Das Konzentrationsloch

Ich schreibe ein Buch. Das kommuniziere ich zumindest gerne so. In Wahrheit habe ich bereits zwei Mal von vorne angefangen und tu mich irrsinnig schwer mit meiner Geschichte. Um mich besser zu konzentrieren, suche ich beizeiten internetfreie Zonen auf. Das genügt leider nicht immer, so dass ich alle Gedanken, die mir beim Schreiben so kommen, in ein Dokument hacke, das man zu recht als „Konzentrationsloch“ bezeichnen kann. Eigentlich ist es eher ein schwarzes Loch, das eventuelle Konzentration anzieht und frisst.

Als ich zuletzt an meinem Buch arbeitete, entstanden folgende Beweise latenten Wahnsinns. Ich schenke euch das ungeschönt und danke meinen Freunden und Followern: Ihr seid anscheinend auch verrückt.

Here we go:

„Das ist das Konzentrationsloch. Warum kann ich nicht einmal 5 Minuten bei der Sache bleiben? Habe ich ADHS oder bin ich Opfer der Aufmerksamkeitsökonomie, beschleunigten Medienkonsums und der Gesellschaft überhaupt? Die Gesellschaft ist schuuuhuuld, dass ich so bin! 5 sollte man eigentlich ausschreiben. Fünf Minuten. Wie schreibt man mit ADHS ein Buch? Vielleicht doch besser Kurzgeschichten. Ich habe geträumt, ich hätte ADHS. Die Ärztin sagte, für ADHS-Patienten sei das Leben immer Refrain, Refrain, Refrain, nie Strophe oder Brücke. W00t? Und, ach! So etwas ähnliches hatte doch ein geschätzter Autor zu einer geschätzten Autorin und die zu mir gesagt. Im Roman darf es nicht immer nur Refrain, Refrain, Refrain sein. Immerhin kam der Gedankengang nicht völlig aus dem nichts. Oh, Schmetterling!

Ich lese im Sol Stein (Anmerkung zur Verständlichkeit: Sol Stein, Über das Schreiben). Wenn ich schon nicht schreibe, lese ich wenigstens darüber. GAH! Meine Zeit ist doch begrenzt, warum nutze ich sie nicht? Meine Aufmerksamkeit schwindet. Aus Lesen wird Blättern wird Daumenkino. Ich entdecke eine Tabelle, die ich sofort überblättere. Jetzt finde ich sie aber vielleicht doch interessant! Gleich nochmal suchen. WARUM SUCHE ICH EINE TABELLE VON DER ICH NICHT WEISS OB SIE ANSATZWEISE RELEVANT IST ANSTELLE ZU SCHREIBEN??? Ich spinne. Irgendwo hab ich gelesen, Autoren hätten nen Dachschaden, allesamt. Da bin ich in guter Gesellschaft. Hätte ich nur die Konzentration, auch mal etwas zu schreiben.

Ich schließe dieses Dokument, um zum eigentlichen Buchmanuskript zurückzukehren. Plötzlich halte ich mein Handy in der Hand und checke Facebook. Zum zweiten Mal innerhalb einer Minute. Ja, geht’s noch?

….

Um weiterzuschreiben, lese ich das Geschriebene nochmal. Um reinzukommen, klar. Ich hänge mich an jedem Wort auf, füge neue Sätze ein, formuliere um. Am Ende angekommen, bin ich unheimlich zufrieden mit mir und habe gleichzeitig gratifikationsmäßig keine Lust mehr, weiterzuschreiben. Die Geschichte tut weh, sie strengt mich an. Ist Psychotherapie auch so?

Ich starre mein Dokument an. Der Cursor blinkt blink blink blink.

Es ist erst eine Seite lang. Wieder. Erstmal fernsehen.

Ich starre mein Dokument an und hasse auf einmal die unterschiedliche Sperrung der Buchstaben der Times New Roman besonders stark. Und das ist DIE Standardschrift schlechthin? Stillos geht die Welt zugrunde.

WARUM KANN ICH MICH NICHT KONZENTRIEREN?

Sol Stein schreibt, Romane seien wie Sex, sie sollten gut für beide Partner sein, und Autoren würden zu oft die Bedürfnisse des Lesers ignorieren. Moment, Sherlock. Was ich schreibe, ist nicht mal gut für mich.

Ich frage mich, welche bekannten Autoren unter Aufmerksamkeitsdefiziten leiden. Ich will sie googeln, aber mir ist klar, dass das nur eine weitere Ablenkungshandlung ist. Ach, ich bin ja immernoch im falschen Dokument.

Schreiben ist Schmerz! Mein Cortex (nicht: <3 Coretex <3) pennt, mein Kleinhirn ist vom Börek total befriedigt. Das ist keine Basis für Produktivität. Nix Worte heute. Nix erinnern, nix denken. Leerleerleer. Armes Wort „leer“, hat keine sinnvollen Anagramme.

Ich drücke schon wieder auf dem Telefon rum (mmmh, Rum!). Merke: Wenn ich schon irgendwo isoliert rumsitze (mmmh, Rum!), um zu schreiben, sollte ich auch das Handy zuhause lassen. Allerdings steht dann offen, wie schnell ich nervös werde, so ganz ohne Internetz. Geht das überhaupt?

Hier liegt ein Stadtplan herum. Ich stelle fest: Stadtplan könnte auch Stattplan heissen. Statt Plan zu haben, hat man dann den Stattplan. Wie Stattbahnhof. Oder Stattgarten. Dumme deutsche Sprache. Dumme Lotte! Duh!

Ganz schön kalt hier. Meine Finger sind steif. Stiff little fingers.

Alter. L’existence précède l’essence to the max. Mein Buch ist so existenzialistisch, es existiert kaum.

Was quäl ich mich überhaupt mit so einer Geschichte. Vielleicht doch nen Arztroman schreiben.

Wenn ich Absätze einfüge, wird der bereits geschriebene Text länger. Ein Schelm, wer „wird“ durch „wirkt“ ersetzen möchte!

Auf einmal scheint selbst die „Kinski spricht Villon“-CD, die hier im Regal steht, interessant. Zeit, aufzubrechen. Rien ne va plus. Klappe zu, Affe tot.“

Comments
5 Responses to “Das Konzentrationsloch”
  1. Oh, sieht ja alles neu hier aus, auf der Seite: ganz schön offiziell! Sehr schön, Frau Regierung!

    Mit dem Buch: Sie schaffen das schon!

    Bedenke: Manche Ex-Minister_innen ham viel geschrieben, oftmals mehrere hundert Seiten, aber das hat doch absolut nicht gefunzt! Und kein Mensch hat deren Gedrucktes gelesen oder auch nur angefasst. Jahrelang. Noch nicht mal mit ner Kneifzange!
    Also, sehn Se das mal ganz locker und entspannt: Kann nur besser werden, mit der neuen Regierung! Darauf einen Dujardin!

    Ich jedenfalls drücke Ihnen beide Daumen!
    Ihr Asphalt Tiger

    (Oh! Tiger ham gar keine Daumen? “I keep my fingers crossed”, also. Nix für ungut!)

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    • lotterrr says:

      Hervorragend bemerkt, verhehrter Tiger! Mit dem Buch: Richten Sie sich mal auf eine Veröffentlichung im September 2056 ein. Natürlich nicht zu Holzmedium, dafür als pinkes Hologramm zur Lektüre auf Hovercar-Windschutzscheiben und Duschkabinenwänden.

      Prost Dujardin! Und bald heisst es wieder: Dujardin im jardin. Darauf nochmal Prost.

      (PS: Die Evolution arbeitet bereits an den Daumen. Bis 2056 ist ja noch etwas Luft. http://www.youtube.com/watch?v=h6CcxJQq1x8 )

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  2. Herrlich! Viel Spass noch beim Ablenken!

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  1. […] wie beim Konzentrationsloch habe ich lange gehadert, ob ich das Folgende mit euch teilen will. Es ist nicht nur intim, sondern […]

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  2. […] vier Wände an meinem (größtenteils imaginären) Buch zu schreiben. Ich habe bereits gelernt, dass ich mich nicht konzentrieren kann, wenn ich mit mir allein bin, und dass die besten Dialoge echt sind. Es ist wahr: Was die Leute so sagen, kann man sich einfach […]

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