Mein schönstes Konzerterlebnis

Die Dritte Wahl habe ich im zarten Alter von 15 Jahren in meiner Heimatstadt Offenbach am Main zuletzt live gesehen. Ich hatte mich damals auf diesen besonderen Abend akribisch vorbereitet: die Eltern angelogen, dass ich bei einer Freundin übernachten würde. Die Haare frisch blau gefärbt (und die Ohren sicherheitshalber gleich mit – DIY, 90er Jahre bzw. irgendeine miese Ausrede hier einsetzen). Mein schönstes Dritte Wahl-Shirt szenegerecht zerschnitten und übergeworfen. Eine Flasche Tequila gekauft und vor Betreten der Konzertlocation im Gebüsch versteckt. Ein Date zur Hafenbahn – für Uneingeweihte: so der Name des Veranstaltungsortes – bestellt, mit dem ich vor und nach dem Konzert jene Flasche Tequila austrinken würde. Einmal große Hafenrundfahrt für die kleine Lotte!

Ich bin das gar nicht. Schwör!

Ich bin das gar nicht. Schwör!

An das Konzert erinnere ich mich nicht, aber ich weiß, dass es sehr gut war. Genau genommen erinnere ich mich nur daran, wie ich, halb sitzend, halb liegend, den Kopf auf meiner Brust abgelegt auf einer fremden Couch in meiner eigenen Kotze aufwachte. Yolo und so (damals hieß das noch: No Future/Verschwende deine Jugend)! Und natürlich, wie ich mit den siechenden Klamotten des Vorabends und dem grässlichsten Kater der Welt nach Hause kam. In den folgenden Wochen wünschte ich mir oft, ich wäre nicht durch diese Tür gegangen. Es war der Hausarrest meines Lebens, denn genau dieses eine Mal hatte meine Mutter mein Alibi überprüft – und wie das so bei diesen verflixten „dieses eine Mal(en)“ ist, nächtigte mein Alibi wohl leider selbst woanders, vielleicht sogar bei mir. Der Rest ist Geschichte, aber die Dritte Wahl behielt ich in Top-Erinnerung.

Umso euphorischer war ich, als ich hörte, dass die Band in Berlin spielen würde. 15 Jahre später, und auch noch zusammen mit Slime. Mittlerweile bin ich natürlich total lässig und die Mutti weit weg, Tequila benutze ich bestenfalls als Scheibenwischerreiniger und das oben genannte T-Shirt verrottet in einem Paralleluniversum. Es ist irgendwie alles gut geworden.

Dann kommt der Abend des Konzerts. Die erste Band, Koller, sollte sich in „Dead Kollerdys“ umbenennen (alle Rechte vorbehalten, klar!). Es gibt ein paar Künstler, die so einzigartig sind, dass es schwierig ist, sich zu umfassend von ihnen inspirieren zu lassen. Jello Biafra (und auch seine einstige Gang) gehören unumstritten dazu, wenngleich Koller das recht sexy gemacht haben. Passt.

Es folgt der große Moment, die alt(ehrwürdig)en Herren von Slime betreten die Bühne und steigen direkt mit ihrem Smashhit ACAB ein – betitelt nach einem beliebten türkischen Vornamen. Das Publikum zeigt sich minder textsicher. Ich bin entsetzt und mutiere prompt zur Deutschpunkpolizei. WAS WOLLEN DIE ALLE HIER! WARUM SPIELEN SLIME IM ASTRA! WARUM IM VORPROGRAMM! DAS IST WAS FÜR BESCHEIDWISSER! NICHT FÜR JEDEN! Ihr kennt das, mit zunehmendem Alter steigt auch die Fähigkeit, über alles noch vehementer zu schimpfen. Parolen brüllen muss man sich verdienen, ganz klar. UND ÜBERHAUPT, SIE SPIELEN NEUE SONGS! SELL OUT! Kurz darauf ist es schon wieder vorbei. Tat kaum weh, aber: Slime ist keine Band für das riesige Astra.

schleim

Slime. Irgendwie war’s ja schon schön.

Und dann ist es so weit. Ein wenig aufgeregt warten meine Begleitung und ich auf die Dritte Wahl (auch J. verbindet Jugenderinnerungen mit den Boys, aber sie erinnert sich immerhin). Ich habe die Band in den letzten 15 Jahren weder gesehen noch gehört. Und dann weiß ich wieder, warum. So lieb das alles ist, wir verlassen das Konzert nach einer guten handvoll Songs und gehen nach Hause. Wochenende, Mitternacht, Bett. So wie ich mich früher heimlich raus schlich, schleiche ich mich jetzt heimlich rein. Wie früher bin ich dabei total zufrieden. Anders als früher wache ich wie frisch geschlüpft auf. Nimm das, Zeit!

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