Moskau für Anfänger, Teil 2: Orientierungsschwierigkeiten

Nach den Startschwierigkeiten steht dann endlich der Abflug bevor.

Wie immer habe ich mir vorgenommen, rechtzeitig zu packen und wie immer erledige ich es um 2.00 Uhr nachts vorm Schlafengehen. Als um fuck you-o’clock (kurz nach beer o’clock!) der Wecker klingelt, ist die Vorfreude eher mäßig. Mit zwei Stunden Schlaf und doppelt so vielen Paar Schuhen im Gepäck mache ich mich auf zum Flughafen. Beim Umsteigen in den TXL-Bus (nachdem Blöd-BER nicht eröffnet hat, wurde mein Abflug ans andere Ende der Stadt verlegt. Und dafür zahle ich Steuern!) ein weiterer Klassiker: Ich hebe meinen Koffer und zack, kracht der auf den Boden und ich halte nur noch den Griff in der Hand. Ein Top-Lacher für die anderen Fahrgäste, trägt dieses Ereignis zu dieser Uhrzeit null zur Besserung meiner Laune bei.

Den nächsten Schweißausbruch habe ich beim Einchecken. Mein Visum ist nicht lesbar (maschinell wohlgemerkt. Ich kann es ja aufgrund meines Russisch-Nullcheckertums eh nicht lesen). Da fällt mir erst auf, wie blind ich der Agentur vertraut habe und fühle mich ganz schön naiv. Hätte ich mal gegoogelt, wie so ein Visum aussehen soll! Aber es wirkte so korrekt, rosa und mit diesen Zeichen, von denen ich annahm, sie seien kyrillische Buchstaben. Als der freundliche Herr mir meine Bordkarte aushändigt, ist zum ersten Mal alles gut. Geschafft!

Und dann bin ich da.

Wo eigentlich? Ich könnte überall sein. Auf den Schildern erkenne ich einige Buchstaben wieder, aber die scheinen etwas anderes zu bedeuten. Wie früher, als wir als Kinder in der Schule die Buchstaben untereinander austauschten und so Geheimsprachen erschufen. Endlich kommen mir die einstigen Talente mal zugute, und Buchstabe für Buchstabe erschließe ich mir das Alphabet auf der Taxifahrt vom Flughafen zu Jakos Domizil. So ergeben sich aus dem Kontext auch jene, die nicht wie Buchstaben aussehen. Am besten gefällt mir der Hangman-Buchstabe, anscheinend ein g: г (ok, in dieser Schriftart gleicht er eher einem “r”). Leider hilft Buchstaben raten nur bei Worten wie Aeroport, Supermarkt, Stop und eben jenen Worten, die man so kennt. Also trotz eines klaren Dechiffrier-Teilerfolges ein deutlicher Fail.

Mein Taxifahrer, der natürlich kein Wort Englisch spricht und mich überall hätte hinbringen können, übt derweil für seine Zweitkarriere als Rennfahrer/Bankräuber und fährt die Kurven bei 100 km/h lässig über drei Spuren aus. Gegen das Einschlafen am Steuer hat er einen Teddybären an seine Kopfstütze gegurtet, dessen Plastiknase ihm beim Zurücklehnen des Kopfes in selbigen piekst. Gewusst wie! Vielleicht dient der Teddy aber auch nur als Sündenbock, wenn der Fahrer sich vor Blitzern duckt.

Dann passieren wir Bremen. Ich empfehle an dieser Stelle den digitalen Spaziergang bei Vogelgezwitscher durch die idyllische Neubausiedlung unter bremen.ru.

Nach gefühlten 130 Kulturschocks und einer mit 5000 Fragezeichen ziemlich vollgestopften imaginären Denkblase über meinem Kopf komme ich in Jakobines Zuhause an. Ebenjene fremdbestimmte Jako hat mir in der Zwischenzeit bereits eine Mail geschrieben, ich möge sie bitte bei ihrer Arbeit abholen, damit wir von dort aus gemeinsam zur Party in die französische Botschaft fahren können. In einer Randnotiz erwähnt sie, die Metro sei ausschliesslich auf Russisch beschildert, sie würde mir jedoch jeden Meter beschreiben. Ja, na dann! Ich schlüpfe in meine Stöckelschuhe und wage das kleine Abenteuer in der großen Metropole. Los geht’s. Erste links, check. Zweite rechts, check. Dann wieder links, und nochmal rechts. Runter in die Unterführung. Links in die Metrostation. Rechts am Automaten ein Ticket gekauft. Die Rolltreppe runter in den Tunnel (übrigens ein monumentales Bauwerk selbstbewusster Architektur!). Rechts auf den Bahnsteig. Eine Station mit einfahrender Metro fahren. Raus, links, rechts, Rolltreppe hoch, geradeaus, ich habe keine Ahnung, wo ich bin, zweite Rolltreppe runter, rechts, zwei Stationen mit einfahrender Metro fahren, raus, Rolltreppe hoch, rechts in die Unterführung… Ich bewege mich blind durch den Moskauer Untergrund. Nach außen navigiere ich wie eine Profine, heimlich bin ich krass ahnungslos. Wäre ich einmal falsch abgebogen, ich wäre für immer verloren gewesen und hätte mich in eine der Stationen stellen und für Passanten tanzen können. Da, da, vodka, vodka. Spasiba. Aber ich komme an, ganz erstaunlicherweise. Auf diesen Triumph setze ich mich erstmal in die amerikanische Botschaft (Starbucks, oder: die Möglichkeit einer Insel) und erfreue mich eines quasi englischsprachigen Menschen hinter der Theke und kostenlosen WiFis.

Mit meinem Alexander Wang-Sandwichmaker mache ich eine Kulturschockpause im Kokon der westlichen Gesellschaft.

Dann geht es weiter. Wir fahren zur Botschaft. Die sengende Hitze und der strahlende Sonnenschein werden schlagartig durch sintflutartige Regengüsse ersetzt. Als hätte jemand einen Knopf gedrückt, sind die Straßen augenblicklich überflutet, Autos bis zum Unterboden im Wasser und der Himmel finster. Jako empfiehlt sinnvollerweise, ein Taxi zu rufen, stellt sich an die Straße und hebt den Arm. Innerhalb eines Wimpernschlags hält ein Wagen. Grün, klein, alt. Aha! So sehen Taxis aus? Keineswegs, allerdings! Ich lerne: In Moskau ist jedes Auto ein Taxi. Deswegen fahren da auch so viele Autos und es gibt immer Stau, erklärt mir Jako, während sie mit dem fremden Mann auf Russisch einen Preis aushandelt. Die fahren einfach rum und blockieren den Verkehr, für den Fall, dass jemand ein Taxi braucht. Na klar. Auf 12-spurigen Straßen. Mit Autos ohne Heck, mit unfalllädierter Front oder ohne Auspuff. What the Heck halt.

Hier eher: What the front, fährt doch noch. Wenn’s schlimmer wird, hilft Gaffa.

Während ich mir noch überlege, wie sicher ich dieses System finde (und sei es nur, weil man nicht weiss, ob der Mensch da überhaupt einen Führerschein besitzt!), erreichen wir auch schon die Botschaft, wo die Party bereits tobt.


Entschuldigung, die meisten Bilder wurden betrunken aufgenommen. Hier: tobende Botschaftsparty im Garten. Die Disco drinnen habe ich aus Suffgründen vergessen zu knipsen. Dafür das:


Weil es keine Franzosenparty wäre ohne Edith Piaf.

Im Folgenden versetzt es mich in anhaltendes Staunen, wie die französische Diplomatie, also der potenzierte Konservatismus aus Franzosen und Diplomaten, zu Welthits wie “Kids in America” abhottet. Kids. in. America. Die Franzosen. Ich bin fassungslos und lasse mir reichlich Crémant nachschenken, bis ich den letzten Rest meiner Punkercredibility über den Haufen werfe und mich zwischen Herren in blauen Uniformen (schick verziert mit goldenem Klimbim) auf der Tanzfläche wiederfinde. We’re the Kids in, ah, whatever.

Alles Weitere schockt mich nicht mehr. Wir verbringen ein wildes Wochenende zwischen Hausparties, diversen, hippen Clubs der Stadt und restalkoholisierten Besichtigungen von Touristenattraktionen.

In etwa so:

Gefunden in meinem Mobiltelefon, Foto aus irgendeinem Fenster irgeneines Clubs/Hauses in irgendeinem Zustand.


Same, same.


Als wir nach der früh aufgelösten Botschaftsfeierei aus dem Gipsy rausfallen, kommen wir hier vorbei.

Am letzten Tag schickt Jakobine mich verkatert in eine Kirche (s. o.), die zwischenzeitlich ein Schwimmbad war und an deren Namen ich mich – erneut mangels Sprachkenntnis – nicht erinnere (wenigstens googeln kann ich: Es war die Christ-Erlöser-Kathedrale. Aber merkt euch im Post-Suff mal Храм Христа Спасителя! Na bitte.). Drinnen ist es insgesamt sehr imposant, schick und gold und bemalt und mit hohen Decken und so. Eine Truhe an einer Wand erregt meine besondere Aufmerksamkeit: Von weitem sieht sie aus wie ein Sarg auf einem kleinen Podest. Davor stehen Leute in einer Schlange, die sich bekreuzigen, daran vorbeigehen, den vermeintlichen Sarg küssen und wieder abtreten. Das muss ich aus der Nähe sehen! Zu meiner Enttäuschung liegt unter dem Glas jedoch kein mumifizierter Heiliger, sondern eine Handvoll Reliquien, Bücher und dergleichen. Ich hatte Tatsachen erwartet, aber einmal mehr geht es bei der Religionsnummer nur um Glauben.

Dafür habe ich Jesus doch noch gefunden.

Damit neigt sich meine Reise leider schon dem Ende. Ich fliege zurück in mein Berliningrad. Mit viel Verspätung komme ich an und freue mich über den klassischen Überraschungs-Schienenersatzverkehr und den in wenigen Stunden anstehenden Beginn einer weiteren Arbeitswoche.

Mir bleibt ein Fazit: Ich bin an Jakos Hand umhergestolpert, völlig orientierungs- und ahnungslos, der Landessprache nicht mächtig, aber ich bin nicht verlorengegangen. Ganz wie Minus und Minus Plus ergeben, ergeben fail und fail eben WIN! Moskau, ich komme wieder. Danke, Jakobine. Du bist toll!

Für mehr Fotos bitte hier entlang.

Comments
5 Responses to “Moskau für Anfänger, Teil 2: Orientierungsschwierigkeiten”
  1. Liebste Lotte, ich hab mich totgelacht! Huihui :D Im übrigen warst es du, die ja ausdrücklich auf ein “Abenteuer” bestanden hatte… Komm immer wieder !

    PS: Unbekannte Photos sind aus Karim’s Wohnung am Strastnoy Bulvar

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    • lotterrr says:

      Habe ich, nachdem du es mir zutrautest und ich nicht beschämt in ein Taxi steigen wollte, das ich mir nichtmal selbst hätte rufen können :)

      Beide etwa? Au Mann!

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  1. […] diejenigen unter euch, die nach allen Startschwierigkeiten und Orientierungsschwierigkeiten rund um meine Reise nach Fernost immer noch nicht genug haben, folgt hier der grandiose Rest meiner […]

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  2. […] Dann geht es endlich los. Like me! Like me!Like this:LikeBe the first to like this. […]

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  3. […] man nicht mächtig ist, kann man sich mitunter ein wenig hilflos fühlen (wir erinnern uns an völlige Orientierungslosigkeit in Russland oder an Situationen mit drei Fragezeichen überm Kopf in Bayern). In Schweden stellt sich die Lage […]

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