Kein Gold bis Langenselbold

Immer doppelt so einfach und halb so lustig wie man denkt ist Kreditkartenbetrug. Für die einen Möglichkeit, schnelles Geld zu „verdienen“, für die anderen illegale Kackscheisse. Ich jedenfalls habe ja auch mangels krimineller Energie immer davon abgesehen, eine Karriere als KreditkartenbetrügerIn einzuschlagen.

Heute bin ich schlauer: Quatsch mit der Kreditkarte machen ist voll Mainstream. Dafür braucht man nicht einmal zwingend das Internetz. (Das es sowas noch gibt!) Obwohl es online natürlich noch einfacher ist, da zum Beispiel die Mädels und Jungs von NeedADebitCard hervorragende Sammel-, ich meine natürlich: Aufklärungsarbeit leisten. Professioneller geht es mit der richtigen Hardware: Man nehme einen Magnetstreifenleser/-schreiber, den man mittlerweile für kleines Geld völlig legal erstehen kann. Das passende Prägegerät gibt es übrigens gern mal im gleichen Shop zu kaufen. Honi soit qui mal y pense! Die nötige Software gibt es meist direkt zum Magnetstreifenleser dazu (sonst wahlweise im Netz), und schon kann es los gehen. Abgerundet wird die Chose mit hilfreichen Videotutorials auf YouTube. Scheint tatsächlich idiotensicher.

Anyhoo. Um hier mit einer topseriösen Story aufzuwarten, wagte ich natürlich erst einmal den Selbstversuch und habe im Zuge meiner Recherche zunächst die andere, die dunkle, die Kehrseite of Death kennengelernt. Konkret auch bekannt als: die Opferseite (und einmal meine ich “Opfer” im eigentlichen Sinne, und nicht wie üblich im Sinne von „Du Opfer bist so opfrig, Alter!“). Aber von vorn:

Ich brauchte Kohle. Die kriege ich für gewöhnlich bei der Bank. Beim ersten Versuch Geld abzuheben erschien eine recht zusammenhanglos anmutende Fehlermeldung auf dem Bildschirm. Schulterzuckend beließ ich es beim Versuch, so nötig hatte ich es in dem Moment nicht. Ich schob das Misslingen auf den Automaten, der seine besseren Tage bereits hinter sich hat.

Am darauffolgenden Abend schaute ich dann in gepflegter Damenrunde recht tief in Berlins Cocktailgläser. Da musste ich nun doch an den Automaten, um eine frühzeitige Ernüchterung noch rechtzeitig abzuwenden. So suchte ich fix die nächste Bankfiliale auf, steckte meine Kreditkarte in den Automaten, und – Satz mit x! Das erstaunte mich dann aber doch ein bisschen. Ich überschlug im Kopf schnell Gehalt vs. Ausgaben und kam zum Schluss: Leer konnte das Konto so \pi mal Daumen nicht sein. Erneut zeigte der Bildschirm mir lediglich eine kryptische Fehlermeldung an. Verwirrt ging ich kurz in mich: Beim Versuch neulich in meine Wohnung einzubrechen hatte ich doch meinen Ausweis benutzt, nicht die Kreditkarte! Und schaute wie zum Beweis drauf: Die sah ja auch noch gut aus. Ein weiterer Blick auf die Karte belegte, dass genauso wenig die Gültigkeit das Problem sein konnte. Leicht ungebockt und angetüdelt schob ich den Missstand erneut auf die Bank und wunderte mich trotzdem nicht, als eine andere Karte funktionierte. Tüdelü! Jetzt hatte ich ja wieder Patte auffe Kralle, da waren die Details erstmal nicht so wichtig.

Erst am nächsten Morgen kam mir völlig zusammenhanglos der Gedanke, doch mal einen Blick auf meinen Kontostand zu riskieren. Das war also dieser vielzitierte Ruf aus dem Unterbewusstsein! Unangenehm. Das unbestimmte Gefühl (ja, Gefühl!) wuchs flott zu einer fixen Idee und lag mir auf einmal schwer im Magen.

Ich schaute aber nicht auf mein Konto. Korrekt, ich höre nicht auf meinen Bauch. Zum Glück – ich hätte einen Herzinfarkt bekommen.

Und dann kam der Anruf. Irgendso eine Lady von irgendso einer Gesellschaft. Ich vernahm noch den Namen meiner Bank und dachte prompt: Uh oh! Und: Ob die mir nicht irgendeinen Quatsch erzählen/verkaufen will.

Die Lady so: „Ja, wie schön, dass Sie dran gehen, Ihr Vater sagte mir schon, Sie seien telefonisch so schwer zu erreichen!“

(Ich im Geiste so: WTF!??!!)

Die Lady fährt fort: „Ich habe mit Ihren Eltern gesprochen, wir dachten zunächst, es handele sich um die Karte Ihrer Mutter.“

(Ich so: noch mehr WTF! Und denke bei mir: Die Mutti hat aber nen anderen Vornamen, du Profine!)

Die Lady spricht unbeirrt weiter: „Naja, aber es handelt sich doch um Ihre Karte. Ihre Eltern sagten mir, Sie seien in Asien gewesen! Wollen wir vielleicht die letzten Abbuchungen kurz durchgehen?“

Ich so, denk mir: Na, wenn die meine Abbuchungen kennt, ist ja eh alles egal, da schieß mal los. Und frage mich, während sie lässig Posten aufruft, die meinen Herzschlag kurz aussetzen lassen: Was haben meine Eltern ihr wohl noch erzählt? Dass das Kind studiert hat und einen Job in Berlin vorweisen kann, dieser fernen Bundeshauptstadt, wo sie wie eine Große eigenes Geld verdient und überhaupt voll gut geraten ist und auch langsam mal geheiratet werden könnte, damit sie endlich mal Enkel kriegen? Oder doch nur, dass das undankbare Kind nie ans Telefon geht, und überhaupt nie zuhause ist, sondern ständig irgendwo in der Welt herumtingelt und es da doch kein Wunder ist, wenn es ausgeraubt wird, man hätte es ja immer gesagt, aber es hat einfach nicht hören wollen!

Ach, Eltern! Man muss sie einfach lieben.

Im Laufe des Gesprächs errechne ich aus den einzelnen nicht von mir getätigten Abhebungen, die die Lady mir nacheinander vorträgt, dass Schlaufüchse in den USA das abgehoben haben, was ich besitze. Besaß. Nach meinem Karmakonto ist nun also auch mein Bankkonto leer. Kann man ja mal machen, ich habe schließlich noch drei Packungen Nudeln, eine Konservendose Ananas und Kakaoglasur vorrätig. Damit überwintere ich locker! Bleibt nur zu hoffen, dass die Helden alles für Drogen und Disneyworld verprasst haben. Den Berlinern sei derweil geraten: Finger weg vom Bankautomaten in der Postbank auf der Skalitzer. Der ist evil.

Meine Kreditkarte habe ich übrigens zerschnitten, wie die Lady am Telefon es empfohlen hat.

Ich wär dann mal bereit für den Tauschhandel!

Comments
2 Responses to “Kein Gold bis Langenselbold”
  1. Ach du scheise…
    Mein Mitgefühl, liebe Lotte!
    Gruß, Tiger

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