Schweden für Fortgeschrittene

Für Fortgeschrittene? Mitnichten. Ich war im Vorfeld dieses Trips zwar bereits einige Male in Stockholm, habe aber tatsächlich keine Fortschritte in puncto Auskennertum gemacht. Die ersten Reisen habe ich gar verschwiegen, und an die Schmerzen des dritten Besuchs erinnere ich mich noch heute sehr gut. So beschlossen Anna und ich aus der Erfahrung der vorigen Punkerferien, es mal mit etwas mehr Würde und Glamour zu versuchen.

Der Plan war einfach, hatte aber gleich mehrere Haken. Samstag sollte der einzige ganze Tag meines Aufenthaltes sein. Dorthin legten wir konsequent sämtliche sorgfältig ausgewählten Aktivitäten, nämlich das Auschecken der Kronjuwelen im Schloss und ultimatives Reichwerden im Casino. Die erste Hürde wurde gleich mitgeliefert: Ich würde bereits Freitag Abend landen. Freunde, ihr ahnt es schon… Die Rückschau ist die Vorschau: Bei meinem letzten Besuch mussten wir den Totensonntag bereits auf Samstag vorverlegen, weil wir Freitag eine Zeitreise ins Schnapsloch machten.

Und mit Schnaps fing es auch schon wieder an. Ich fragte Anna, was sie mitgebracht haben wollte –  ausser Schnaps. Sie so: Schnaps. Die Agenda war somit gesetzt, und alles was folgte eigentlich nur noch eine sich selbst erfüllende Prophezeiung.

Machen wir einen Zeitsprung zum Tag der Abreise. Ich überschlage im Geist, was ich alles anziehen kann, um in meinem Handgepäck genug Platz für Beute aus dem Duty Free zu schaffen. Keine leichte Übung, aber als alte Tetris-Profine finde ich natürlich eine Möglichkeit, weder auf das extra Paar Schuhe noch auf den Schnaps zu verzichten. Yes!

Dennoch: Bereits beim Gedanken ans Einchecken und Fliegen schaudert es mir, ist doch bislang immer etwas schief gegangen, wenn ich lässig irgendwo hinfliegen wollte. Diesmal flutscht alles. Ich muss mich beim Sicherheitscheck nicht ausziehen, ich habe genug Zeit, im Duty Fee Shop Schnaps zu ergattern und mich an der Kasse zu einem Impulskauf hinreißen zu lassen – einer einzeln abgepackten Spreewaldgurke in einer Dose. Dickes Ding, klar, dass ich nicht umhin komme, Anna eine mitzubringen. Glucksend und kichernd stelle ich sie auf das Band, während die Kassiererin meine Entscheidung lobt: “Die werden richtig oft gekauft!” Kann ich mir vorstellen. Phallus im Saft, yummy.

gurka

Get One. Weich und sauer. Ohne Pfand.

Die aufgrund mangelnder Vorkommnisse übrige Zeit bis zum Boarding vertreibe ich mir mit Alkohol. Flugreisen war noch nie so entspannt, ich schwöre. Fast möchte ich misstrauisch werden, entscheide mich dann aber doch für betrunken.

Pre-Boarding-Suff is the new förfest!

Pre-Boarding-Suff is the new förfest!

Dann geht es endlich los. Ich verknote meine Gliedmaßen im Rahmen der Platzmöglichkeiten der Boeing so, dass ich auch bei schlafbedingtem Verlust der Körperspannung in der eingenommenen Haltung verharre. Ich liefere mindestens einen dreifachen Rittberger, nur dass alle Bewegungsabläufe in einer Pose vereint sind. Hebelwechselwirkung auf Endgegner-Level! Das attestiert mir auch der stechende Schmerz, den ich beim Aufwachen in Wirbelsäule und Nacken verspüre. Neben mir höre ich ein verachtendes Giften: “Was ist denn das für eine Frau!” Erschrocken fahre ich hoch, um meine Sitznachbarin erneut giften zu hören: “Echt mal, vier Kinder von drei Männern! Was ist das für eine Frau!” – verstehe, sie meint nicht mich. Viel besser, sie liest ihrem Freund aus der InTouch vor. Ha! Die haben bestimmt viel Freude aneinander.

Nach S-Bahn, Flugzeug und Bus ist mein letztes Verkehrsmittel auf dem Weg zu Anna die U-Bahn, die in Stockholm “Tunnelbana” heißt. Witziges Schweden.

Tunnelbana! Gniiihihi!

Tunnelbana! Gniiihihi!

Und mal ernsthaft: Dazu fällt doch nicht nur mir als erstes die Sesamstraßen-Melodie ein? “Tunnelbana, düdüüü düdüdü”… Entsprechend fröhlich erreiche ich Annas Wohnung.

Was folgt ist ein harmloser Rausch, der VÖLLIG! UNERWARTET! den absoluten Anti-Glamour nach sich zieht. Schloss, Kronjuwelen, Casino? Satz mit X. Anna und ich bleiben liegen. Als wir halbwegs brauchbar sind, hat alles geschlossen (you can’t spell “geschlossen” without “Schloss”). Und es ist dunkel. Ich frage Anna, was die Schweden machen, wenn es früh dunkel wird, woraufhin sie trocken erwidert: Wir bringen uns um. Na super. Wir entscheiden uns dann lieber für den TV-Tod in Form eines ziemlich unzumutbaren “The Ring 2”, bevor ich auch schon wieder los muss.

*Szene nachgestellt

TV Party
*Szene nachgestellt

Bleibt das Fazit: Wenn Fortschritt eine positive Weiterentwicklung eines Zustandes auf einer Zeitschiene bezeichnet, müsste dieser Post eigentlich “Schweden für Anfänger – Teil 2” heißen. Das Äquivalent im deutschen Bildungssystem wäre: sitzengeblieben. Anna und ich sind sogar liegengeblieben. Win, fail? Mein Kopf dreht sich. Ich komme wieder. Tack!

hej då, Stocke!

Hej då, Stocke!

PS: Mehr Tunnelbana-Fun im U-Bahn-Blog: Sockenplan! Chrchrchr…

PPS: featured image by Loxdalen, Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported license.

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