In teh Iran, Teil 4: Teheran

Noch mehr Iran also. Nach unserer Rückkehr aus Isfahan wollen wir es nochmal wissen. Unsere Reizüberflutung hat nachgelassen und wir fühlen uns bereit für eine neue Runde Teheran. Auf geht’s!

Wir beziehen unser Hotel, in dem wir mit einer falschherum aufgehangenen Schlandflagge willkommen geheißen werden. Sehr lässig, sie teilen hier also meine Vorliebe für herumgedrehte Dinge. Auch schön ist das touristische Angebot. Ihr kennt das: Hotelrezeptionen verfügen normalerweise über Displays mit haufenweise Flyern und Supersonderrabattcoupons für Touristenattraktionen. So auch hier, allerdings reduziert sich die Auslage von Papierkram im Hotel Parastoo auf genau einen Flyer: Dentours. Dentours ist eine Mischung aus Zahnbehandlung und Bustour und damit die wohl sonderbarste Kaffeefahrt, von der ich bislang gehört habe.

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Dentours!

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…die bunte Mischung aus touristischen Höhe- und medizinischen Tiefpunkten. Mit Verlauf!

Wir schlafen erstmal. So eine Reise im Luxusbus ist selbstverständlich voll schlauchend.

Am nächsten Morgen schmieden wir finstere Pläne für den Tag: Wir wollen den Khomeini-Schrein und den nahegelegenen Soldatenfriedhof im Süden der Stadt besichtigen. Zu diesem Zeitpunkt ahnen wir noch nicht, was auf uns zukommt. In der Metrostation schaffen mit viel Mühe auch den Ticketkauf – und sind erstmal milde amüsiert:

Two Trip Ticket: Metro mit Mehrwert?

Two Trip Ticket: Metro mit Mehrwert. Wo muss ich lecken?

Ich habe ziemlich sicher nicht mehr als 20 Cent für vier Fahrten bezahlt. In den Bahnhöfen steigen immer wieder Männer, Frauen und Kinder zu, die den Fahrgästen Dinge verkaufen. Die Palette der angebotenen Ware ist breit, aber jeder Veräufer vertickt maximal drei verschiedene Sachen. Kontrollieren Einzelne die jeweiligen Wirtschaftszweige? Feilgeboten werden Stifte, Socken, Gürtel, Einlegesohlen, Süßigkeiten, Zahnbürsten, Zahnseide, Gebetskarten, Batterien, Cinderella-Blöcke, Mützen, Riesenlollies (Peeeeenis!), Suppenkellen… Was man auf Trip benötigt, kann man in der Metro bequem kaufen.

Im Gegensatz zum Bus gibt es übrigens keine Geschlechtertrennung, sondern ein gemeinsames Abteil sowie eines nur für Frauen. Kurz vor der Endstation setzt sich eine alte, zahnlose Frau neben mich. Sie mustert mich streng und sagt immer wieder “haram”. Natürlich kann ich nicht verstehen, was an mir “haram” ist (in meinem Sprachschatz vermerkt als “verboten”). Ist mein Schleier verrutscht? Sitze ich nicht artgerecht? Muss ich jetzt ins Gefängnis? Erst da dämmert uns, dass sie uns vermutlich nur informieren wollte, dass Khomeini bei “Haram-e Motahhar” liegt und wir da aussteigen müssen. Manchmal vergessen wir immernoch, wie nett die Perser sind.

Kleiner Bildungsexkurs: Das Wort “haram” kommt aus dem Arabischen, und wie so oft liegt auch hier die Tücke im Detail, in diesem Falle der Vokalisierung: Mit langem “a” (sprich haraam, hier gekennzeichnet durch den Alif: ‏ حرام) bedeutet es frei übersetzt “verboten” oder “tabu”. Mit kurzem Vokal (die kurzen Vokale werden, wie auch in diesem Beispiel, oft nicht geschrieben und machen Sprachschülern das Lernen echt schwer: حرم) bezeichnet “haram” jedoch einen heiligen Bezirk. In unserem Fall den Schrein des Ayatollah. So weit, so gut. Gibt man jedoch “حرم مطهر ” in den Google-Übersetzer ein und wählt statt Persisch Arabisch als Ausgangssprache, übersetzt er die Worte nicht wie aus dem Persischen mit “(heiliger) Schrein”, sondern mit, Achtung: “Campus Desinfektionsmittel” – errr, goto fail;?

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Persisch: der Schrein

Arabisch: Campus Desinfektionsmittel?

Arabisch: WTF?

Wir verlassen die Metro, ich übersehe eine Kante im Boden und knicke um. Mein Körper ist zu schwer für meine Bänder, die mich an der abschüssigen Stelle nicht abfangen können. So plumse ich unelegant auf meinen verbogenen Fuß und rolle ein Stück abwärts. Aua. Was jetzt kommt, kenne ich schon: Ich kann nicht aufstehen. Auf einem Bein und mit Dennis’ Hilfe rappel ich mich hoch und setze mich erstmal hin. Es folgt ein Déjà-vécu: Mir wird schwindelig. Ich so zu Dennis: “Ich glaub, ich kipp gleich um” – und werde ohnmächtig. Scheinbar gehört das zu einem guten Urlaub mittlerweile dazu. Aufgeben ist natürlich keine Option, und so besuchen wir nach einer kleinen Zuckerpause dem Ayatollah seinen Heiligenschrein.

Artig geben wir unsere Schuhe ab und folgen unseren jeweiligen Geschlechtergenossen durch den entsprechenden Eingang. Eine verschleierte Frau durchsucht mich. Beherzt grapscht sie mir frontal und mit beiden Händen gleichzeitig an meine Brüste. Die hat ja wohl zuviel Westfernsehen gesehen! “Where from?”, fragt sie freundlich lächelnd – während sie weiter meine Brüste knetet. Im Gegensatz zu Dennis, so erfahre ich später, darf ich – wenn schon nicht meine Ehre – wenigstens mein Feuerzeug behalten.

Die heilige Halle, in der Khomeini schläft, erinnert eher an einen Flughafen als an einen religiösen Ort. Entschlossen humple ich Richtung toter Mann. Vor dem Schrein folgt dann erneut die obligatorische Geschlechtertrennung: Frauen genießen Seitenblick auf den (oh menno: geschlossenen) Sarg, die Männer dürfen frontal drauf schauen. Erinnert mich an Hotels mit Meerblick und seitlichem Meerblick – eins davon ist billiger. Guess.

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Die Schreinhalle. Ganz unschreinbar im Hintergrund: der Sarg des Imam.

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Der Schrein aus Frauenperspektive. Das grüne Licht lässt sogar die Lebenden blass aussehen. (Kleiner Werbertipp am Rande: Wegen Dingen wie diesen sei wohl überlegt, was man als CI-Farbe wählt!)

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Der Schrein aus Männerperspektive. Die Geldscheine wirft man übrigens “for good luck” da ein.

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Der große Imam und die Regierung. Aber Größe ist ja nicht alles.

Jedenfalls gibt es hier nicht viel zu sehen. Wir fragen uns, wo die zwei Milliarden US-Dollar, die angeblich in die Entwicklung des Schreins geflossen sind, verbuddelt sind, und suchen lieber den Friedhof “Behesht-e Zahra” (Paradies von Zahra). Wir finden zunächst einen recht betonlastigen Zivilistenfriedhof.

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Friedhof ohne Soldaten. Hier ist noch alles in Ordnung.

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Betonwüste: der Zivilistenfriedhof.

Unweit dieses überschaubaren Friedhofs liegt auch “Behesht-e Zahra”. Mein Reiseführer warnte noch, ein Besuch könne deprimierend sein. Da ich aber auf Friedhöfen noch nie deprimiert war, gab ich nicht viel darauf. Tja. Reiseführer: 1 – Lotte: 0. Passiert den Besten.

Was wir aus der Werbung kennen – Emotionalisieren der Rezipienten durch Abbilden von Menschen – machen sie im Iran auf den Gräbern. Da stehen dann Glaskästen mit Fotos der Toten und kleinen Beigaben darin auf den Gräbern. Erschwerend kommt hinzu, dass es ein Soldatenfriedhof ist, und man damals einfach mal Heerscharen 13-jähriger Jungs in den Krieg geschickt hat. Während ich die ersten Meter noch aufgeregt herumhüpfte, weil hier alles ganz anders aussieht als auf europäischen Friedhöfen, bin ich bereits nach ein paar Schritten über die Gräber schwer beklommen. Die schiere Größe des Friedhofs, die Massen an Kindersoldaten – es ist einfach beschissen deprimierend.

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Der Soldatenfriedhof. Das flächenmäßige Ausmaß macht den Besuch so richtig beklemmend.

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Soldatengräber, wohin man schaut.

Schweigend treten wir die Heimfahrt an. Mein Fuß macht inzwischen Anstalten, den Schuh zu sprengen. Das hält uns natürlich nicht von einem Stopp an der ehemaligen US-Botschaft ab. Die Bilder sprechen:

Hier wohnte mal Amerika.

Hier wohnte mal Amerika. Foto: Dennis

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Was hat man hier wohl abgekratzt?

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Foto: Dennis.

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Eins der vielen Murals an der Wand der einstigen US-Botschaft

Fun fact: Auf der Ecke des Ex-Botschaftsgeländes gibt es einen kleinen Shop für Religions-Merch, in dem wir ungefähr alle vorhandenen Kühlschrankmagneten der religiösen Führer Khomeini und Khamenei kaufen. (Notiz aus der Zukunft: Meine Mädels werden dieses Mitbringsel mit verhaltener Freude entgegennehmen. Robin fürchtet um ihre Punkercredibility und ahnt schwere Diskussionen vor dem WG-Kühlschrank. Ladies, wenn ihr das lest: Macht es wie mit Geschenken von Verwandten. Einfach anbringen, wenn die zu Besuch kommen, und danach wieder ab in die Kammer damit – bis zum nächsten Mal.)

Am Abend treffen wir Freunde von Dennis. Essen mit einer Horde Boys, wie wunderbar. Es ist auch Silvester, aber das geht völlig an uns vorbei. Wir fokussieren auf die wichtigen Dinge und verabreden uns mit einigen der Jungs für den Folgetag zur Besichtigung des Golestan Palasts und seiner Kunstgalerien. Ein wahrer Touri-Klassiker!

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Der Golestan-Palast. Ganz hübsch…

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…hätten sie nicht die Platte dahintergesetzt. #fail

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Mehr Palast. Mit Penis auf dem Türmchen! Yeah!

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Die Boys haben die Choreo (siehe Wandmalerei rechts) noch nicht so down.

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Diese Wandmalerei war leider ziemlich verpixelt. Fühlt ihr euch auch beobachtet?

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Innen drinnen setzt man Prioritäten: Am Bling wird nicht gespart!

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Blingdingdingdingding!

Eine der Galerien zeigt Bilder aus glorreichen Tagen, darunter Portraits beliebter Perser auf Glas gemalt. Der Style der Portraitierten weckt meine Aufmerksamkeit: Auf jenen Bildern tragen die Frauen Monobraue, manche sogar Vollbart. Irgendwann kapiere ich: Das sind gar keine Frauen, sondern große Herrscher. In Frauengewändern. Hupsi!

Ein Regent wie gemalt!

Ein Regent wie gemalt!

Im Palastgarten finden wir einen kleinen Verschlag, in dem eine junge Frau zwischen bunt bestückten Kleiderstangen auf Touristen wartet. Eine Foto-Op! Selbstverständlich lassen wir uns umstylen. Die junge Frau wirft mir ungefähr alles über, was ihr Fundus hergibt. Sie hat Spaß (und ich denke daran, wie ich zuhause betrunkenen Gästen meine Batman-Maske aufsetze und kann es ihr nachsehen). Als ich in der Sammlung greller Fummel endlich gut versteckt bin, schießt sie das Regentinnenfoto:

Die Handhaltung wollte sie mir noch ausreden. Nicht so der Persian princess style, dabei hat sie sich doch mit mir so viel Mühe gegeben!

Die Handhaltung wollte sie mir noch ausreden. Nicht so Persian Princess-Style, dabei hat sie sich doch mit mir so viel Mühe gegeben!

Nach der anstrengenden Palastvisite steuern wir den angeblich besten Kebab in Town an. Plötzlich stecken wir in einer Menschentraube fest. Ein Mann in Uniform reicht Farzin, einem unserer Begleiter, ein Ticket. Huh? Arshia, der uns hier hergebracht hat, versteht mein ratloses Gesicht: “Das ist unsere Nummer. Wir stehen jetzt an, der Kebabladen ist da vorn die Treppe hoch.” Er deutet auf einen etwa 15 Meter entfernten Eingang. Aha! Das mit der Nummer ziehen kenne ich aus deutschen Ämtern. Prima. Ich richte mich auf eine Wartezeit ein, wie man sie vom Hörensagen aus der sonntäglichen Schlange ins Berghain kennt, und das scheint mir noch enorm optimistisch. Doch nix da. Zack, zack, voran, die Treppe Stufe für Stufe hinter den anderen hinauf (gleichzeitig schieben sich genauso viele Menschen die enge Treppe an uns vorbei hinunter), auf einmal halte ich ein Tablett, und während ich mich noch orientiere werde ich bereits von Wartenden hinter mir vorangeschoben, weiter, weiter, hastig packe ich zwei Salate vom Counter, lasse Arshia für mich eine Portion Reis (aka Veggie-Kebab) bestellen und schon stehe ich an der Kasse und die Dame sieht mich erwartungsvoll an. Hat sie überhaupt was gesagt? Überhaupt könnte ich schwören, mich keinen Meter voranbewegt zu haben, seit ich das Tablett in die Hand gezaubert bekam. Panisch halte ich der Kassiererin mein ganzes Geld hin, um nicht vollends aus dem Fließband-Flow zu geraten. Das Essen selbst ist in meinem Fall nicht so der Rede wert, aber ich bin ohnehin völlig reizüberflutet von dem Spektakel. Der Laden ist knackvoll. Trotzdem strömen immer weiter Leute hinein. Alle Plätze sind besetzt. Muss der Laden nicht irgendwann aus allen Nähten platzen? Da sind wir schon wieder auf dem Weg hinaus und hören einen der schwerbeladenen Räumer erleichtert anmerken, dass es heute zum Glück nicht so voll ist. Alles klar!

Wir schlendern Die anderen schlendern weiter Richtung Bazar, während ich angestrengt und mit schmerzverzerrtem Gesicht hinterherhinke. Es läuft nicht so gut, fußmäßig gesprochen. In den Tiefen des Bazars zeigt uns ein Teppichshop-Inhaber einen fancy Wendeteppich, an dem zwei Menschen gemeinsam sechs Jahre lang gewebt haben. Sechs Jahre Arbeit. Zu zweit. Und am Ende haste einen fucking Teppich gewebt. Ich hake dieses Wissen ab als eine der größeren Geduldsproben, die das Leben so bietet.

Am nächsten Tag brechen wir früh nach Dizin auf, wo wir die anderen Gruppen wiedertreffen und ein paar Tage in einem der schönsten Skigebiete Irans verbringen wollen. Alles über Stauchfußsnowboarding, den schönen Amir und erschütterte Hirne findet ihr hier!

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Wir verlassen die Stadt in Richtung Berge ideal getimed zum ersten Neuschnee.

Wer jetzt noch nicht genug hat, für den folgen hier Outtakes und Schilderfotografie:

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Die hier gezeigte Yogafigur heißt “total fool” und ist (für Frauen) bestimmt verboten. Foto: Dennis

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Im Park steht eine Laube, die witzigerweise Teherans “Peace Museum” beherbergt. Leider war es immer geschlossen, wenn wir daran vorbeikamen. Schön aber ist die Entdeckung, dass “Frieden” auf Schwedisch “Fred” heißt. Witziges Schwedisch, die xte!

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West-DVDs. Bisschen blass, wenn ihr mich fragt.

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Dass man(n) nicht nur Frauen verschleiert, scheint mir konsequent!

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Fiat: Dead End?

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Fällt mir nix zu ein. Foto: Dennis.

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Tehran Street Art, oder so.

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Suggestive Werbung

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Sweet(s). Foto: Jako

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Iran: birds are kept in cages. Foto: Jako.

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  1. […] dümpeln wir zurück in die Hauptstadt. Was wir dort erleben, steht hier. Mit Geschichten von Tod, Verletzung und, so viel Heiterkeit muss sein, zuckersüßen persischen […]

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