In teh Iran, Teil 1: rübermachen

Berlin. Es ist ein sonniger Dezembertag, als Dennis und ich uns am Flughafen treffen, um in den Iran aufzubrechen. Seit Monaten beantworten wir unseren Familien, Freunden und Bekannten immer wieder geduldig ihre Fragen:

Ja, Iran.
Ja, da kann man hinfahren.
Nein, das ist nicht gefährlich. Im Gegenteil: Ein Bummel in den Neukölln-Arcaden, ein Spaziergang über Friedrichshains zugekotete Bürgersteige oder etwas Essbares in meiner Küche zubereiten dürften im Gefährlichkeitsranking höher liegen.
Ja, da müssen sich auch Westfrauen verschleiern. Nein, keine Burka, ihr Trottel!
Ja, da kann man Snowboard fahren.
Ja, Alkohol ist da verboten. (Entre nous, der hier machte uns durchaus Sorgen.)
Ja, genau, Kamele und Hassprediger. Duh!

annoyed-facepalm-picard

Aber von Anfang an.

Auch wenn ich es gern gewesen wäre – es war nicht meine Idee, in den Iran zu fahren. Als Jakobine mich in ihren Plan einweihte, schlug auch ich direkt im unwerblichsten aller Reiseführer nach: der Reiseinformation des Auswärtigen Amtes. Als Supertopcheckerbunny weiss ich zwar, dass kaum so heiß gegessen wie gekocht wird, aber so top-überzeugend und Vorurteile-aufräumend las sich der Diplomaten-Schriebs nicht. Ich beschloss, diese Quelle in künftigen Gesprächen (Eltern!) gar nicht erst zu erwähnen.

Worum es mir geht: Wir haben ein Bild vom Iran, das geprägt ist von den großen, westlichen Nachrichtenagenturen, die ihre Nachrichten für westliche Medien aufbereiten und an diese verkaufen. Wir assoziieren mit dem Iran ein bisschen Schah (böse!), eine Prise Islamische Revolution (böse!), eine gute Portion Unterdrückung der Frau (böse!), diese Religion, wegen der sich die Leute in die Luft sprengen (böse!), mutmaßlich massenhaft Massenvernichtungswaffen (böseböse!), vielleicht noch eine kleine “axis of evil”-Referenz (schon der Name sagt es: böse!), nicht mehr so viel Ahmadinedschad (böse!), und vielleicht auch ein wenig Aufstand von 2009 (die “grüne” Revolution, unböse. Böse Stimmen munkeln allerdings, diese politische Bewegung habe der Westen gemacht. Weil sie eine Farbe hat.). Anyhoo: Viel mehr erzählen uns die Medien nicht, und freiwillig informieren wir uns ja doch nicht weiter. Aber wer eben die “böse” gezählt hat, weiss, wie das Kamel läuft.

läuft!

Grund genug, sich das Land mal selbst anzusehen. Als ich herausfinde, dass Pegasus für rund 200 Euro nach Teheran und zurück fliegt, hab ich richtig Bock. Auch Dennis will mit. (Schön: Diesmal schnallen wir auch rechtzeitig, dass wir ein Visum brauchen werden.)

Machen wir einen Zeitsprung zum Tag des Abflugs.

Am Flughafen habe ich die erste schöne Begegnung, als ich mein Snowboard zum Sperrgepäck-Schalter trage und es zum Röntgen ablege. Die Dame, die es untersucht, zeigt sich erstaunt: “Sie haben da ja ein Snowboard drin!” Ich so, mit ehrlicher Unschuld: “Das ist eine Snowboardtasche, was sollte da ich sonst drin haben?” Darauf hat sie gewartet: “Na wennse wüssten, was die Leute da allet so rinnpacken!” Es schaudert mir: “Will ich das wissen?” Sie blüht auf: “Nee. Darf ick ooch jarnich sagen. Ick sach nur: Wenn Männer Koffer packen..!” Sie zwinkert mir verschwörerisch zu, ich lächle sie entzückt an. Made my day. Leute, wenn ihr am Flughafen seid, sagt der Lady beim Sperrgepäck Hallo. Sie ist ne Witzige und kriegt ganz offensichtlich wenig Besuch!

Am Gate angekommen verkürze ich mir die Wartezeit, indem ich Dennis laut aus meinem Persisch-Lehrbuch vortrage. Lektion 1: مرد آمد (lies: mard âmad, mit gerolltem rrrr) – der Mann ist gekommen. Noch während Dennis und ich unreif gigglen, dreht sich mein Sitznachbar zu uns. Er ist Teheraner. Man spürt, wie er direkt bereut, uns angesprochen zu haben. Dennis entlockt ihm dennoch seine Festnetznummer in Teheran, just in case. Nicht schlecht! Unser Gesprächspartner zieht sich auf dem Weg ins Flugzeug unauffällig zurück. So fühlt es sich also an, wenn jemand anders einem das Verrückten-Treatment gibt (lächeln, nicken, langsam zurückziehen). Interessant.

FLYPGS. Was als nette Abkürzung von findigen Werbern entwickelt wurde, suggeriert meinem Gehirn, dass da “flypigs” steht. Gut, dass mit @herrhaekelschwein ein Experte für Schweinskram am Start ist.

Wir machen Station in Istanbul, wo wir die Mehrheit der mitreisenden Gruppen treffen und lernen, dass man am Flughafen Sabiha Gökçen nirgends rauchen darf. Besonders schlecht macht sich dieses Verbot in Kombination mit dem Freibier, mit dem ein Mitreisender – unsere fabelhafte Connection in der CIP Lounge – uns schmuggelnderweise versorgt (CIP? VIP? Etwa ein Fall von C wie Zukunft?). Beim Gang zur Toilette verstehe dann aber auch ich: Raucherkabinen sind in Istanbul einfach umfassender konzipiert als in anderen Flughäfen. Als Raucher kann man sich hier autistisch in eine Einzelkabine zurückziehen, und da bei Bedarf gleich auch noch seine Notdurft verrichten. Genial!

Auch genial: Istanbuls Baby-Spaziergänger. Das wird natürlich nicht die letzte Schilderfotografie gewesen sein.

Irgendwann am späten Abend ist es schließlich so weit, wir fliegen nach Teheran. Fun Fact: Beim Abflug war keine der Frauen verschleiert, nach der Landung sind es alle.

Was wir in den folgenden Wochen erleben, erfahrt ihr an dieser Stelle. Dann mit Geschichten vom Javier Bardém-(Wannabe-)Lookalike, Batwoman, einem toten Führer im Flughafen und vielem mehr. Vor allem schlechten Handyfotos. Wow!

Featured image by Adbar, Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported license

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4 Responses to “In teh Iran, Teil 1: rübermachen”
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  1. […] Nach einer recht smoothen Anreise landen wir mitten in der Nacht in Teheran. Die Gruppen verteilen sich auf ihre Unterkünfte, alle sind müde und zumindest ich auch nur so mittel ansprechbar. […]

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  2. […] der gepflegten Anreise und ersten Akklimatisationsversuchen in Teheran geht unsere Reise nun endlich richtig los. Isfahan, […]

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  3. […] Noch mehr Iran also. Nach unserer Rückkehr aus Isfahan wollen wir es nochmal wissen. Unsere Reizüberflutung hat nachgelassen und fühlen uns bereit für eine neue Runde Teheran. Auf geht’s! […]

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  4. […] Noch mehr Iran also. Nach unserer Rückkehr aus Isfahan wollen wir es nochmal wissen. Unsere Reizüberflutung hat nachgelassen und wir fühlen uns bereit für eine neue Runde Teheran. Auf geht’s! […]

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