Schweden für Anfänger

Wenn man in einem Land ankommt, dessen Sprache man nicht mächtig ist, kann man sich mitunter ein wenig hilflos fühlen (wir erinnern uns an völlige Orientierungslosigkeit in Russland oder an Situationen mit drei Fragezeichen überm Kopf in Bayern). In Schweden stellt sich die Lage jedoch etwas differenzierter dar: Stockholm ist eine Stadt, die man als Westeuropäer bedenkenlos bereisen kann, ohne einen Kulturschock zu riskieren. Also, mal abgesehen davon, dass die Schweden alle exzellent gekleidet sind. Da fühle ich mich jedes Mal wie ein Penner, und das meine ich nicht im Sinne von Hipster. Aber ich schweife ab. Ein Kulturschock tritt jedenfalls nicht ein, denn in Stockholm ist alles hübsch westlich, hübsch zivilisiert, hübsch mit H&M, Zara, McDonald’s und Konsorten. Und so mache ich mich völlig unreflektiert auf, meine liebe Freundin Anna in Stockholm zu besuchen.

Im Vorfeld fragte ich Anna, was ich ihr aus Tyskland mitbringen könne. Als Ex-Expat weiß ich natürlich, dass man bestimmte Dinge, die man in Deutschland möglicherweise kaum beachtet, auf einmal fürchterlich dringend braucht. Nun, was wünscht sich also die feine Anna? Eine Flasche Pfeffi. Ich bin angeekelt und verzückt. Punk bleibt eben Punk.

Und dann ist es so weit, endlich geht die Reise los. Ich bin hektisch aus dem Büro gestürzt, habe mein Köfferchen gepackt und mich Richtung S-Bahn bewegt. In der Hand die Dose Bier, die ich unterm Beifahrersitz im Auto gefunden habe – manchmal birgt das Leben auch gute Überraschungen. Ich erreiche den Flughafen, wo ich ultralässig und routiniert zum Check-In wackle. Schließlich mache ich das nicht zum ersten Mal! Ich halte mein Mobiltelefon hoch: „Den Code können Sie ja hiervon scannen“, versichere ich mich freundlich-bestimmt bei der Dame am Schalter. Die guckt. Und antwortet, schnappatmend und leicht hysterisch: „Nein! Sie müssen das ausdrucken!“ Ihr Ton klingt dabei mehr als würde sie sagen: „Sie haben keine Hose an!“

Ausdrucken kann man am Flughafen natürlich nichts. Ich muss also eine Bordkarte kaufen. Natürlich kostet das extra, und zwar wie anscheinend alles bei RyanAir glatte 60 Euro. Bäm! Das ist RyanAirs Refinanzierung meines 11-Euro-Flugs und gleichzeitig die Kohle, die ich mit Anna versaufen wollte. Grummelnd kaufe ich die Bordkarte und stelle mich in der Schlange zum Passieren der Security an. Diese verläuft in engen Schlangenlinien durch den gesamten Check-In-Bereich. Natürlich ist mittlerweile die Zeit knapp geworden. So kriege ich meinen Flug nie! Ich mache kurzen Prozess und beschließe, mich ganz vorn hineinzudrängeln. Also laufe ich an der Schlange entlang, eine geeignete Person suchend, die ich gleich mit meinem geballten „Die-Welt-ist-schlecht-ich-habs-so-eilig“-Charme überreden kann, mich vor sie zu lassen. Warum meine Wahl auf eine Gruppe 14-jähriger Mädchen fällt, kann ich nicht erklären.

Ich, freundlich-panisch mit dezentem Wahnsinn im Blick: „Mädels, kann ich mich bitte vor euch stellen? Das wäre tooooootal toll von euch.” Nicht ohne dramatisch hinzuzufügen: “Sonst verpasse ich meinen Flug!“
Mädel 1, sichtlich null angetan: „Na gut.“
Ich: „Danke, danke, voll super!“
Mädel 1, 2 und 3 flüstern. Die Wortführerin spricht mich nochmal an: „Wohin fliegen Sie denn?“
Sie siezt mich. Ich fühle mich seriös. Ich: „Nach Stockholm.“
Sie: „Ah. Na gut. Wir fliegen nämlich nach Rygge.“
Und da verstehe ich. Sie haben soeben überprüft, ob mein Flug vor ihrem geht. Tut er. Exakt 5 Minuten, ein Zufallswin par excellence. Teenagergören-Lotte: 0-1!

Pünktlich zu Boardingbeginn passiere ich die Security. Noch schnell Schnaps gekauft, und schon hetze ich fluchend wie ein Seemann weiter zum Gate, wo ich mich im Boardingflow einreihe. Mein Ausgeh-Kleid habe ich soeben durchgeschwitzt. &%$§&!!

Der Flug vergeht ereignislos, ich mache nicht einmal den Vodka auf. Lust hätte ich ja, nach allem. Kaum bin ich gelandet, sprechen mich die Einheimischen an. Muss wohl an meinem blonden Haupthaar liegen. Jedenfalls erlebe ich ein déjà-entendu: Es ist, als würde ich aus Westdeutschland nach Delitzsch reisen. Die Worte klingen schwer verzerrt, aber meine Gesprächspartner schauen mich ganz normal, gar auffordernd an, als müsse ich jetzt antworten. Plötzliche Hilflosigkeit kommt auf, ich verstehe doch n-i-x (indogermanischer Sprachstamm my ass!). Ich entscheide mich für ein allgemein entwaffnendes Nicken und Lächeln, Universalsprech für: Ich muss weg. Mein Busticket ziehe ich schnell mit der Kreditkarte am Automaten. Glücklicherweise wartet der Bus in die Stadt schon. Busfahren ist ja oft das Beste am Reisen: eine schaukelnde, konstante Bewegung, während an der Seite die Landstriche vorbeiziehen. Vorfreude, dass man sich dem Ziel nähert. Busfahrten sind herrlich monoton, und gleichzeitig alle unterschiedlich. So schippere ich dahin, es ist mittlerweile fast Mitternacht und ein langer Tag soll sich bald dem Ende neigen – zugunsten einer wilden Nacht. Ich bin müde. Neben mir sitzt ein großer, dicklicher Mann in einer dicken, fluffigen Daunenjacke. Er sieht fürchterlich gemütlich aus. Ich kämpfe gegen den Impuls, meinen Kopf auf seiner weich gepolsterten Schulter abzulegen, loszuschnarchen und seine Jacke zu besabbern. Meine gute Erziehung siegt, der Herr kommt noch einmal davon.

Dann sammelt mich Anna am Hauptbahnhof ein. Schnell fahren wir zu ihr, werfen mein Handgepäck ab, exen die halbe Flasche des mitgebrachten Vodkas und fahren, ohne weiter Zeit zu verlieren, direkt in die Rockdisco. Was im Folgenden passiert ist nicht unbedingt stockholmspezifisch. Das Ende der Geschichte: Morgens um 8.00 Uhr finden wir uns in Stockholms Marzahn wieder. Natürlich stocknüchtern und frisch geschlüpft. Nicht. Es folgt der schlimmste Kater meines Lebens. Immer zweimal schlimmer in einem fremden Bett.

In der Nacht darauf verlasse ich Stockholm schon wieder. Auf der Fahrt zum Flughafen denken meine verbleibenden Gehirnzellen über das sprachliche Erlebnis des Wochenendes nach. Ist Schwedisch wirklich so schräg? Anders als in Sachsen kann man sich im Schwedischen immerhin verzückt dem stockenden Singsang aus lustigen Lauten hingeben, auch wenn diese – zumindest in meinem Universum – einfach keinen Sprachcode ergeben können. Und auf einmal verstehe ich, warum deutsche Männer sich beispielsweise mit asiatischen Frauen auch wegen der Sprachbarriere gern paaren: Das Hirn kann aus bleiben!

A propos paaren: Quasi nebenbei lerne ich, dass Schwedisch (alternativ: florentinisch. Ja nun, warum auch immer florentinisch das Synonym für schwedisch ist!) eine sexuelle Praktik bezeichnet. Französisch, Griechisch, Russisch und co. – alles klar, aber was verbirgt sich wohl hinter Schwedisch? Ich habe mich natürlich für euch schlau gemacht:

„Die Frau umfasst den Penis so, dass die Eichel von der Vorhaut freigelegt ist, und der Mann penetriert die Frau. Die freiliegende Eichel bewirkt, dass der Mann durch die stärkere Reizung (im allgemeinen) schneller zum Orgasmus gelangt. Durch Druck auf den Penis an der Wurzel kann auch die Erektion verstärkt (beziehungsweise erst herbeigeführt) werden und so das Eindringen in die Frau ermöglicht werden. Unter „schwedisch“ wird selten auch die gegenseitige Masturbation verstanden“ (Quelle: Wikipedia). Der „Potenzblog“ weiß noch mehr: “’Florentinisch ist ein aus der Prostituiertensprache entlehnter Begriff, da diese Technik eher von Prostituierten ausgeübt wird. Daher wird der ‘florentinische Griff’ oft auch ‘Hurengriff’ genannt.“
Hurengriff. Was für ein tolles Wort. Prostituiertensprache müsste man können! Macht sich bestimmt gut bei Bewerbungen: Deutsch und Prostituiertensprache (Deine Mudda-Sprache), Englisch (verhandlungssicher) et cetera.

Was ich ferner lernte: „Schleifchen“ heißt auf schwedisch „Rosette“, und wenn einem vom Alkohol warm wird trägt man einen Alkoholcardigan. Der heißt dann Fyllakofta (sprich: Villekofta). So wie Köfte de Ville, nur andersrum. Gar nicht so doof, dieses Schwedisch!

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  1. […] meine Buchungsbestätigung bei mir und überhaupt kann mit Air France ja eh nichts schief gehen. (Ist ja nicht Ryan Air!) Im Bus prüfe ich aufgrund einer spontanen Panikattacke, ob ich auch wirklich ab Tegel fliege – […]

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  2. […] puncto Auskennertum gemacht. Die ersten Reisen habe ich gar verschwiegen, und an die Schmerzen des dritten Besuchs erinnere ich mich noch heute sehr gut. So beschlossen Anna und ich aus der Erfahrung der vorigen […]

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  3. […] Schön aber ist die Entdeckung, dass “Frieden” auf Schwedisch “Fred” heißt. Witziges Schwedisch, die […]

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