblingsthema (Sex). Sorry. Es geht aber auch nicht um Politik. Ich werde nicht mal versuchen, euch viele langweilige Bildungsexkurse unterzumogeln.

Hier folgt nun leichte Unterhaltung für Umland-Romantisierende. Der Hausschuh unter den Louboutins, der Arztroman unter den Pornos sozusagen.

Mit der Erkundung des Klosters Chorin hatte ich schon eine Weile geliebäugelt, es bei meinen Brandenburg-Trips bisher allerdings nicht aus dem MAZ-Verbreitungsgebiet heraus geschafft. Heute sollte es so weit sein. Ich würde Neuland betreten, MOZ-Land. Ob es da auch diese Nazis gäbe, von denen man im Zusammenhang mit Brandenburg immer hört?

Meine Route führte mich über die klassischen Brandenburger Bundesstraßen: von Bäumen gesäumt, in regelmäßigen Abständen am Straßenrand ein Kreuz, Grabkerzen oder Roadkill. Oder alles zusammen. Land, Baby. Kurz vor Britz (nicht in Neukölln, du Horst!) kam dann die große Kindheitsreminiszenz: ein Mohnfeld. Und was für eins! Schaust du:

Meine Oma hatte auch mal ein Mohnfeld. Natürlich viel kleiner, aber mindestens genauso rot. Ich musste also anhalten. Zu meinem Entsetzen wuchsen die Mohnblumen jedoch nicht bis an den Straßenrand, wie man das aus ordentlichen Blumenbeeten kennt. Ver-dammt! Ich würde mir einen Weg ins Feld bahnen müssen. Ich. Ins. Feld. Deswegen wohne ich doch in der Stadt. Ich kann so etwas nicht. Da man aber im Leben ständig über seinen eigenen Schatten springen muss, wagte ich den Versuch. Natürlich nicht, ohne die Strumpfhose, die ich vorher aufgrund der massiven Hitze während der Fahrt mühsam und unter Einsatz meines Lebens von meinen Beinen geschält hatte, wieder anzuziehen. Eher als emotionales Backing, ist klar.

Mutig machte ich zwei Schritte vorwärts. Ob es hier wohl Schlangen gab, schoss es mir durch den Kopf. Da musste ich kurz selbst über mich lachen, bevor mich eine viel unmittelbarere Gefahr stocken ließ: Zecken (die Blut-, nicht die Biersauger). Ich stakste vorsichtig weiter ins Feld, immer mohnwärts. Der Saum meines Mini(!)kleides strich gruseligerweise die hochgewachsenen Getreideähren, durch die ich mir zielstrebig den Weg bahnte, stets hochachtsam gen Boden blickend und Ausschau nach Schlangen, Zecken, Spinnen, Ratten, Füchsen, Mäusen, Heuschrecken (die Insekten, nicht die Kapitalisten), Elefanten und weiterem Kleinvieh haltend. Wie Rambo pirschte ich mich durch vermintes Terrain. Wie schnell es gehen würde, dachte ich, wenn sich ein, zwei oder fünf Zecken einfach im Vorbeistreifen an mir festhielten. Und dann bekäme ich Borreliose! BORRELIOSE! Vielleicht sogar fünffach! Die gemeine brandenburgische 5-Zeckenbisse-Borreliose of Death! Es schauderte mir.

Im Mohn machte ich schnell ein paar Beweisfotos und hüpfte hastig und unbeholfen zurück Richtung Asphalt. So hatte sich im Mohnfeld stehen mit vier Jahren nicht angefühlt, ich schwör.

Wie es sich für ein ordentliches Dorf gehört, gibt es in Britz auch eine Dorfkirche. Zack hin, nix wie rin! Voller Vorfreude packte ich die Türklinke, ruckelte heftig daran – geschlossen. An einem verdammten Sonntag! Wo ist er jetzt, euer Jesus? Leise vor mich hingrummelnd (so macht man das in Berlin mit den Selbstgesprächen) stapfte ich einmal um die Kirche herum über den ziemlich überschaubaren Friedhof. Der Umweg war nicht ganz umsonst, denn hier wurde mir schlagartig klar: Die mediale Hysterie, Brandenburg leide überproportional stark unter dem demographischen Wandel und einer zunehmenden Überalterung, konnte ich lässig als Mythos enttarnen! Nimm das, Destatis! Zumindest auf diesem Friedhof ist nämlich noch reichlich Platz. (Eine Alternativtheorie wäre, dass der Trend zur Erdbestattung im Grab rückläufig ist und man sich lieber granulieren, diamantisieren oder einfrieren lässt. Ein Blick auf die Kaufkraftkarte der Region deutet jedoch weiterhin eher auf These 1).


Kein Vergleich zu Père Lachaise. Aber Britz ist ja auch nicht Paris.

Gegenüber findet sich die Dorfschänke. Ich hätte “Zum Friedhof” als Kneipennamen sehr passend gefunden, lokal wie perspektivisch betrachtet.

Auch schön (wenn Schönheit im Auge des Betrachters liegt):

Ich fuhr weiter, über die Dorfstraßen, an deren Straßenrändern einzelne Jugendliche mit leeren Blicken herumlungerten und durch die brandenburgischen Wälder. Schließlich erreichte ich Chorin, wo ich mir einen kostenlosen Parkplatz (Ersparnis: 2.50 EUR) und kostenlosen Klostereintritt (Ersparnis: 4.00 EUR) erschlich, um im Folgenden im kühlen Klosterkeller etwas über Bauschutt in verschiedenen Formen zu lernen. Nicht.

Anyhoo, Chorin!

Erst die Bilder, dann die Bildung:






Sesam, öffne dich kostenlos!

Der Name Chorin kommt angeblich vom slawischen Adjektiv “chory”, und bedeutet auf deutsch “krank”. Subtiler Humor war anscheinend schon zu Pestzeiten ganz groß.  Auch der Choriner Sumpf wird geläufig das “Faule Bruch” genannt. Noch Fragen?

Die Stiftungsurkunde des Klosters geht auf 1258 zurück. Das Teil ist also ziemlich vintage (Hipstersprech für “alt”). Aus dem “Tourismusführer von Kindern für Kinder” erfahre ich, dass es als dreischiffige Backsteinbasilika gebaut ist und dass dort jährlich der Oster-Kloster-Markt (der Name, der Name!) stattfindet. Auch “Die Prinzessin auf der Erbse” wurde hier gedreht. Im Keller findet sich ziemlich viel Gestein, auf Ausstelltischen sauber präsentiert. Wer schon immer wissen wollte, wie im Mittelalter Baumaterial hergestellt wurde, dem sei ein Besuch dort empfohlen. In meiner Welt ist so etwas Männersache, soll doch bitte jemand anders die Steinausstellung beschreiben.


Einige der Steine liegen übrigens diebstahlgesichert in der Glasvitrine.

Hinter dem Kloster befindet sich ein Friedhof. Genau wie jener in Britz ist auch dieser hier sehr überschaubar, gar leer. Ein Grab hat mich besonders beeindruckt. Es visualisiert die deutsche Seele, wie sie nach dem Tod deutsch weiter lebt:

Aber eigentlich liegt es sich dort ganz idyllisch:

Auf der exit through the gift shop habe ich eine Postkarte erstanden:

Die Idee mit dem Heiligenschein fand ich ganz charmant und habe das direkt auch probiert:

Sagt Hallo zur heiligen Lotte der Verbote!

In Chorin kann man natürlich auch Kunst kaufen. Der Soldat mit dem Riesenteil gefiel mir am besten:

Auf dem Rückweg machte ich noch einen Abstecher nach Brodowin, um die dortige Barockkirche zu besichtigen. Auch hier hatte ich kein Glück, denn die Kirche wird gerade saniert und hatte ebenfalls geschlossen. Daher gibt es nun stellvertretend zwei Phallusfotos. Nummer eins zeigt besagten Barock-Kirchturm:

Nummer zwei zeigt das Denkmal aus dem ersten und zweiten Weltkrieg für die ehrenvoll Gefallenen. Die Inschrift besagt “Im Weltkriege fielen auf dem Felde der Ehre… In dankbarer Erinnerung an die Helden der Gemeinde Brodowin”. Ich lasse das mal unkommentiert:

Eigentlich auch ein schöner Schluss, so mit Phallus.

Comments
3 Responses to “Umland-Romantik is the new Arztroman”
  1. Na, da ham se ja Kaiserwetter gehabt, letzten Sonntag!
    Glückwunsch, Frau Lotte!

    Und der Heiligenschein steht Ihnen ausgezeichnet!
    Sollten se sich patentieren lassen, direkt im Heiligen Offizium in Rom. Mit Segen vom Ratzinger-Bene! Wird die neuste Mode!

    Denn wie leicht waren doch die alten Gold-Halos verbogen! Mittelalter, Mittelalter! Die MG (Muttergottes) kann ein Lied davon singen. Das Jesuskind: immer nachm Halo gegrapscht. Und sie so: „Schon wieder ne Delle! Wie krieg ich die bloß wieder raus!“ Gar nicht so leicht!

    Dagegen Blech: stabil, robust, sitzt wie eine Eins! Deutsche Wertarbeit. Unser Papst wird das begrüßen. Und die Realwirtschaft brummt wieder:
    „Bruder Haniel, schmeiß die Gutehoffnungshütte an! Volldampf! Rechristianisierung Europas muss mit aller Gewalt vorangetrieben werden! Heiliges Reich bis Griechenland runter, und dann der Russ! Für Verdienste auf dem Felde der Ehre Bestellung tausend Stück. Großauftrag! Direkt von oben!“
    „Jessasmariandjosphhhh! Vom Papst? Von unserem Gröpaz?“
    „Gewiss, Gewiss! Massenfertigung. Hart wie Kruppstahl. Zwei Modelle: Für den Herrn: Modell Mannesmann. Für die Dame: Modell Degussa.“
    „Kruzifix nochmal!“

    Viele Grüße
    A. Tiger

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    • lotterrr says:

      Vielen Dank, verehrter Tiger!
      Wo du es so sagst: Beim berühmten deutschen Heiligenscheinwald, der hierzulande gern vorherrscht, kann man bestimmt ein paar Modelle abdrücken an unseren Mann im Vatikan und seine Boys. Wir sind ja schließlich Papst, das wäre doch das Mindeste!
      Yours holy, Lotte

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  1. […] ein wenig Querfeldein durch hüfthohe Gräser (kostet immernoch reichlich Überwindung) und nassen Füßen stehen wir vor einer Mauer, die uns vom Auto trennt und eine Frage aufwirft: […]

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