Auvergne für hart Fortgeschrittene

Wenn jemand anders bestimmt, wieviel Urlaub man nehmen darf, fällt dieser meistens kurz aus. Oder einfach aus. Da ich an letzterem knapp vorbeigeschrappt bin, darf ich mich nun über eine Woche Freizeit freuen. Aber was macht man mit nur einer Woche? Ein langer Flug an ein entferntes Ziel würde die güldene Urlaubszeit weiter schmälern. Während ich also europäische Ziele browse, mischt sich auch noch mein Portemonnaie ein: weniger “Was kostet die Welt“, mehr erbsenzählendes Neinsagen. Gnargh.

Die Kosten-Nutzen-Rechnung zeigt immer eindeutiger auf “Urlaub bei der Familie”. Immerhin verspreche ich mir davon regelmäßige Fütterungen, ein bisschen Ruhe und unterhaltsame Dorfgeschichten. Entsprechend buche ich also einen Flug in die Augergne im französischen Zentralmassiv. Mein Urlaubsziel liegt nur unweit von Clermont-Ferrand in einer winzigen Siedlung mitten im Nichts. Der nächste Ort mit Infrastruktur, Gannat, liegt rund 20 Autominuten entfernt.

Gannat. Nur echt mit T-Rex-Kreisverkehr.

Gannat. Nur echt mit T-Rex-Kreisverkehr.

Es fängt gut an. Die Anreise gelingt zum ersten Mal völlig stressfrei (wenn man den fürchterlichen Kater, den ich infolge einer durchzechten Nacht vor der Abreise mit mir herumschleppe, nicht zählt). Ich lande abends planmäßig in Clermont-Ferrand. Es handelt sich bei meiner Maschine wie immer um den einzigen Flieger auf dem quasi ausgestorbenen Flugplatz, und so stapfen Passagiere und Crew easy quer über das Flugfeld zur Ankunftshalle. Dort erhalte ich, wie es sich für die Regierung (lies: Kinder, die ihre Eltern zu selten besuchen) gehört, einen ordentlichen Staatsempfang und werde zum elterlichen Auto geleitet. In der Ferne zeichnet sich der Puy-de-Dôme an der nächtlichen Bergkette ab. Das Gefühl von Ferien stellt sich ein.

Ok. Das ist zwar gecheated (weil Rückflug), aber bitte bemerkt den Puy-de-Dôme im Hintergrund rechts. Das ist das Ding, das auch auf jeder Volvicflasche abgedruckt ist.

Ok. Das ist zwar gecheated (weil Rückflug), aber bitte bemerkt den Puy-de-Dôme im Hintergrund rechts. Das ist das Ding, das auch auf jeder Volvicflasche abgedruckt ist.

Beim Mittagessen tags darauf tritt die ganze vor Ort lebende Familie an. Meine Mutter hat gekocht und verteilt das Essen auf die Teller der Anwesenden. Auch mir bietet sie ein Stück Kabeljaufilet an, als wäre es das Normalste der Welt (für das bessere Verständnis sei erwähnt: Ich esse keine Tiere). Dazu muss ich nicht mal mehr etwas sagen. Auf meinen abwartenden Blick erwidert sie mit ernsthafter Miene: “Das ist wie Tofu!” Und fügt hinzu: “Der ist auch ganz weiß.” Wortlos stehe ich auf, um dieses Zitat in mein Notizbuch aufzunehmen. Mein Vater lacht nun uns beide aus, während der französische Teil der Familie noch versucht, aus dem Erlebten Sinn zu machen.

Später liege ich entspannt im Garten. Roquin, der freundliche Nachbarskater, setzt sich auf meinen Schoß. So dösen wir gemütlich vor uns hin, als wir Stimmen – und Schritte – nahen hören. Der Kater, alarmiert, dreht seinen Kopf um 180°. Ich bin beeindruckt (und ein bisschen begruselt), wie elastisch das dicke Tier ist. “Da ist ja Lotte!” vernehme ich eine lauter werdende Stimme, und dann: “Ich werde ihr Küsschen geben.” Ich zucke zusammen. Die Stimme gehört Raymond, einem der Dorfbewohner, der mit meiner Mutter im Schlepptau naht. Na super. Mit einem Satz verabschiedet sich der Kater. Weil er kann! Mir hingegen gebietet die Höflichkeit, Hallo zu sagen. Meine Mutter und Raymond quatschen sich daraufhin seelenruhig vor meinem Liegestuhl fest. Das wiederum triggert meinen Onkel Alain, der Gesellschaft wittert und das Gespräch joint. Seelenruhig debattiert die Runde nun, ob der Kater über den Winter mehr oder weniger als ein Kilo zugenommen habe, wo im Garten Wasser unterirdisch entlang fließt und warum an welchen Stellen zusätzliche Wasserhähne verlegt sind. Alle sprechen gleichzeitig, unterhalten sich dabei aber auch miteinander. Alter, was Multitasking! Ich kann in der Lärmwand keine einzelnen Stimmen mehr ausmachen und klinke mich aus. Da fährt ein Wagen vor, es ist José aus dem Nachbardorf. José sieht die Gruppe im Garten diskutieren und verschafft sich durch das Tor Zutritt, laut in die Runde grüßend. Kann man sich ja nicht entgehen lassen! Meine Chance auf ein Mittagsschläfchen in der Sonne schwindet. Ist eh ungesund, zuviel Sonne. Ich verstehe jetzt, dass das Konzept “in Ruhe in der Sonne dösen” hier schlichtweg unbekannt ist. Das ist was für Städter, die Entschleunigung suchen. Die Dorfposse hingegen ist immer auf der Jagd nach dem nächsten Tratsch. Nun entfernt sich die Truppe drei Schritte, um den nächstgelegenen Wasserhahn auf Funktion zu testen. Das Unglaubliche geschieht, der dicke Roquin kommt zurück auf meinen Schoß. Leider registriert keiner der Anwesenden dieses fulminante Statement. Sie sind zu beschäftigt, zu besprechen, wann die Nachbarin aus der Psychiatrie entlassen wird und endlich wieder Normalität im Dorf einkehrt.

roquin

Roquin, chillin like a villain. Hinter uns: Das Dorf, fast komplett abgebildet.

Beim Abendessen hält mein Onkel einen Vortrag. Wir wissen ja alle Bescheid über Bakterien, die mit zunehmenden Mengen von Antibiotika im Abwasser im Laufe der Zeit Resistenzen gegen ebendiese Mittel entwickeln. Nun. Mein Onkel hat, vermutlich auf dieser Basis, eine wissenschaftlich überlegene These aufgestellt: “Die Leute schmeißen Medizin weg, und dann fressen die Viecher das Zeug und werden viel robuster.” Ich denke an Obelix, der in den Zaubertrank fiel, und meinen Lieblingshelden, den Toxic Avenger. Und dann an deren Version als Schaf. Kuh. Hund. Katze. Huhn… The Chicken Avenger! Wobei das ja wiederum nichts anderes ist, als das mit Wachstumsantibiotika innerhalb von sechs Wochen vom Küken zum ausgewachsenen Tier großgespritzte Huhn, das es in zahlreichen Eateries und Supermärkten in den Städten gibt. Mein Kopf dreht sich. Vielleicht ist mein Onkel gar nicht verrückt. Vielleicht war er bislang der einzige, der diese Konspiration verstanden hat. Vielleicht sagt man deswegen über ihn, er sei “un peu gaga”. Wie Fletcher! Oh weh. Zeit für ein Weinchen. Das gibt es hier übrigens zu jeder Mahlzeit nach 12.00 Uhr. Prost, Kids!

Nachfolgend ein paar Impressionen aus dem Nichts:

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Die Dorfstraße. Wenn hier ein Auto vorbeikommt, rennen alle an ihre Fenster.

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Dorfview aus dem Garten

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Das Panorama vom Bett aus. Passt schon.

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Savoir Vivre wird hier groß geschrieben

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Der Nachbarshund Teddy (!) checkt, ob Roquin in seinem Napf etwas übriggelassen hat.

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Hat er nicht (er trägt alles lässig auf den Hüften).

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Ein Hundeleben

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No shit: Das ist der öffentliche Backofen auf dem Dorfanger. Nicht im Bild: der Brunnen gegenüber.

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Das Nachbardorf, erkennbar an einer richtigen Straße. Hart Infrastruktur am Start!

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2 Responses to “Auvergne für hart Fortgeschrittene”
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  1. […] noch aufregenderes Erlebnis stellt der Einkauf im nächsten (richtigen) Dorf dar, dem bereits erwähnten Gannat. Zum dortigen Carrefour fährt man locker 20 Minuten über eher mittelgut ausgebaute […]

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  2. […] meines Aufenthalts im Landesinneren der Franzosenrepublik (siehe hier und hier) kam ich in den Genuss eines Tagesausflugs mit der Mutti ins beschauliche Clermont-Ferrand […]

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