In teh Iran, Teil 2: Ankunft in Teheran.

Nach einer recht smoothen Anreise landen wir mitten in der Nacht in Teheran. Die Gruppen verteilen sich auf ihre Unterkünfte, alle sind müde und zumindest ich auch nur so mittel ansprechbar.

Unser Fahrer verlädt Dennis und mich in sein Auto. Wir befinden uns noch im Flughafenparkhaus, da hat Dennis ihn bereits überredet, uns im Auto rauchen zu lassen. Way to go!

Während ich die ersten Eindrücke des Teheraner Umlandes durch das halbgeöffnete Fenster aufsauge, lasse ich mein frisch angelesenes Reiseführerwissen sacken. Unter anderem habe ich gelernt, dass Hände im Iran gar nicht überschätzt werden können: So reicht man einem Iraner niemals Dinge mit nur einer Hand, sondern immer mit beiden. Frauen gibt man unterdessen erst gar nicht die Hand (es sei denn, man ist eine, dann vielleicht). Und Linkshänder, Obacht: Man gibt nie die linke Hand, denn die ist unrein und wird beim Gang zur Toilette benutzt. Oi, internationales Fäkalwissen! Mit linker Hand essen ist entsprechend ebenfalls tabu. Mein Kopf dreht sich. Aber ich habe noch mehr: Wende einem Iraner nie den Rücken zu, denn das ist unhöflich. Gleiches gilt angeblich für lautes Schneuzen. Dazu kommen natürlich noch islamische Selbstverständlichkeiten: Mann und Frau haben sich in der Öffentlichkeit nicht anzutatschen. Sie dürfen bitte maximal Händchen halten. Dann müssen sie aber verheiratet sein. Besser haben es da die Boys, denn Männer dürfen untereinander Händchen halten, Küsschen geben, Arm in Arm abhängen – alles, was zu einer guten Männerfreundschaft gehört eben. Tatsächlich werden wir später erfahren, dass es in Teheran wie in Isfahan bestimmte Orte gibt, an denen diese Männerfreundschaften bevorzugt angebahnt werden.

Hier treffen sich abends Boys, die neue Freunde suchen.

Isfahan. Das Erkennungszeichen ist subtil wie international: Hier treffen sich abends Boys, um Freu(n)de zu finden. Foto: Dennis.

Die frisch erlangte Freiheit, überall rauchen zu dürfen, wird prompt gedämpft, als wir in die Stadt hineinfahren. Alles riecht nach Benzin. Die Smogglocke, die sich über Teheran stülpt, frisst erbarmungslos die Luft, die wir atmen und saugt sich in die Kleider, die wir tragen. Tief durchatmen hat hier nichts Vitalisierendes, die Luft ist (fein-)staubtrocken und benzinig im Abgang. Es muss ja Sauerstoff drin sein, fühlt sich aber eher an wie gelben Dreck inhalieren (das sage ich als Raucher!). Eigentlich wollte ich in diesem Urlaub den fehlenden Suff mit übermäßigem Nikotinkonsum kompensieren, doch jetzt scheint es vielmehr, als müsse ich ganz viel rauchen, um gegen den Geruch von verbranntem Kraftstoff anzustinken. Es ist eine hässliche Chose, aber was muss, das muss. Meinem Reiseführer entnehme ich, dass in der 13-Millionen-Metropole Teheran täglich über acht Millionen Liter Kraftstoff verfahren werden. Acht! Millionen! Liter! Kein Wunder, dass sich die Abgase im Winter in einem Ausmaß konzentrieren, dass Kindergärten und Schulen geschlossen bleiben und Alte und Kranke vorm Rausgehen gewarnt werden. Angeblich sterben täglich (!) ca. 20 Menschen an den Folgen der Luftverschmutzung. Puh. Während unserer Zeit in Teheran werden abends unsere Augen brennen und unsere Haut immer zwei Farbtöne dreckiger sein als morgens.

Aber zurück in das kleine Auto, das uns vom Flughafen zum Hotel bringt. Auf den Straßen ist morgens um sechs nicht viel los. Die ersten Busse bringen die Teheraner Frühschicht zu ihren Arbeitsplätzen, Männer vorn, Frauen hinten, wie sich das hier gehört. In der Ferne sehe ich eine Lady im bodenlangen, schwarzen Cape in die Nacht gleiten – Batwoman-Style. Unter ihrem wehenden Tchador zeichnet sich gegen das Licht ihre schmale, weibliche Figur ab. Ziemlich sexy, wenn ihr mich fragt. Aber ich bin eine Frau, mich fragt keiner.

Im Hotel angekommen schlafen wir erstmal ein paar Stunden. Dann brechen wir auf. Ich habe mich schnell an meine neue Haarverhüllungspflicht gewöhnt und mache direkt erste Vorteile aus: Es gibt keinen Bad Hair Day. Nie. Während wir in Malysia noch witzelten “Kopf ist zum Frisieren da, nicht zum Denken”, gilt hier nichts mehr von beidem. Als nächstes entdecke ich die Freiheit, mir die Haare nicht mehr zu waschen. Weil! Ich! Kann! Ha! Like a boss, nur halt undercover (pun intended).

schleierselfie

“Hijab is like a shell for the pearl”, hier: Assi undercover.
PS: Das Ding, das da unten links aus der Wand rauslugt, ist der puristischste Seifenspender, den ich je gesehen habe.

Bevor wir uns ins bunte Treiben stürzen, zieht die Rezeptionistin des Hotels unsere Pässe ein – und drückt uns statt dessen Visitenkarten in die Hand: “Falls ihr von der Polizei kontrolliert werdet.” Ich weiß längst Bescheid: Aus meinem allwissenden Reiseführer habe ich zuvor erfahren, dass wohl gerade in Teheran falsche Polizisten unterwegs seien, die Touristen “kontrollieren” und “mit auf die Wache” (lies: in eine dunkle Gasse) bitten, um sie in Ruhe auszurauben. Auch mit der richtigen Polizei sollte man scheinbar lieber nirgends hingehen. Deswegen bleiben die Pässe im Hotel, deinem sicheren Ort. Wenn die echte Polizei dann wirklich kontrollieren will, dürfen die Bullen den Touri ihrer Wahl eben dorthin begleiten. WTF. (Ist uns übrigens nicht passiert, und auch niemandem aus den anderen Gruppen.)

Während wir höchst reizüberflutet durch die Teheraner Innenstadt stolpern, verstehe ich, dass die Sache mit dem Smog nicht von ungefähr kommt. Es sind unfassbar viele Autos unterwegs, die die Verkehrsregeln (wie wir sie kennen) eher flexibel beachten handhaben. Wo Platz ist, wird gefahren. Wo keiner ist, auch. Ampelfarben sind Richtwerte, aber nichts Verbindliches. Je dunkler es draußen wird, desto gleichgültiger zeigt man sich gegenüber roten Ampeln, Zebrastreifen oder Geschwindigkeitsbegrenzungen. Als Fußgänger gilt es, gekonnt den Spagat zwischen hart vorsichtig und derb todesmutig zu vollziehen. Der Verkehrsfluss ist gelebte Chaostheorie, ein minutiös perfektioniertes Schwarmverhalten – nur halt extrem out of the box. Ich bin schwer fasziniert. In der gesamten Zeit sehen wir keinen einzigen Unfall (ja, das kann man hier getrost hervorheben!).

Ferdowsi Sq.

Ferdowsi Sq.

dennis_ferdowsi

Dennis kam vorbereitet. Eigentlich wollte er dem steinernen Mann das Buch auf den Schoß legen, doch leider trennten beide die gefährliche Straße ohne Überweg, die perspektivisch ziemlich monströse Kletteraufgabe und die damit verbundene Aufmerksamkeit der Polizei. Die Idee zählt, ne! Foto: Dennis.

<3 Perspolis in Teheran <3 (Foto: Dennis)

Stadt

Random Stadtaufnahme

Huh?

Kunst? Foto: Dennis.

Und dann ist da noch die Sache mit dem Spielgeld: Die offizielle Währung im Iran ist der Rial. Weil aber die Menschen keinen Bock haben, sich von Geldscheinen (die ihnen suggerieren, mehrfache Millionäre zu sein) verspotten zu lassen, oder weil sie es schlicht satt haben, inflationsbedingt ständig in sehr hohen Zahlenräumen zu rechnen, teilen sie die Zahl, die auf dem jeweiligen Geldschein steht, durch zehn und nennen das dann “Toman”. Die wiederum teilen wir durch plusminus drei(hundertfünfzig), um den Europreis auszurechnen. Ein Beispiel für Mathe im Urlaub: Du kaufst Zigaretten für den absoluten Preisknüller von 15.000 Rial. Der Mann im Kiosk wird sagen: “Macht 1.500” – und Toman meinen. Das entspricht dann etwa 40 Cent. Alles klar? Selbstverständlich waren unsere Gehirne dauerverknotet. Bis wir die Rechnerei down hatten, war der Urlaub nahezu vorbei und zahllose Millionen gewonnen und zerronnen. Hätten wir betrunken auch nicht schlechter gekonnt.

Stell dir vor, es ist Inflation und alle gehen hin.

Stell dir vor, es ist Inflation und alle gehen hin. Foto: Niels.

Das alles prasselt also nebenbei in den ersten Stunden Ir(r)an auf uns ein. Kein Wunder, dass wir da draußen in der freien Wildbahn konstant verwirrt sind – und auch dauerverlaufen. Mehrfach sprechen uns freundliche Perser an und wollen uns helfen. Offenbar sehen wir genauso verloren aus, wie wir es auch sind. Die Irrungen nehmen ihren Höhepunkt im Lampenviertel, als wir mit mehreren Fragezeichen über unseren Köpfen (nicht Glühbirnen, das wäre im Lampenviertel nun wirklich zu einfach!) ratlos um uns schauen. Ein freundlicher Herr spricht uns an und ruft mit seinem Handy im Hotel an, um für uns den Weg zu erfragen.

Moment! Lampenviertel? Genau. In Teheran hat jedes Konsumgut seine eigenen Straßenzüge: Lampenviertel, Schuhviertel, Sonnenbrillenviertel – you name it. Die Stadt ist ein großer Spielplatz für obsessiv-kompulsive Aufräumer, und gleichzeitig der ideale Ort für real life “Where’s Waldo”. Verrückt.

Man erkennt es kaum, aber dies ist das Brillenviertel. Weil Brillenläden alle nebeneinander, klar!

Man erkennt es kaum, aber dies ist das Brillenviertel. Weil die Brillenläden alle nebeneinander wohnen, klar!

Wir schaffen es zurück ins Hotel. Nach einem wirren ersten Nachmittag in Teheran und ersten Akklimatisationsversuchen suchen wir die Busstation im Norden der Stadt, von der wir noch am Abend nach Isfahan aufbrechen werden.

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  1. […] wir in den folgenden Wochen erleben, erfahrt ihr an dieser Stelle. Dann mit Geschichten vom Javier Bardém-(Wannabe-)Lookalike, Batwoman, einem toten Führer im […]

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  2. […] der gepflegten Anreise und ersten Akklimatisationsversuchen in Teheran geht unsere Reise nun endlich richtig los. Isfahan, wir […]

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  3. […] mehr Iran also. Nach unserer Rückkehr aus Isfahan wollen wir es nochmal wissen. Unsere Reizüberflutung […]

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