Motzen bis Motzen

Das Ausflugswetter reißt einfach nicht ab, während mein wochenendlicher Abriss altersgerechter wird. Beste Voraussetzungen für eine weitere Inspektion der ländlichen Regierungsgebiete.

Erneut lasse ich mich bei der Wahl des Ausflugsziels fremdbestimmen – unter nur einer Voraussetzung. “Wenn wir nach Baruth fahren, machen wir Halt in Motzen!”, so meine Bedingung. Das geht natürlich klar und ist eh mehr pro forma, schließlich bin ich Fahrerin, Diktatorin (öh, Regierung), Musikhitler und überhaupt ziemlich unilateral unterwegs.

Der Weg zum Auto führt aber erstmal bei grellem Sonnenschein durch den Görlitzer Park. Am Vorabend gab es wohl doch einen kleinen Abriss. Ich hatte verdrängt, dass man es auch mit bereits schwer betrunkenen Engländern und Kanadiern wirklich nicht aufnehmen sollte.

Absolut fahrtüchtig (legal disclaimer!) machen wir also los. Während wir uns Baruth nähern, schlägt mein Mitfahrer vor, einen Abstecher ins DDR-Ferienlagerdorf Radeland zu machen. Quasi gleichzeitig streckt er den Arm nach links aus und ruft hektisch: “Hier, links, bieg ab, bieg ab!” Ich folge zu diesem Zeitpunkt eher zügig dem Flow der Landstraße, kriege jedoch selbstverständlich die Kurve noch lässig ohne Handbremse irgendwo zwischen ihrem natürlichen Verlauf und einem asteinen Uuui. Ein sandiger Weg führt uns an einem Haufen Traktorreifen vorbei (sie brennen nicht) in eine beschauliche Siedlung mit kleinen Häuschen.

Innerhalb von 15 Minuten ist Radeland durchlaufen. In dieser Zeit finde ich ein Kriegsdenkmal, entdecke eine Kiche, in der die freiwillige Feuerwehr wohnt, teste einen Traktorreifen auf Hüpfburgqualitäten (läuft) und räume auf dem Friedhof auf. In Bildern:


Ein Kriegspenis im Dorfzentrum. Krieg Nummer 2 ist sinnbildlich wie strategisch clever auf der Kehrseite versteckt.


Die Radeländer Multifunktionskirche beherbergt die freiwillige Feuerwehr, warnt vor Waldbränden und nimmt die Post entgegen. Endlich eine Kirche mit Sinn!


Das Treckerreifentrampolin. Fetzt!


Schabernack mit Kreuzen machen ist das neue “I was here”.


Autos mit Chauffeur gibt’s bei der AWO. Ich fahre ja lieber selbst.


Auch mit den Öffis top erreichbar: Radeland Dorf.

Wir fahren weiter. Nein, nicht zurück auf die Straße Richtung Baruth, das ist für Touristen und Anfänger. Mein Mitfahrer kennt schließlich einen top secret-ultra-abkürzenden-Kiddie-zu-Fahrrad-Geheimweg durch Wald und Wiese. Das Schild am Ende der befestigten Straße sagt “Forstfahrzeuge frei”. Im Unterschied zu den Park- und Halteverbotsschildern schnalle ich hier direkt, was Phase ist. Mir schwant nichts Gutes. Im Folgenden quäle ich mein kleines Auto mit den müden Winterschluppen zärtlich über uneben aneinandergereihte Betonplatten, deren Abstand zueinander eher dadaistisch anmutet und allem nur nicht meinem Radstand entspricht. Alles für die Nostalgie, oi!

Wir passieren Klein Ziescht, wo der einzige Gegenverkehr aus einem Mann zu Pferde besteht.

Und dann, endlich, Baruth. Nach der Kriecherei über Stock und Stein ereilen mich beinahe Großstadtgefühle. Das Auto angemessen abgestellt stürzen wir uns direkt ins städtische Treiben, in diesem Fall in den einzigen offenen Laden. Im Nahkauf finde ich vor-vor-Vorsaison-Schokoladenhasen, entscheide mich dann aber doch für eine Flasche Pfeffi. Beim Bezahlen reihe ich mich hinter zwei dicken Naziboys und einem Pärchen ein, das ich ganz sicher schonmal bei Britt um seine Vaterschaft habe streiten sehen. Brandenburg scheint sich heute besonders ins Zeug zu legen, um mir die Wahrhaftigkeit aller Klischees zu beweisen. Daraufhin erscheint es uns nur konsequent, uns dorfjugendstyle mit dem soeben erstandenen Pfeffi auf den Spielplatz zurückzuziehen.


Mein Haus, mein Auto…


Baruth, du bist etwas früh dran… Ostern ist erst in 11 Monaten, pi mal Daumen.


Hoch hinauf, zack hinunter.


…und liegenbleiben. Scheiss auf die Leistungsgesellschaft.


Hier gibt es anscheinend eh nicht viel zu lernen.

So ein Spielplatz ist allerdings auf einmal erdrückend klein, wenn man selbst erstmal groß ist, also ziehen wir weiter. An den Ort für die, die jenseits von Groß sind nämlich, und überhaupt Hauptsache jenseits: den Dorffriedhof. Dort hüpfe ich aufgeregt gackernd und fotografierend und Pfeffi nachkippend zwischen den Gräbern hin und her, bis mich eine Dame im Midlifecrisis-Alter anspricht: “Sind Sie auf Ahnensuche?” – “Nö, ich bin nur gern auf Friedhöfen, wegen der Ruhe”, entgegne ich diplomatisch. Mit meinem ausgeprägten Hang zu Blasphemie und morbider Friedhofsromantik brauche ich ihr besser nicht zu kommen. Trotz meiner gesellschaftstauglichen Antwort entfährt der Frau schwer atmend ein herausgepresstes “tssssssss”, begleitet von einem herrlich entgeisterten (pun intended!) Gesichtsausdruck und einem fast unmerklichen, aber wirkungsvollen Kopfschütteln. Sie findet mich echt scheisse. Ich hüpfe heiter weiter.


Et voilà, der beschauliche Baruther Friedhof.


Huch, hat da jemand den Grabstein ausgeliehen?


Auch hier könnte mal aufgeräumt werden.

Zum Schlagseitenkonter kehren wir schließlich in eine Pizzeria mit Blick auf die Dorfkirche ein. Doch, ach! Kaum sitzen wir in der Sonne, präsentiert uns Baruth eine dubiose Parade schwarz-weiß-rot uniformierter, grimmig in unsere Richtung blickender Hater in Armeefahrzeugen. Scheint wohl irgendwo ne Führergeburtstagsfeier zu steigen. Na klar, ist ja auch Nazionalfeiertag. Ich will pöbeln, behalte meinen Hass aber für mich. Von Fischmob weiß ich: “Wo Gewaltanwendung mit ungleicher Chancenteilung droht, lieber fünf Minuten feige als ein ganzes Leben tot!”

Wir sind immernoch beim Essen, als eine Gruppe Radfahrer im Partnerlook vor uns stoppt. Sie sind vom Weg abgekommen und halten uns für vertrauenswürdig und kompetent genug, ihnen zu helfen. Wenn die wüssten, wie oft ich Verirrte bewusst oder unabsichtlich aufgrund spontan auftretender Links-Rechts-Schwäche in die Irre geschickt habe. Diese sind auf jeden Fall Kandidaten für Fall 1, ich möchte ihnen den falschen Weg sagen. Sie tragen gebrandete Radlerhosen und Trikots, die nicht den geringsten Spielraum für Phantasie lassen. Ihr jung-dynamisches Auftreten löst in mir einen Würgreiz aus. Diese Spiesserpärchen aus der Hölle, diese Unter-der-Woche-Versicherungsschreibtischtäter, die am Wochenende “was zusammen” machen, ein Abenteuer, am besten mit ihren Freunden, die wie sie “ein bisschen crazy” sind. Sie öden mich an. (Übrigens: Den schönsten Pärchenrant aller Zeiten findet ihr in Nagels “Was kostet die Welt”.)

Mehr Baruth:


Schöner Ort im Nirgendwo: Ich, du, Enten – Blub Stadt. Mehr muss nicht gesagt werden.


Ich wäre dann mal ready für Bauer sucht… Oh, ich muss weg.

Wir fahren weiter. Auf dem Rückweg dann endlich der lang ersehnte Halt in Motzen. Hier gibt es nichts zu meckern. Eigentlich gibt es hier auch nichts, außer See, Seegrundstücken mit dicken Autos und einem Meilenstein. Und natürlich das Ortsschild, mit dem sich der moderne Tourist hier stets fotografiert. Das Las Vegas-Foto des kleinen Mannes quasi.


Hey Motzen! Ich habe fertiggeranted. Schöss!

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One Response to “Motzen bis Motzen”
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  1. […] verliert trotzdem das Cleverle, das seinen Kopf instinktiv oder gar mitdenkend nach links dreht. Schon wieder möchte ich Fischmob zitieren: “Denken? Äh, ist das nicht n Fremdwort, warte mal kurz, ich […]

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