Bundeswehrmacht

An einem sonnigen Montag vor nicht allzu langer Zeit kam ich in den Genuss eines Urlaubstages. Da kann man dann auch schon mal um 7.00 Uhr aufstehen, wenn das Programm es anbietet. Und das tat es: Mir wurde ein Ausflug in die Julius-Leber-Kaserne in Aussicht gestellt, Berlins größte Bundeswehrkaserne. Soldatensachen am frühen Morgen? Na hellooooo!

Nun ist mein Verhältnis zu Staatsmacht durchaus ein ambivalentes. Ganz machiavellisch hege ich große Faszination für Macht und Autorität sowie die Strukturen und Prämissen, die sie entstehen und erstarken lassen, während mich deren Umsetzung ganzheitlich abstößt. Wenige Menschen können mit Macht gut umgehen, und dann paart sich Macht schnell mit Willkür. Willkür wiederum ist das Prollauto der Gefühle und steht gern für einen sehr kleinen Penis (alles für die Suchmaschinenoptimierung! Sex! Geld! Porno! Geil!).

Bundeswehr ist für mich auch ein Ordnungsthema: Struktur bietet Sicherheit, weil alles geregelt ist. Alles ist geregelt, also gibt es Sicherheit. Irgendwie so, ohne in IKEA-Psychologie abzudriften, stelle ich mir das in meinem Zivilistenhirn vor. Statt jedoch an dieser Stelle in einen Grundsatzmonolog abzuschweifen, folgt jetzt mein Insiderbericht, Wallraffstyle.

Wir fahren also bis zur Kaserne vor. Während mein Begleiter einen Parkschein beantragt, hüpfe ich bereits aufgeregt vor dem riesigen Kasernenschild hin und her.

Kruppadler

Ob das wohl der gute, deutsche Kruppstahl ist?

Das war bestimmt teuer. Aber es repräsentiert, beschließe ich, meinem Sinn für hochwertige Produktionen folgend. Und repräsentieren muss man schließlich, will man ernst genommen werden. In der echten Welt handelt es sich hierbei übrigens um eine Straßenweisheit, die ich mir selbst beigebracht habe: Mach mich an und ich drohe dir massiv mit Kloppe, damit du von alleine weg gehst. Bei der Bundeswehr hat man eben präventiv dicke Panzer, oder halt dicke Schilder. Oder große Gewehre, oder dicke Eier. Wer will das schon so genau wissen. Mein Begleiter kommt zurück, und es folgt unmittelbar der große Moment: Mit Parkschein bewaffnet fahren wir ans Tor heran. Ich lasse das Fahrerfenster herunter, da lehnt sich der Torwart bereits halb hinein. Bevor ich etwas sagen kann, gerate ich in einen lautstarken Schusswechsel: Mein Begleiter und der Türsteher brüllen sich über meinen Kopf hinweg gefühlt minutenlang in schönstem Staccatodeutsch Ränge, Kompanien und andere Dinge entgegen, von denen ich keine Ahnung habe. Ich glaube, es handelt sich dabei um ein Ritual wie dieses:

ave

Der Geheimcode scheint jedoch geknackt, denn wir dürfen passieren. Wir sind noch keine hundert Meter in die Kaserne hineingefahren, da werde ich von meinem Begleiter angewiesen, die Höchstgeschwindigkeit von 30 Km/h bitte nicht zu überschreiten. Er kennt meinen Fahrstil. Während ich noch lässig die Mundwinkel verziehe, werde ich belehrt: Wir durchfahren feindliches Gebiet. Hier wohnen die Feldjäger, und sie blitzen jeden, der ihr Revier zu schnell verlässt. Sogar die eigenen Kumpanen, keine halben Sachen! Und das kostet richtig Bares (seine Seele hat man hier ja bereits verkauft). Ungläubig drehe ich meinen Kopf zum Beifahrer: “Echt jetzt?” Er fährt nüchtern fort: “Du glaubst gar nicht, wie viele z. B. aus Afghanistan unverwundet, aber mit einem Satz Strafzetteln zurückkommen. Die Lager sind vermint.” Nun, das mit den Minen hatte ich mir irgendwie anders vorgestellt. Später ergoogle ich mein neues Wissen prompt und lerne, dass zumindest die Kundus-Knöllchen im Vergleich zum heimatlichen Straßenverkehr gern auch mal das Zehnfache kosten – file under “erzieherische Maßnahme”. Miau, Bundeswehr! Nur die Harten kommen in den Garten.

Am Ziel angekommen kündige ich an, dass ich am Auto warten werde. Gelassen verabschiede ich mich mit den Worten “Wenn ich nachher nicht da bin, haben sie mich geklaut!” und kriege kühl erwidert: “Davor wollte ich dich gerade warnen. Bleib vielleicht in der Nähe des Parkscheins.” Uh oh. Da kommt direkt wieder dieses verwegene Rambo-Feeling in mir hoch. Ich überlege kurz, ob ich den Parkschein besser an mich nehme, wenn ich auf Erkundungspirsch gehe, beschließe aber, mich im Zweifelsfall lieber selbst zu opfern, als einen weiteren Strafzettel wegen Falschparkens zu riskieren. Den kriegt nämlich die Mutti, während ich selbst noch vor Ort ausgelöst werden kann.

Ich wackle also los. Leider hält sich morgens um 8.00 Uhr die Action in Grenzen und mein kleiner Rundgang langweilt mich schnell. Ich trete also den Rückzug gen Auto an und lege mich in die Sonne. Während ich so rumliege, bedauere ich, dass keine jungschen Soldatenboys über den angrenzenden Parcours, der mich an die Police Academy-Filme erinnert, gejagt werden. Hmpf! Ich dachte immer, beim Bund wird nicht ausgeschlafen. Keine Autorität und keine Action für die Bund-Boys, kein Sexismus für Lotte. Die Harten kommen nicht in den Garten. Damn.

nosports

No-Boyzone. Die Harten kommen nicht in den Garten.

Mein Begleiter kehrt zurück und stellt mir Frühstück vor Ort in Aussicht. So spazieren wir durch das Kasernendorf, vorbei an einer Kirche (leer), an einem Schwimmbecken (leer) und an einem Sportplatz (drei Jogger in Shorts, so knapp, wie Günther Netzer sie ’72 trug) zum Frühstückslokal. Unüberraschenderweise gibt es hier nur Widrigkeiten der Campküche, immerhin zu kleinen Preisen. Übrigens: Das Offizierskasino hatte ich zuvor voller Neugierde gegoogelt. Lasst euch gesagt sein, ich war mit dem Ergebnis sehr unzufrieden, doch immerhin hielt sich dadurch die Enttäuschung in der Realität in Grenzen. Für die Unwissenden: Der Name ist nicht Programm. Kein Blackjack, keine Nutten. Nur die Harten kommen in den Garten, Runde zwei. Auf dem Rückweg stecke ich aus mangelnder Inspiration alle ausliegenden Flyer ein. Wir marschieren zurück Richtung Auto. (Ich erfahre leider erst später aus dem Internetz, dass das Gästehaus des Verteidigungsministers in der Julius-Leber-Kaserne wohnt und bin im Nachhinein schwer enttäuscht, das nicht besichtigt zu haben.)

Beim Rückzug aus der Kaserne sehe ich aus der Ferne dann doch noch eine Mannschaft Soldaten mit Partnerlook-Hüten in Reih und Glied aufmarschieren. Ich lasse mich belehren: Das sind die Honks, denen man als Ranghöherer alles sagen kann (meine Worte), und die müssen das dann ausführen. Soviel zum Thema Macht. Hupsi. Die Chips sind alle? Kein Problem, dann schickt man sie eben geschlossen welche holen, für’s Vaterland. Stehen sie still (“stillgestanden” heißt übrigens auch “Klappe zu” – also eigentlich “sei-still-gestanden”. Boooy, man lernt echt nie aus!), kann man ihnen befehlen, in welche Richtung sie zu schauen haben. Sagt man “rechts” und DieMisère oder irgendein anderer C-Promi kommt von links, verliert trotzdem das Cleverle, das seinen Kopf instinktiv oder gar mitdenkend nach links dreht. Schon wieder möchte ich Fischmob zitieren: “Denken? Äh, ist das nicht n Fremdwort, warte mal kurz, ich schau im Duden nach. Denken – ah!: sich Gedanken machen. Na toll, und wer sagt mir jetzt, wie ich das machen soll?” Ich bin amüsiert bis befremdet. Alle Klischees sind wahr. Zeit zu gehen.

Um dem Ganzen ein Krönchen aufzusetzen, beschließen wir nach Zossen zu fahren und Hitlers Bunkersiedlung Maybach 1 sowie den Funkbunker Zeppelin zu besichtigen. Von Bundeswehr zu Wehrmacht, das militärische Wortdomino der Extraklasse, gespielt im echten Leben. For teh win.

In Zossen angekommen klettern wir vor der großen Touristenführung aber noch flugs durch einen Zaun und gehen auf Entdeckungstour in der verlassenen Kasernensiedlung.

leftbehind

Hier könnte ja mal aufgeräumt werden.

schlampen

Schlampen rufen yeaaar! Hier wohnt kein Militäääär!

Nach ein wenig Querfeldein durch hüfthohe Gräser (kostet immernoch reichlich Überwindung) und nassen Füßen stehen wir vor einer Mauer, die uns vom Auto trennt und eine Frage aufwirft: Alles zurückmarschieren oder über die rostige Leiter, die passenderweise schon da steht, auf die Mauer klettern und dann irgendwie runter? Klarer Fall. Fast auch wörtlich, denn auf einmal sitze ich auf der Mauer und der Sprung scheint mir für meine Schuhverhältnisse ein wenig hoch. Ich rutsche ein Stück rüber, um meiner Begleitung den Vortritt (gar: den Vorsprung) zu lassen. Ratsch, gibt meine Hose auch noch ihre Meinung dazu ab. Na danke. Der Herr gleitet mühelos unter Zuhilfenahme zweier Bäumchen herab. Früher hatte man Vorkoster, jetzt hat Frau Vorturner. Ist mir aber nix, ich probiere es wider guten Rates dann doch lieber Mädchen-Style. Zaghaft setze ich meinen Absatz in den Drahtzaun auf halber Höhe. Er hält: Seht, ich habe meine Geburtsgewicht erreicht! Leider hänge ich dennoch ziemlich hilflos halb an der Mauer, halb am Zaun. Ich möchte mir wirklich nicht zusehen. Mein Begleiter hat Mitleid und fängt mich auf, während ich beschließe, die Schmach flott zu verdrängen.

Es folgen ein paar Extrarunden mit dem Auto durch das Zossener Umland, dann startet endlich die Bunkertour. Leider fällt der Führer (pun intended) immer wieder durch politisch fragwürdige Statements auf, die in seine historischen Informationen en passant einfließen. Subtilität ist eine mächtige Waffe – vor allem, wenn representen ausfällt. An einer Stelle kann ich mir das zynische Edna Krabappel-Lachen nicht verkneifen, woraufhin ich prompt zur Zielscheibe werde: Man müsse ja auch belehren, um die mangelnde Kenntnis jener, die immer wieder schnauben oder lachen mal in Wissen umzuwandeln. Mooooment, denke ich bei mir! Dieses System kenne ich! Und es nervt. Trotzdem schnaube ich ab diesem Zeitpunkt nur noch flach – aber umso beleidigter – in mich hinein, denn ich möchte für meine 10 Euro Eintritt noch den Bunker “Zeppelin” von innen sehen.

maybach

So sieht also ein gesprengtes Bunkerhaus aus. Teil-Fail, beurteile ich profimäßig.

Maiglöckchen vor Maybachpanorama

Insgesamt bleibt die Führung unbehaglich, es ist vor allem kalt 14 Meter unter der Erdoberfläche. Eisig finde ich auch die Atmosphäre im etwa zwei Meter breiten Gang, auf dem an jeder Wand in zwei Reihen Bretter angebracht sind, die Betten für rund 500 Soldaten sein sollen. DIE HÄNGEN NICHT MAL GERADE! Krieg ist, ohne hier irgendetwas herunterspielen zu wollen, eine schaurige Sache. Insgesamt. Plus Bettensituation.

Bettenbunker.

Bettenbunker. “Betten”, that is.

Der Wehrmachtsnummer überdrüssig verlassen wir den Bunker. Ein kleiner Junge pinkelt hinter den Geheimausgang. In China fällt ein Sack Reis um. Wir fahren zurück in die Stadt und essen Pizza. Heil Frieden.

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