Strategische Accessoires: schwarze Löcher der Aufmerksamkeit.

Nachdem Angela Merkels @schlandkette gestern (nach diversen unbemerkten Auftritten in der Vergangenheit) endlich ihre 90 Minuten Ruhm hatte, scheint die Zeit reif, sich dem Phänomen strategischer Accessoires zu widmen.

Wer kennt das nicht: Man zappt gelangweilt durch das TV-Programm und schaltet mehr aus Versehen als aus bewusster Entscheidung in eine Bundestagsdebatte auf Phoenix hinein. Irgendein Mitglied des Bundestages, das niemand gewählt haben will, hält irgendeine Rede über irgendein Thema, das völlig alltagsfern ist.

Check.

Ich liebe Politik. Echt jetzt. Das Problem: Sobald ich in die TV-Übertragung einer solchen Rede hinein zappe, kann ich nicht mehr zuhören. Der Streetstyle der Abgeordneten mitsamt ihrer Krawatten, Ketten, Ohrringe und “interessanten” Frisuren zieht in diesem Moment meine gesamte Aufmerksamkeit auf sich (und wie die Facebook-/Twitterupdates zum gestrigen TV-Duell zeigen, geht es nicht nur mir so). Grund genug, sich eingehender mit Politikerdresscodes zu beschäftigen. Die Kette ist ja erstmal abgefrühstückt, daher werfen wir heute einen Blick auf die Krawatten unserer Boys im Bundestag. Ähnlich wie Polizisten (nicht umsonst gab es als Reaktion auf die Krawatten der Flics, die einst DSK abführten, diese Seite) haben nämlich auch Politiker Schwierigkeiten mit Accessoires.

Bernhard Schulte-Drüggelte, MdB (CDU/CSU) trägt seine Lieblingskrawatte immer, wenn er vor der versammelten Mannschaft reden darf.

Bernhard Schulte-Drüggelte (CDU/CSU) trägt seine Lieblingskrawatte immer, wenn er vor versammelter Mannschaft reden darf. Bild: schulte-drueggelte.de

Nicht alle sehen das so wie Bernhard Schulte-Drüggelte und greifen deswegen mehrheitlich lieber zur Safe Zone “Streifenkrawatte”. Wie langweilig. Aber immerhin gibt es mal problemlos eine Mehrheit!

Doch was haben Krawatten mit Politik zu tun? Nun. Mein persönlicher Schlüsselmoment, der die politische Bedeutung dieses fragwürdigen Accessoires (vornehmlich) für den Herrn verdeutlichte, erfolgte am 3. November 2004, dem Tag nach der 55. US-amerikanischen Präsidentschaftswahl. Mein französischer Politikdozent und bekennender Texas-Fan begrüßte uns bester Laune, um seinen Hals eine rote Schlinge, ‘schuldigung, Krawatte. Damit auch der letzte Honk diesen Hinweis von weltpolitischer Bedeutung verstünde, erklärte er uns gnädigerweise den Zusammenhang zwischen seiner roten Krawatte und den aktuellen Ereignissen. Rot ist bekanntlich aller Ironie zum Trotz in den kommunismusallergischen USA die Farbe der Republikaner. Die Krawatte stand entsprechend symbolisch für die Grand Old Party und somit für die Freude meines Profs am Wahlsieg George W. Bushs. Igitt! Auch im Schland trägt Mann gern Parteifarben um den Hals:

Jürgen T., auch bekannt als DJ Dosenpfand, trägt den Bekennerschlips. Bild: Dirk Vorderstraße

Jürgen T., auch bekannt als DJ Dosenpfand, trägt den Bekennerschlips. Bild: Dirk Vorderstraße

Hypnose für Anfänger oder Genossenbeschwörung? Peer S. beim politischen Aschermittwoch in schniekem Rot. Bild: High Contrast.

Hypnose für Anfänger oder Genossenbeschwörung? Peer S. beim politischen Aschermittwoch in schniekem Rot. Bild: High Contrast.

Nun wäre es möglicherweise etwas über das Ziel hinausgeschossen, überall verkappte Symbole und Meinungsäußerungen zu vermuten – wir sind ja hier nicht bei den Nazis! Doch auch im Bundestag ist die Krawatte immer mal wieder Thema, mitunter sogar Ärgernis. So zuletzt Ende 2010, als dort heftig um eine Krawattenpflicht für die neben dem Bundestagspräsidenten sitzenden Schriftführer diskutiert wurde. Anlass war das Erscheinen des ein oder anderen Politikers hierzu ohne Krawatte, der daraufhin seines Postens verwiesen wurde. Uh oh, welch ein Affront! Das ist ja wie mit Turnschuhen in die Disco wollen! Warum das Theater, fragt ihr euch? Wie so oft gibt es eine ganz einfache Antwort: weil CDU! Deren Parteimitglied Jens Koeppen hatte in seiner Funktion als Obmann der Schriftführer darauf bestanden, dass Abgeordnete in dieser Rolle stets eine Krawatte zu tragen haben, um die “Würde des hohen Hauses” zu wahren. Nunja. Grünen-Politiker Sven-Christian Kindler konterte daraufhin optisch wie inhaltlich stilsicher, es sei fraglich, ob so manche Blümchenkrawatte ebendiese Würde hebe. Da hatte er natürlich recht. Eins hat er jedoch nicht beachtet, was mir als Phoenix-Zuschauer von Welt längst klar ist:

Krawattenmuster wie Retrotapeten, Blumenwiesen oder flimmernde Streifen (letztere machen locker 80% aus) sind nicht ohne Grund aufmerksamkeitsstark wie ein Unfall. Sie saugen unsere Blicke auf wie schwarze Löcher und dienen deswegen als exzellente Ablenkungsmanöver. Des Soldaten Tarn ist des Politikers bunte Krawatte. Hat ein Abgeordneter ein unangenehmes Thema vorzutragen, einfach keine Ahnung von dem, was er da erzählen soll oder am Vortag gesoffen, kommen die wilden Muster ins Spiel. Ist doch klar! Für jene, auf die der Vort(r)agsuff zutrifft, gibt es übrigens ein attraktives Add-On: die Konter-Krawatte, das ultimative Säufer-Tool für lange Sitzungen und öde Meetings.

Sauflangweilig? Die Flachmannkrawatte schafft Abhilfe

Sauflangweilig? Die Flachmannkrawatte schafft Abhilfe. In diversen Farben und immer mit trendy Streifen erhältlich.

Und weil Krawatten scheinbar zu Politik, Wirtschaft und Wichtigkeit gehören, gibt es sie, wie die großen Autos, auch in der beliebten Bulletproof-Edition. Da sage nochmal einer, Krawatten seien nur ein Accessoire.

PS: Featured Image by Alfonso Pierantonio, CC Lizenz und so.

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