Moskau für Anfänger, Teil 1: Startschwierigkeiten

Erinnert ihr euch noch, wie ihr als Kleinkinder in der großen Welt umher krabbeltet? Klein und ahnungslos, aber neugierig und bemüht, euch Orientierung zu verschaffen, habt ihr mit weit aufgerissenen Augen alles um euch herum bestaunt (und angefasst/in den Mund gesteckt, aber so weit will ich hier gar nicht gehen). Ihr habt die Welt nicht verstanden, und es war für das Überleben ein echter Bonus, dass Mutti euch immer überall hin mitgeschleift und Händchen gehalten hat.

Kürzlich war ich ein solches Kind. Mit dem charmanten Extra, legal saufen zu dürfen – eine Tatsache, die die Hilflosigkeit des verlorenen Kindes jedoch nur weiter steigert. Ich war in Moskau. Moskau, Russland, ganz weit im Osten, mächtig zweier Vokabeln der Landessprache (да und водка, für die Kenner unter euch).

Hier so:

Man sagt, dass wann immer man ein Regierungsgebäude sieht, auch Gasprom irgendwo im Bild ist.

Aber von vorn.

Es fing ganz harmlos an: Jako in der weiten Welt machte auf ihre Besuchbarkeit in Moskau aufmerksam. Ich versprach prompt, für ein Wochenende rüberzufliegen. Dann ging alles ganz schnell: Tüdelü, Verbindungen mal gecheckt, oh, ist ein günstiger Flug dabei, zackbumm gebucht. Dann (!) fragt Jako, ob ich die Adresse einer Visumsagentur benötigte. Ach, um nach Russland einzureisen braucht man ein Visum? Daran hatte ich ja mal gar nicht gedacht. Ich war doch bis Bali ganz ohne Visum gekommen und konnte die Bürokratie dort easy am Flughafen regeln! Es schien angebracht, die Infoseite Russland des Auswärtigen Amtes mal zu checken. Die müssen das ja wissen… Ich hatte A gesagt, nun musste ich auch B sagen. Und so klicke ich mich durch die Weiten des Internetzes, um herauszufinden, was ich für die Erstellung des Visums so tun und welche Unterlagen ich wohin tragen muss. Ich staune nicht schlecht: eine amtliche Einladung, eine durch die Russische Botschaft anerkannte Auslands-Reise-Krankenversicherung, einen Nachweis der Rückkehrwilligkeit in Form von Gehaltsabrechnungen (oder wahlweise einen Grundbuchauszug zum Nachweis von Wohneigentum) und gefühlte tausend andere, weit hergeholte Papiere (im übertragenen wie tatsächlichen Sinne) wollen die neben meinem Pass noch sehen. Unerhört finde ich das, und auch ein bisschen unseriös. Ja, warum nicht gleich in den Nacktscanner? Ich will doch nur 3 Tage bleiben! Ich bin voll rückkehrwillig! Indianerehrenwort, schwör ich auf Tolstoi und Lenin und Stalin! Na, vielleicht nicht auf letzteren, falls das nicht so gut kommt. Zurück zum Visum. Ich rufe angesichts des Botschaftshickhacks bei der Agentur an, die das bequem für Bürokratienullchecker und Menschen mit Zeitknappheits- oder Faulheitsproblemen erledigt, und siehe da: Für 20 EUR Aufpreis zur Botschafts-Action muss ich hier nur meinen Pass und ein Foto abgeben. Klasse. Was kostet die Welt? (Hat Nagel eigentlich eine Antwort darauf gefunden?)

Nach dieser Startschwierigkeit beschließe ich, meine Reise doch ein bisschen vorzubereiten. So googele ich wild drauf los. Was ich finde: Vollsuffyoga, Verbrechensstatistiken und Touristenseiten. In ersterem bin ich firm, letzteres interessiert mich weniger – ich werde ja einen total insiderigen Insiderführer haben, was soll ich mich mit Touristenfallen aufhalten? Also verinnerliche ich die Verbrechensstatistiken. Kleiner Exkurs in Homizidraten der Welt: Laut Wikipedia verhielt sich die Mordrate in Russland gegenüber Deutschland im Jahr 2004 18:1. Seitdem ist sie freundlicherweise erheblich gesunken, also kaum ein Grund zur Sorge. Das fand sogar die Mutti, die ich damit schocken wollte. Die Kapitel Korruption und Wilderei überspringe ich. Ich habe kein Geld für Korruption, und Wilderei sollte in der Großstadt kein Thema sein (Stadtratten werden gemeinhin nicht gegessen, vermutlich, weil wir seit den Simpsons wissen, dass sie eine wesentliche Rolle in der Milchproduktion spielen. Ratten sind die neuen Kühe, im praktischen Handtaschenformat). Drogen-, Waffen- und Menschenhandel sind zwar ziemlich präsent, aber irgendwie gehören die ja auch zum Image Russlands im Ausland. Ignorance is bliss, und so bin ich immer noch erstaunlich gelassen.

Dann geht es endlich los.

Comments
6 Responses to “Moskau für Anfänger, Teil 1: Startschwierigkeiten”
  1. Boah, spannend! Weiter!

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  2. lotterrr says:

    Oh! Oh! Oh! Ihr beiden! Ich bin gerührt! Es wird weitergehen, doch erst muss ich kurz Iggy Pop sehen gehen :-)

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  1. […] den Startschwierigkeiten steht dann endlich der Abflug […]

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  2. […] diejenigen unter euch, die nach allen Startschwierigkeiten und Orientierungsschwierigkeiten rund um meine Reise nach Fernost immer noch nicht genug haben, […]

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  3. […] Grund genug, sich das Land mal selbst anzusehen. Als ich herausfinde, dass Pegasus für rund 200 Euro nach Teheran und zurück fliegt, hab ich richtig Bock. Auch Dennis will mit. (Schön: Diesmal schnallen wir auch rechtzeitig, dass wir ein Visum brauchen werden.) […]

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