F’hain, halt’s Mauel.

Eigentlich zog ich los, um mich in Ruhe in einer stillen Ecke einer internetlosen Zone zu verkriechen und an meinem Buch zu arbeiten. Normalerweise ist meine erste (und einzige) Wahl zum Schreiben in der Welt da draußen das hochcharmante, gemütliche Café Marx am Spreewaldplatz in Kreuzberg. In einem Anfall von “mal was Neues” und Wahnsinn kam mir heute jedoch die Knülleridee, im Friedrichshain zu bleiben. Das ist ein wenig näher und im Hipsterkiez über die Brücke gibt es gefühlte Dreimillionen Cafés. Ich kenne dort zwar unzeitgemäßerweise nur das Conmux, das für meine Zwecke allerdings allemal passend schien: Üblicherweise ist es in dem riesigen Laden leer und ruhig, bei einem zarten Hauch Ranzpunk. Ich laufe also los. Schnell kommt mir die Welt verdreht vor: die Straßen voller französischsprechender, rempelnder und im Weg stehender Gruppen und knutschender Pärchen. Hass, HAAAASS! Bin ich in Disney-fuzzy-puppy-happy-fuckyou-land? Wo sind auf einmal all die Hunde, wo die grantigen Punker? Wo ist die echte, schlechte Welt? Und verflucht, warum gibt es auf dem direkten Weg von mir zum Conmux keinen einzigen verdammten Späti? ICH! BRAUCHE! ZIGARETTEN! IHR! GENTRIFIZIERUNGSSPASTEN! Am Conmux angekommen folgt schlagartig der nächste Realitätscheck – der Laden ist knüppelvoll. Ich komme mir vor wie mein eigene Oma, als ich denke: “Das gab’s hier noch niiiie!” Whatever happened und so. Und da dämmert es mir, es ist ein Scheiss-Sonntag aus der Hölle. Ich habe doch Ferien (lies: Urlaub) und kann gerade so Tag und Nacht auseinanderhalten (wegen hell und dunkel, nä?). Klarer Fall von Fail, Frau Lotte. Ich schiebe mich an den Massen auf der Simon-Dach-Straße vorbei, schnell weiter, so viele Menschen an einem Ort sind mir nix. Der nächstbeste Riesenladen ist halbleer. Immerhin. In der hintersten Ecke ergattere ich einen großen Tisch, den ich hastig mit meinen zahlreichen, lose herumfliegenden Notizblättern komlett bedecke. Der halbherzige Versuch eines abschirmenden Forts. Mittelerfolgreich. Um mich herum eine Gruppe Studenten und ein Pärchen. Sie reden. Alle. Durcheinander. Laut und schwachsinnig. Alle paar Sekunden schießt mir “FRESSE!” in den Kopf, zunehmend fordernder. Dass ich Stimmen höre muss bedeuten, dass die anderen verrückt sind. Ich überlege, einfach jetzt schon mit dem Schnapstrinken anzufangen. Warum bin ich nochmal rausgegangen?

Die Gruppe gegenüber bestellt die Rechnung. Endlich. Doch, ach! Nicht so schnell! Es sind fünf Leute, natürlich zahlt jeder einzeln. Die arme Servicekraft sitzt locker fünf Minuten mit am Tisch, während die Gäste die Rechnung auseinandernehmen, kritisch prüfen, wild diskutieren, wer jetzt was bezahlt und auf den Cent genau ihre jeweiligen Speisen und Getränke zusammenrechnen. Kunden aus der Hölle. Geduldig beantwortet sie, warum der kleine Kaffee 1,60 und der große Kaffee 2,50 kostet und nimmt die durchschnittlichen 20 Cent Trinkgeld mit wissendem, geplagtem Lächeln entgegen. Ich schäme mich fremd, und zwar locker doppelt so doll wie bei Bauer sucht Frau.

Sofort kommt eine neue Gruppe, die von all den freien Tischen den neben mir wählt. OK, neue Runde! Der jungsche Typ mit dem braungelockten, wilden Haar und lässig über’m V-Neck-Shirt offen getragenen Karohemd studiert die Karte. Dann schaut er auf und fragt seine Begleitungen, was Kartoffelgratin sei. Um nicht total doof dazustehen, schiebt er schnell einen Lösungsvorschlag hinterher: “Brei?” – “DEIN HIRN IST BREI, DU CRETIN!”, denke ich. Ich bin in Rage, rien ne va plus.

Das ist kein Ort für mich. Öffentlichkeit, ich habe es versucht, und einmal mehr gebe ich dem alten Mann Recht: L’enfer, c’est les autres. Darum schaue ich übrigens gern RTL2: Das kann ich ausschalten, wenn die Dummheit zu groß wird. Der Realität fehlt definitiv der Mute-Knopf. Oder der rote Button für die Weltzerstörung. Ich gehe jetzt nach Hause, ziehe die Vorhänge zu und schaue Dr. Strangelove. Und hinter Schreiben im Hipsterkiez mache ich ein Häkchen.

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2 Responses to “F’hain, halt’s Mauel.”
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  1. […] mich irrsinnig schwer mit meiner Geschichte. Um mich besser zu konzentrieren, suche ich beizeiten internetfreie Zonen auf. Das genügt leider nicht immer, so dass ich alle Gedanken, die mir beim Schreiben so kommen, […]

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  2. […] steuere dabei selbstredend bewusst die Orte an, über die ich mich einst so aufregte, so auch heute. Doch, ach! Kültürzeit – leer. Conmux – auch leer. Verflixt, wo sind die […]

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