Komm in mein Boot…

Als wir ablegen, frage ich mich, ob uns der vermeintliche Fischer gleich mit den Drahtseilen an Bord seines winzigen Kahns erdrosseln wird. “Du weisst: Vor Gericht und auf hoher See…”, sagte Bambi noch und sprach den Satz nicht zu Ende. Wir hatten keine Wahl. Wir mussten zurück, und der Kletterpfad durch den teils matschigen Dschungel war für uns Langnasen im Dunkeln einfach nicht bezwingbar.

Doch von vorn. Hinter uns liegen fast drei Wochen Urlaub. Wir sind über Ho Chi Minh Stadt (wo wir uns noch munter wortspielend über die vietnamesischen Dong belustigten) nach Kuala Lumpur geflogen. In weiser Voraussicht hatten wir vor Urlaubsantritt einen Plan für den fürchterlich langen Flug gemacht: Im Flugpreis inkludierter Gin Tonic und besonders wirkungsvolle Barbiturate, die der Doc uns einmalig zugänglich machen würde, sollten die langgezogenen Stunden im Flugzeug in einem Zeitloch verschwinden lassen. Fröhlich stiegen wir in den Flieger und tranken drauf los. Der Doc hatte zuvor noch seine moralische Pflicht erfüllt und eindringlich vor einer Kombination der Medikation mit Alkohol gewarnt. Herzinfarkt und so, unter allerkeinsten Umständen, gefährlich, gefährlich. Da schien es uns nur respektvoll, den Beipackzettel wenigstens einmal anzulesen. Wir entschieden uns für eine vorsichtige Dosierung, 1/4 einer Tablette (die Höchstdosis sollte laut Packungsbeilage eine ganze Tablette niemalsnicht überschreiten). Irgendwann ging das Licht aus. Im Flieger, wohlgemerkt. Es sollte wohl Nacht werden. Als nächstes schwirrten dann keine FlugbegleiterInnen (please note, ich kann auch gendern!) mehr über den Gang und so war kurz darauf auch das in weiterer weiser Voraussicht vorab gebunkerte Bier alle. Und wir so: noch wach. Mehr Tabletten für alle also. Als ich wieder erwachte, hasste ich die Welt. Massiv! Grummelgrummelscheissegrummel. Und schlief wieder ein: schlaf, schlaf. Und wachte wieder auf: grummel, grummel. Und wieder: schlaf, schlaf. Grummel, grummel. Schlaf, schlaf, grummel, grummel – bis Ho Chi Minh. Das war nix. (Später würden wir uns beim Doc über die doofen Pillen beschweren und er würde antworten: Sie sind doch allesamt BTM-Opfer!).
Auf dem Flug von Ho Chi Minh nach Kuala Lumpur waren wir also schon wieder bei Bewusstsein. Da die Tabletten die Stimmungslage aller Beteiligten stark beeinträchtigt hatten, konzentrierten wir uns folglich lieber wieder auf Alkohol. Doch, ach! Statt Gin Tonic stellte uns die Flugbegleiterin nonchalant eine Dose Tonic Water auf das herausgeklappte Tablett. Erst auf Nachfrage folgte die Erklärung, an Bord dieses Flugzeugs würde kein Schnaps serviert. Wir waren entsetzt – und sollten den Warnschuss erst im Nachhinein verstehen.

Malaysia ist ein muslimisches Land. Nicht direkt alkoholfreie Zone, aber eine 0,3l-Dose Bier kostet dort mehr als drei 0,5l-Flaschen Sterni am Berliner Späti. Wisster Bescheid. Es ist auch das Land, in dem es offiziell auf fast alles die Todesstrafe gibt, aber gleichzeitig jeder die unmöglichsten Dinge macht. Du willst dein Auto auf einer in beide Richtungen je dreispurigen Straße auf der Mittelspur parken, weil du eben mal etwas im Kofferraum suchen möchtest? Kein Thema. Du hast am Straßenrand ein Krokodil im Tümpel gesehen und willst auf der schmalen Straße hier und jetzt anhalten, um auszusteigen und es aus der Nähe zu begutachten? Da besteht die Wahrscheinlichkeit, dass die nachfolgenden Verkehrsteilnehmer weder hupen noch pöbeln, sondern ebenfalls anhalten und mit dir nach dem Krokodil schauen. Ich würde das Gesamtbild, das sich so abzeichnet, mal unter flexibler Gesetzgebung verbuchen. Vielleicht betrifft das aber auch nur den Straßenverkehr.

Unsere erste Station war Kuala Lumpur. Dort knüpften wir wertvolle Kontakte mit zahlreichen Taxifahrern, die stets interessiert fragten, wo wir denn herkämen, um uns daraufhin ihr geballtes Deutschlandwissen zu präsentieren. “Hasta la vista, baby!” – uh, knapp daneben. “Heil Hitler!” – schon treffsicherer, wenn man es nicht allzu genau nimmt. Letzterer Ausruf kam charmanterweise in ärgster Regelmäßigkeit. Je länger wir reisten, desto mehr verdutzte es uns schließlich, wenn man uns nicht so begrüßte.

Mit Abstand am besten gefiel mir die These jenes Taxifahrers, der ein Hakenkreuz an seinem Rückspiegel spazieren fuhr: “Ich habe gehört, Hitler war schwul! Ist das richtig? Das hat ihn verrückt gemacht, haha!”

Vielleicht braucht Deutschland auch einmal eine Imagekampagne.

Von Kuala Lumpur ging es weiter nach Kuching, Borneo. Auf Borneo wiederum waren die Touristen die Verrückten. Leider muss ich aus moralischen und persönlichkeitsrechtlichen Gründen auf die interessanten Pointen verzichten, so dass Borneo an dieser Stelle unentdeckter Boden bleibt (fragt mich mal, wenn ihr mich trefft). An dieser Stelle lenken erst einmal Tierfotos von pikanten Stories ab:


Na, wo ist der Pfad?


Am Ende (!) des jungle trails dann die Warnung. Macht nur Sinn!


Und diese Bucht. Mit Krokodilen.


Auch gern im Dschungel: Die Pit Viper. Gift(ig)grün und top getarnt.


Meine persönlichen Lieblinge: Die diebischen Mülläffchen.


Das geht doch noch!



Rückweg aus dem Nationalpark, natürlich zu Wasser.


Die springenden Show-Krokodile in Gefangenschaft.


Orang Utans sollte man nicht mit dem Handy fotografieren. Es sei denn, sie machen den Van Damme!

Von Borneo reisten wir weiter nach Bali. Dort trafen wir Ketut, der uns Geschichten von Hund am Spieß erzählte. In den armen Gegenden nämlich… Nun, lassen wir das lieber, das ist nichts für westliche Nerven. Ketut fuhr uns von Lovina nach Kuta und hatte viel Zeit zum Erzählen. Anyhoo: In Lovina haben wir erneut zwei Tage bei Freunden verbracht, einer Beerdigungszeremonie der anderen Art beigewohnt (mit Domino-Geldspiel in der Garage des Nachbarn, zum Gedenken an den Verstorbenen) und Delphine ausgecheckt. Ohne Schwimmweste – wir waren das einzige Boot, das cool genug war, darauf zu verzichten. Duh!


Auch damit kann man rausfahren. Schönstes Zitat von unterwegs: “Ab hier kann ich nicht mehr zum Ufer zurückschwimmen.”

Die Veränderungen Kutas innerhalb der letzten zwei Jahre und die Tatsache, dass wir in einer Villa mit Privatpool einkehrten hatten zur Folge, dass wir ebenjenen Pool drei Tage lang nicht verließen und sich unsere Erlebnisse hier auf Pool-Poker und Suff beschränken.

Zugegeben. Einen Ausflug haben wir gemacht. Es folgen Tanah Lot, Uluwatu & Co:

Von Bali flogen wir schließlich über Singapur nach Pulau Tioman. Tioman ist eine kleine Insel vor Westmalaysia, wo Flora, Fauna und Unterwasserwelt noch wie neu sind. Tioman erreicht man mit der Fähre vom Festland, oder, todesmutig wie wir, mit dem Flugzeug aus Singapur. Naja, Flugzeug.

Einer Propellermaschine. Einer tausend Jahre alten Propellermaschine. Einer tausend Jahre alten Propellermaschine einer “Airline”, die einem größeren Hotel gehört und die nur zwei Strecken fliegt: Singapur-Tioman und Kuala Lumpur-Tioman. Und zurück. Bezeichnenderweise sagt die Bordkarte alles:


Von SIN nach TOD, Baby.

Das Flugzeug war insgesamt recht verfallen. Ich konnte, unzimperlich wie ich mit Selbstversuchen nunmal bin, meinen Arm recht weit in der Flugzeugverkleidung verschwinden lassen. Uh Oh! Für den Landeanflug in strömendem Regen brauchten wir vier Anläufe. Ich saß hinter Bambi und Sven und lauschte interessiert deren angeregter Diskussion, ob es wünschenswerter sei, schwer lädiert zu überleben oder direkt tot zu sein. Es war recht furchtbar, aber schliesslich landeten wir tatsächlich, und sogar lebend. Ein Wassertaxi brachte uns zu unserer Unterkunft, wo uns die nächste Überraschung erwartete. Vom TripAdvisor noch 2011 zu einer der besten Einkehrmöglichkeiten vor Ort gewählt, war unser Bungalow entgegen der Erwartungen leider nicht nur klein und versifft, sondern schrie durch die durchgelegenen Betten mit sichtbar unsauberer Bettwäsche laut und deutlich: BETTWANZEN! WANZ, WANZ! WAAAAAAAANZ! Beim vierfachen Überfliegen der Insel im Zuge des Erlebnis-Landeanflugs hatten wir jedoch eine Bungalowanlage gesehen, die uns von oben recht charmant schien (die Dächer sahen neu aus). Also beschlossen wir, in die nächste Bucht zu schwimmen (so sportlich sind wir!) und das mal auszuchecken. Gesagt, getan. Und so standen wir zu dritt, triefend nass und nur in Badebekleidung in der Rezeption und fragten nach Zimmern. Es muss ein mitleiderregendes Bild gewesen sein. Kurz darauf hatten wir eine neue Unterkunft und begannen den entspannenden Teil der Reise.

Wir haben unsere Tage auf Tioman hauptsächlich damit verbracht, schnorchelnd Riesenschildkröten, Haien und frechen, bunten Fischen nachzuschwimmen und uns dabei den Hintern von der Sonne sehr amtlich verbrennen zu lassen.
Alles schön und gut, jedoch musste zwischendrin die Nahrungsaufnahme erwogen werden. So kam es, dass Bambi und ich abends durch den Dschungel in die nächste Bucht kletterten, um auch mal etwas anderes zu uns zu nehmen als den Currytopf unseres “Hotelrestaurants”. Vorausschauend wie wir sind, organisierten wir uns schon vor dem Essen ein Wassertaxi für den Rückweg, da wir trinken und im Dunkeln nicht mehr durch den Dschungel klettern wollten. Nach einem eher mittelmäßigen Abendmahl suchten wir unseren Bootsmann auf. Der vertröstete uns, sein Boot sei noch nicht vom Fischfang zurück, und lud uns ein, mit ihm in seiner heute geschlossenen Strandbar auf sein Boot zu warten. Da hingen wir also ab, mit diesem fremden Mann, und hörten uns seine Geschichten an. Kinder, Kinder! Was wir lernten: Frauen findet man nicht, die werden quasi vom Meer auf die Insel gespült.  Schnaps ist böse, der macht die Magenschleimhaut kaputt. Drogen importiert man am besten aus Thailand. Unterdessen drehte er sich einen Joint, und damit nahm das Unglück seinen Lauf. Er hielt uns das in getrocknete Palmenblättchen gewickelte Gras hin, und ich so: Uh! Kiffen! In einem Land, in dem es auf den Verkauf solcher Substanzen gern mal die Todesstrafe gibt! Hell yesss! Leider bekommt mir das Zeug nicht, deswegen sehe ich davon seit Jahren ab. Aber die Idee, etwas schwer Illegales zu tun,  hatte sich längst jenseits aller vernünftigen Überlegungen festgesetzt. Schön blöd, wenn man im richtigen Moment nicht erwachsen sein will. Zunächst war auch alles in Ordnung – ausser, dass immer noch kein Boot in Sicht war und eine schwelende Paranoia sich unter uns ausbreitete: Was, wenn dieser Mann, der uns bis in die Nacht hier festgequatscht hatte, gar kein Boot besitzt? Mittlerweile war auch im nahegelegenen Restaurant nichts mehr los. Und wir so: Angetrunken, allein in der Fremde, unser Hotel in der nächsten Bucht gefühlt unerreichbar weit weg. Und dann überrollte es mich, aus dem Nichts. Dieses verfluchte Thaigras. Aus! der! Hölle! Mir war gar nicht gut. Natürlich wusste ich, ich müsste die Contenance auf Teufel komm raus bewahren. Bloss keine Schwäche zeigen, oder wie Hunter S. Thompson es einst treffsicher ausdrückte: “To hell with this panic. Get a grip. Maintain.” Und dann kam endlich ein Boot. Wir liefen Richtung Wasser (ich im Robotermodus), und tatsächlich: ein winziger (immer doppelt so winzig als wie du denkst!) Kahn schipperte strandwärts. Ich dachte noch: Verdammt, ich bin zu bekifft, um meine Schuhe für den kurzen Weg bis zum Boot auszuziehen. Dann kippte ich um. Zackbumm, Klappe zu, Affe tot. Das erste, was ich hörte, war mein Name. Das erste, was ich dachte, war: Puh, jetzt musstest du deine Schuhe nicht ausziehen. Dann schnallte ich: Ich war immernoch am Strand, immernoch bekifft, und müsste immernoch mit dem komischen Typen in dem winzigen Boot auf die schwarze See hinaus. Satz mit x. Was war ich froh, dass wenigstens die Überlebenschancen vom Bambi ganz OK waren. So stiegen wir ins Boot ein, dessen Motor auf dem Weg kurz mal den Geist aufgab. Ohne erdrosselt zu werden kamen wir an der Jetty unserer Bucht an. Ich kiffe nie wieder. Ich schwöre, auf deine Mudda.

Comments
3 Responses to “Komm in mein Boot…”
  1. Jule says:

    Bei der Route möchte man meinen, ihr wart mehrere Jahre unterwegs.

    Ich hab in Malaysia mit einem Freund mal einen Beutel Gras gekauft (10 Dollar pro Alditüte) und bin am Strand nach dem Konsum vom Sternenhimmel erdrückt worden. Es war sehr unangenehm. Ich hätte es dir sagen müssen…

    Schön, dass du überlebt hast.

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  1. […] gewöhnt und mache direkt erste Vorteile aus: Es gibt keinen Bad Hair Day. Nie. Während wir in Malysia noch witzelten “Kopf ist zum Frisieren da, nicht zum Denken”, gilt hier nichts mehr von beidem. Als […]

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  2. […] Ich so zu Dennis: “Ich glaub, ich kipp gleich um” – und werde ohnmächtig. Scheinbar gehört das zu einem guten Urlaub mittlerweile dazu. Aufgeben ist natürlich keine Option, und so besuchen wir nach einer kleinen Zuckerpause dem […]

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