In teh Iran, Teil 5: Dizin

Die letzte Station unseres Trips wird Dizin. Wir werden abgeholt von Mr. Mahdi, den wir schon von unserer Ankunft im Iran kennen. Mr. Mahdi hat uns zu Beginn unserer Reise allesamt am Flughafen begrüßt und die gesamte Reisekohle aller Gruppen in baren US-Dollar einkassiert. Ne Menge Holz! Dass ich nach der Geldübergabe ordnungsgemäß deutsch nach einer Quittung fragte, wurde sogar von meinen Mitreisenden mit Lächeln quittiert – und von Mr. Mahdi gar nicht erst verstanden. Nachdem uns aber im weiteren Reiseverlauf alle Unterkünfte ohne weitere Rechnungen bei sich schlafen ließen, ist mein Vertrauen gewachsen.

Vielleicht ist mit Teil 5 dieser Reihe die Zeit reif für ein wenig Kontext. In den Iran kann man kein Geld überweisen, EC- und Kreditkarten funktionieren dort nicht und überhaupt gilt auch hier: was bar ist, ist bar und was wahr ist, ist wahr. Das ist besonders glamourös, wenn man knapp kalkuliert und am Ende kein Bargeld mehr hat.

Auch mit der Internetzkommunikation nach Westen hapert es mitunter. So ist z. B. Facebook – Wichtiges zuerst, klar – grundsätzlich gesperrt (was natürlich niemanden hindert, es zu benutzen), evil Kram wie YouTube, Twitter und WordPress ebenfalls. Die Sperre betrifft ferner böse westliche Nachrichtenseiten (witzig: Spiegel Online geht nicht, Heise und Fefe werden problemlos geöffnet), und auch diverse Webmail-Anbieter. Mit Mailprogrammen wiederum funktioniert der E-Mail-Abruf einwandfrei. Nur konsequent! Ich möchte an der Stelle potenziellen Iran-Reisenden für den Fall der Fälle die wunderbare App “Open Door” empfehlen, die so proxymäßig alle Sperren umgeht. Das ist natürlich voll verboten und deswegen haben wir es niemalsnicht gemacht.

GMX, Googlemail, Facebook und viele andere Seiten sehen im Iran alle gleich aus.

GMX, Googlemail, Facebook und viele andere Seiten sehen im Iran alle gleich aus.

Anyhoo. Herr Mahdi holt uns also frühs mit seinem 30 Jahre alten froschgrünen Delica Van ab und wir rumpeln los gen Dizin. Unterwegs halten wir an einer Tankstelle. Wenn ich mich recht erinnere, wird auch hier lässig bei laufendem Motor getankt. Schockt mich nicht mehr. Herr Mahdi erzählt uns, dass der Liter Benzin umgerechnet knapp 20 Cent kostet. Na! Wisster jetzt, warum Teheran so versmogt ist! Besser noch: Taxis und Regierungsautos zahlen nur die Hälfte. Ich überschlage im Kopf, was die Fahrt ins gut zwei Stunden entfernte Dizin an Sprit kostet, für die wir zu dritt 110 Dollar Frühbucherrabatt Alles-durchorganisiert-Aufschlag bezahlen, und freue mich für Mr. Mahdi und das Reisebüro.

Unterwegs passieren wir zwei Straßensperren der Polizei, die in jedes Fahrzeug hineinschaut und sich die Schneeketten zeigen lässt. Wie nett! Sie sorgen sich um die Sicherheit der Bevölkerung. Ich bin amüsiert: Glatteis oder Schnee können der Gefährlichkeit des Straßenverkehrs allerhöchstens noch ein i-Tüpfelchen aufsetzen. Das wird unser Fahrer auf der Rückfahrt übrigens eindrucksvoll beweisen, als er die Bergserpentinen immer doppelt so schnell wie erlaubt herunterbrettert (in km/h: 120. Immer schön in der Mitte der Straße, natürlich, so dass wir an diversen Stellen fast Roadkill gemacht oder einen Frontalaufprall erlebt hätten).

Auf dem Weg machen wir oberhalb von Karaj am Stausee Halt. Nett!

Der Stausee oberhalb von Karaj.

Stausee. Angeblich geht her im Sommer der Wassersport so richtig ab.

Kurz darauf zeigt Mr. Mahdi auf ein Gemäuer im Berg zu unserer Rechten und verkündet: “Da ist das Pony Paradise!” Kein Hörfehler, bestätigen mir Helene und Dennis. My Little Dead Pony? Wir erhalten keine vertiefenden Informationen. Dennis wechselt das Thema und fragt Mr. Mahdi: “How high is Dizin?”, und Mr. Mahdi murmelt irgendwas von 2.700 Metern. Dennis antwortet beeindruckt: “I’ve never been that high in my life” – I doubt that, honey!

Wir erreichen Dizin lebend und beziehen erstmal unser Quartier, das uns als superduper drei Sterne Residenz verkauft wurde und teurer ist als das Wahnsinnszimmer, das wir in Isfahan hatten. Nun. Der Verfall macht sich durchaus bemerkbar, aber wir nehmen es mit Humor. Der Laden hat mit seinem 70er-Jahre-DDR-Ambiente einfach zuviel Style. Abgefahren.

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Dizin 3***, oder: Zeitreise in die 70er. Foto: Dennis

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Die Dizin Bar in unserem Hotel inklusive der nicesten Lady der ganzen Hood. Diese tolle Frau hat uns ihre Geschichten aus Düsseldorf erzählt und uns rührend mit Linsen gefüttert. Foto: Dennis

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Dennis und ich am Kamin der Dizin Bar.

Abgefahren, welch gekonnte Überleitung! Wir wollen natürlich den halben Tag am Berg nicht verstreichen lassen und schnappen unsere Snowboards. Mein Fuß ist mittlerweile nicht mehr so dick, dafür blaugrünbraunrot und tut auch sehr gut weh. Aber hey, ohne Schwellung passt der in die Boots, und die Boots sind ja schließlich ziemlich stabil, was soll schon schiefgehen. Natürlich muss ich es probieren. Auf dem Weg zur Liftanlage bricht der Riemen meiner Bindung ab. Na super. Soll es vielleicht doch nicht sein? Im Dorfshop lasse ich einen neuen Riemen einsetzen, probiere fix aus, ob alles gut sitzt, lasse mich abzocken und steige in die Gondel. Oben am Berg schnalle ich mein Board an, ziehe die Bindung fest – zack, fliegt mir die eben eingesetzte Schraube entgegen. Zerbrochen. W! T! F! Jetzt erst recht! Glücklicherweise steht genau an dieser Station eine Reparaturbaracke. Ich lasse eine neue Schraube einsetzen, vertraue auf bessere Haltbarkeit und stürze mich den Hang hinunter.

Es ist wirklich schön. Die Sonne scheint, neben den Pisten liegt fluffiges Powder, und überhaupt kommt man hier bestimmt überall den Berg hinunter, ohne Lawinen auszulösen. Ich erkunde das Skigebiet am ersten Nachmittag noch halbwegs auf die Konservative und falle nach ein paar Stunden am Berg zufrieden ins Bett. Am nächsten Morgen geht es so gut weiter, wie es anfing. Ich treffe direkt nach der ersten Abfahrt zufällig eine unserer Gruppen am Lift und wir erschließen uns Stück für Stück neue Wege durch den unbefahrenen, butterweichen Schnee. Perfekt! Der Fuß macht alles artig mit, der Schnee ist top, mein Leben schön.

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Skiran, du bist so schön!

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Man kraxele den Kamm hinauf, um die einsame Abfahrt zu nehmen. Fluffig-leichter Pulverschnee, der Traum von schwerelosem Gleiten und eine Ruhe, in der man lediglich den eigenen Tinnitus hört. Herrlich.

Auf einer Zwischenstation inmitten der Schneeidylle finden wir eine Hütte, die bereits morgens um 10 Uhr die Umgebung mit Techno beschallt. Das ist enorm ungewöhnlich. Schnell wird sich herausstellen, dass es hier die einzig passable Kost im ganzen Skigebiet gibt. Auch gut: Der Laden hat anderthalb Jahre ohne Schanklizenz gerockt, bis sich jemand hat erweichen/bestechen lassen, das Unterfangen zu legalisieren. Schanklizenz heißt natürlich Tee-Schanklizenz, wir befinden uns ja weiterhin in trockener Zone, zumindest theoretisch. Auf ebenjener Hütte hängt auch ein sehr lässiger Snowboarder dauerhaft ab. Ein bisschen zu lässig, klärt uns die Bedienung auf: Das ist ein Zivilbulle. Manchmal geht der rum und ermahnt die Frauen, wenn ihnen der Schleier verrutscht. Der islamische Dresscode macht auch vor Skihütten keinen Halt.

Technohood Dizin. Oder, wie Dennis sagt: In Dizin sind sie alle Ski-iten.

Technohood Dizin. Oder, wie Dennis sagt: Hier sind sie alle Ski-iten.

Am dritten Tag verliere ich meine Lieblingsgruppe schon vor der ersten Abfahrt. So kommt es, dass ich einsam am Gipfel sitze und erwäge, ob ich wirklich allein fernab der Pisten (und der drei anderen Menschen, die sich in diesem verhältnismäßig unbefahrenen Skigebiet tummeln und mich im Notfall sicher nicht retten) fahren soll. In diesem Moment stapfen zwei persische Boys aus dem Lift, die Boards unterm Arm. Sie bedeuten mir, den anderen Hang zu nehmen, der Abhang auf dieser Seite sei keine Piste. Ich so: “Na klar kann man hier fahren!” Sie schauen sich an, zucken mit den Schultern und bedeuten mir: “Ok, dann fahren wir mit.” Läuft! Im Laufe des Tages finden wir neue Strecken auf jungfräulichem Schnee, die Sonne scheint und wir haben den Berg für uns allein. Fetzt! Während der Gondelfahrten den Berg hinauf weihen meine neuen Freunde Amir und Arash mich in die Geschichte der iranischen Hip Hop-Szene ein. Amir ist nämlich (unter anderem) ein astreiner Rapper. Um das zu untermauern, fragt er mich: “Willst du was hören?” – “Klar!”, antworte ich, in der Erwartung, dass er mir auf seinem Handy etwas vorspielt. Weit gefehlt. Amir rappt direkt los, sein kleiner Bruder Arash stimmt mit ein. Ja richtig, die brauchen keine Instrumente, denkt mein innerer Punker beeindruckt. So komme ich zu meiner privaten Persian Hip Hop Show in einer Gondel. Ich schmelze, big time. Hier, wisster warum (für die Nachzügler leider ohne Privataudienz-Gondelatmosphäre mit schönem Mann):

Amir Sanieh – Ezami EP (Soundcloud, full set)

Auf die Frage, über was er so rappt, kriege ich leider nicht mehr als “People” und “Life” aus ihm heraus. Erneut fällt die Sprachbarriere. Immerhin lerne ich, dass die Rapszene im Iran nicht nur vorhanden ist, sondern eine stetig wachsende Subkultur darstellt. Überhaupt. Was man sich eigentlich denken kann, wird mit wissendem Lächeln bestätigt: Auch im Iran werden Parties gefeiert, hängen die Kids miteinander ab, erleben ganz normale Jugendgeschichten. Außerdem erfahre ich, dass Wehrdienst hier ne ganz andere Nummer ist als bei uns. Unter 24 Monaten kommt man da nicht raus, und wenn man Pech hat verbringt man die am anderen Ende des Landes, fernab von Familie und Freunden. Und dann kann man 21 Stunden lang mit dem Bus durchs Land gurken, wenn man ein paar Tage frei hat und mal eben kurz heim will. Harte Schule. Nach einem ober-wunderbaren Tag verabschieden wir uns. Amir, Arash: danke.

Am Tag darauf verkante ich mich gleich bei der ersten Abfahrt mit ordentlich Tempo auf einer Eisplatte und falle auf mein Steißbein, bevor unmittelbar darauf tempobedingt mein Kopf nachzieht und auf der Piste aufschlägt. Mir ist nicht gut. Ernsthaft, erst reißen meine Bänder am Knöchel, jetzt das? Was noch? Ich sitze rund eine Stunde an der nächsten Hütte, bevor ich wackelig die Abfahrt wage. Keine Idee, und so beende ich schweren Herzens meinen Snowboard-Urlaub am Fuß der Piste. Mein Kopf wird nach ein paar Tagen nicht mehr weh tun, der Wirbelsäulenschmerz wird mich – wie auch der Bänderriss – noch sechs Wochen nach meinem Urlaub beschäftigen. Jaja, ganz oder gar nicht, am Arsch und so. Immerhin kann ich jetzt immer behaupten, ich sei auf den Kopf gefallen, wenn ich was Dummes sage.

Ohne Snowboard ist es im Schnee allerdings eher öde und so beschließen wir nach einem Ausflug ins Dorf Dizin noch einen Tag in Teheran zu verbringen, bevor wir unseren Heimflug antreten.

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Wir wandern ins Dorf. Dennis findet Blumenreste. Ob man das rauchen kann?

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Absolut Vodka im Nachfüllpack.

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Guckstu?

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Dizin Dorf

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Die Geschäfte fokussieren auf das Wesentliche: Snowboards und Internetz. Oi!

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Hei da Haidar! Explosive Sandwicherei in Dizin Dorf.

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Dizin Dorf

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Money for Religion. Diese Spendenboxen stehen überall im Iran alle paar Meter auf den Straßen. Foto: Dennis

Nach der halsbrecherischen Rückfahrt treffen wir in Teheran Jako, Julius und Philipp wieder. Yay! Gemeinsam besichtigen wir die iranischen Kronjuwelen. Das Kronjuwelenmuseum im Safe der Nationalbank wurde uns via Mundpropaganda, Internetz und Reiseführer als großes Highlight verkauft. Klar, dass wir das als große Fans monströser Blings auschecken mussten. Die künstliche Verknappung durch zweistündige Öffnungszeiten an wenigen Wochentagen schien dessen superdupermegaexklusiven Glamourfaktor nur zu bekräftigen. Ich nehme es mal vorweg: Es ist trotz Führung eher öde. Witzig war immerhin der Führer, der uns kleine diamantbesetzte Döschen zeigte, in denen man einst wohl “white powder” aufbewahrte und fragte, ob wir das mal probiert hätten. Snus, ist klar! Dennoch, nach dem xten Diamanten kann man nicht mehr aufnehmen und hat auch irgendwie alles gesehen. Es ist wie mit viel Geld: Ob ein Straßenausbau nun 78 Millionen oder 3 Milliarden kostet – ich kann mir die Summe irgendwann nicht mehr vorstellen. Die große Sammlung bietet aber durchaus Argumente für das Gerücht, der Juwelenschatz diene als Bürgschaft für iranische Staatsanleihen.

Im Keller der Nationalbank kann man die Pahlavi Krone und weiteren Klunker besichtigen. Nur Fotos machen darf man nicht.

Wir beschließen den Tag in einem hochcharmanten armenischen Café, machen noch ein paar Schilderfotos und harren dann (obdachlos, wie wir sind) bei unseren Freunden in der Hotellobby aus, bis unser Wagen spät nachts vorfährt und uns zum Flughafen bringt.

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Käffchen bei den Armeniern. Sweet! Foto: Jako

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Herr Häkelschwein weiss Bescheid.

Warnung! Wer raucht, riskiert auf seine Kippen zu treten!

Warnung! Wer raucht, riskiert auf seine Kippen zu treten!

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Samen Bank, höhö!

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Süß: Popo.

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Wunderschön: Der Hinweis auf die Damentoilette.

Iran, du warst toll zu uns, liebe Mitreisenden, es war top mit euch!

Idee, Text und Kreation: Dennis.

Idee, Text und Kreation: Dennis.

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One Response to “In teh Iran, Teil 5: Dizin”
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  1. […] Am nächsten Tag brechen wir früh nach Dizin auf, wo wir die anderen Gruppen wiedertreffen und ein paar Tage in einem der schönsten Skigebiete Irans verbringen wollen. Alles über Stauchfußsnowboarding, den schönen Amir und erschütterte Hirne findet ihr hier! […]

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