Waren in Waren

“Frau Lotte, komm, wir machen einen Ausflug!” – “Oooh, ein Abenteuer! Dafür bleibe ich auch mal nüchtern”, schießt es mir durch den Kopf. “Wohin wollen wir fahren?”, frage ich, und ziehe im Geiste die bereits besuchten Orte im Umland ab, während ich die mentale Liste potenzieller Ausflugsziele abrufe. Während mein Hirn noch mit einem Feuerwerk beschaulicher Brandenburger Ortschaften mit illustren Namen wie Motzen, Protzen und Kotzen aufwartet, nimmt mein Begleiter bereits die Entscheidung vorweg: Wir fahren nach Waren in der Müritz. Wie es sich herausstellt, hatte er bereits bei der Ausflugsidee ein heimliches Motiv. Waren war längst gesetzt, denn wir sollten dort Freunde treffen (lies: abholen). Honi soit qui mal y pense!

Bereits auf der Hinfahrt stelle ich fest: Die Gemeinden scheinen das, was ihnen aufgrund von Arbeitslosigkeit an Steuern entgeht, mit Verkehrsteilnehmerfotografie kompensieren zu wollen. Auf der Strecke ab der Autobahnausfahrt bis nach Waren hinein bremse ich mehrfach genauso hektisch wie drastisch ab. Ein Glück, dass ich Profine mehr auf den Straßenrand als auf die Straße selbst achte. Als Mädchen von Stadt mit sportlichem Fahrstil vermute ich ja überall Blitzer: in Kinderwägen, in Mülleimern an Laternenpfählen, hinter Wahlwerbung, hinter Kreuzen auf Alleen… Weiß ich Bescheid: Nur weil du paranoid bist, heißt das nicht, dass sie nicht hinter dir her sind. Oder vor dir. Die Wirtschaft beschränkt sich scheinbar ebenfalls auf nur eine Branche, und so reiht sich Gasthof an Gaststätte an Truckerstopp an Büdchen.

In Waren angekommen steuern wir geradewegs auf die Seepromenade zu. Es fühlt sich ein wenig so an, als führten alle Wege zum Wasser. Ein effektives Touristenleitsystem, befinden wir. Während wir auf unsere Einheimischen warten, verstecken wir uns in einem Hotelcafé mit Hafenblick. Wir haben aller Sonntagsharmonie zum Trotz ein bisschen Angst, von Locals angesprochen und/oder von garstigen Jugendgangs ohne Migrationshintergrund (lies: Nazis) aufgemischt zu werden. Unser Zufluchtsort sieht aus wie das Wohnzimmer eines Puppenhauses, Maßstab 1:1. Hier senken wir den Altersdurchschnitt der Gäste von rund 92 Jahren massiv, passen uns aber immerhin in puncto “schweigend zum Fenster hinausstarren” den drei Anwesenden an.

(Ja. Sie sitzen alle am Fenster.)

Schnell machen wir beim Studieren des Sozialverhaltens der Warener Spaziergänger außerhalb unseres Glaskokons einen Trend aus. Obacht, Reisender! Bist du allein unterwegs, musst du deine Hände beim Flanieren zu jeder Zeit auf dem Rücken gefaltet halten, sonst fliegt deine Tarnung auf. Diese These wird übrigens wenig später von unserer Connection bestätigt. Wir sind so überlebensfähig, uns hätte man niemalsnicht als hippe Städter erkannt.

Bevor wir uns ins heitere Dorfgetümmel stürzen, studiere ich noch fix das überschaubare Gästebuch des Hotels, in dessen Café wir den ekligsten Kuchen der Welt aßen. Man muss ja auch wissen, mit wem man es so zu tun hat! Ich lerne nichts. Während ich meine zwei Favoriteneinträge fotografiere, reitet mein Gehirn bereits auf einer bunten Bildwelle zum Thema Computersurfen.

Dann werden wir abgeholt. Ich gebe in die Runde, dass ich eine Führung zu den Kirchen St. Georgen und St. Marien wünsche. Cindy (Name nicht geändert) seufzt. “Das will jeder, der aus Berlin herkommt”, sagt sie, untermalt von einem Gesichtsausdruck Monalisa-esker Tragikomik. Ich kann nicht ausmachen, ob sie es total behämmert oder doch witzig findet, mit uns zur Kirche zu trotten. Auf dem Weg dorthin warte ich mit meinem morgens ergoogelten Wissen auf und erkläre der Reisegruppe, dass die St. Georgen-Kirche eine dreischiffige Basilika mit vierjochigem Langhaus und einer Kirchgemeinde von heute etwa 2.300 Mitgliedern ist. Macht über 10% der Einwohner Warens aus, füge ich hinzu, trotz zurückgehender Einwohnerzahlen seit 1987. Leider interessiert das keinen. Und dann ist auch noch die Kirche verschlossen – na klar, ist ja Ostersonntag.

Wir kehren anstelle des Kirchenbesuchs in ein Fischrestaurant ein. War ja absehbar, dass ich in der Provinz nichts zu Essen bekommen würde! Ich beschließe, es mit Fassung zu tragen. Mein umherschweifender Blick macht kesse Sprüche an den Wänden aus.

Ich verharre bei “Fisch will schwimmen”. Große philosophische Fragen bedrücken mich ja eher. Will er? Muss er? Können Fische ertrinken? Ja, sagt Google. Und bietet mir auch das an:

Natürlich klicke ich auf Option 3 (“seekrank werden”) und erfahre: ist möglich. Hallo, Evolution! Dein Vorsprung zur Schöpfungstheorie ist ausbaubar.

Wir beschließen heimzufahren.

Fun fact, einige Sonntage später: Während ich diesen Text verfasse, schaue ich in einen Hof, in dem ein buntes Fest gefeiert wird. Womöglich eins dieser inflationär auftretenden Angrillen. Die Partypeople setzen sich aus einem elitären Club aus Pfadfindern im Erstklässleralter und den Protagonisten aus “Mitten im Leben” oder “Wenn Kinder Kinder kriegen” zusammen. Ich verstecke mich wieder hinter der Brüstung meines Spähbalkons, bevor das Kamerateam auftaucht. Ich bin schwer enttäuscht, als drei Kids eine Urkunde erhalten und die Party für beendet erklärt wird, mit dem Hinweis, dass es nun ja schon 17 Uhr sei. Das ist doch ein Scheisskult.

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