Auvergne für Slacker

Nachdem der übliche Kulturschock der Akzeptanz weicht, eine von ihnen zu sein, beginnt der Urlaub. Es gibt hier absolut nichts zu tun, was die täglichen Highlights umso bedeutsamer macht. Ganz weit vorn: Der Bäcker kommt. Zwei mal pro Woche fährt der Bäcker aus dem nächsten (infrastrukturell minimal überlegenen) Dorf durch unsere Siedlung, stellt den Wagen praktischerweise direkt vor unsere Haustür und hupt kurz. Keine zwei Minuten später scharen sich die fünf Dorfbewohner um den Wagen. Es ist eine Art Appell: Man checkt mal aus, wer alles da ist und hat gleichzeitig eine große Chance auf heißen Tratsch aus den umliegenden Ortschaften. Dann folgt Business as usual. Man kauft eine Baguette und zieht sich mitsamt Beute auf seinen Beobachtungsposten hinter dem eigenen Fenster zurück. Vielleicht kommen ja heute ein Auto, ein Traktor oder ein Radfahrer vorbei!

Der Bäcker kommt

Monsieur le boulanger, ich hätte gerne…

Ein noch aufregenderes Erlebnis stellt der Einkauf im nächsten (richtigen) Dorf dar, dem bereits erwähnten Gannat. Zum dortigen Carrefour fährt man locker 20 Minuten über eher mittelgut ausgebaute Straßen. Links und rechts davon liegen endlose Weiten mit Nutztier bestückten Weidelandes. Ab und an passiert man eine Kreuzung, an der man um sein Leben fürchten muss, falls doch einmal ein Auto im gleichen Moment von der Seite kommen sollte. Doch, ach! Welch abwechslungsreiche Tätigkeit so ein Spaziergang durch den Supermarkt ist. Kommerz! Glanz der Großstadt, der aus den Regalen auf uns abstrahlt! So joine ich natürlich die Crowd, jedoch mit Hintergedanken. Bei aller Abwechslung, die das Supermarkterlebnis so mitbringt, ist nämlich mein persönliches Highlight der anschließende Stopp in einer schäbigen Zocker-Kaschemme. Hier setzt man Geld auf Pferde, die im fernen Paris um die Wette galoppieren.

Von außen...

Chez Clément: Von außen ganz unschuldig!

Profi am Werk

In der fancy Kombination Bar-Wettbüro-Tabakladen ist es verraucht und still. Außer der Bardame befinden sich vier Gäste im Laden: Dorfbewohner mit sonnengegerbten Gesichtern, die sich über Tabellen mit Pferderennstatistiken,-ergebnissen und -prognosen beugen, vor ihnen Bier, Kaffee und Hochprozentiges. Mehrere Fernseher laufen, auf allen rennen Pferde über den Bildschirm. Es ist ein kurzer Besuch, denn obwohl alle wetten, will keiner hier gesehen werden. Ich verstehe schon: Es ist ein bisschen wie im Sexshop. Man grüßt sich, fachsimpelt kurz über wunderliche Jockeywechsel, gibt seinen alten Wettschein ab, kassiert den Gewinn und verwettet diesen erneut. Immer im Flow bleiben. In meinem Fall bis zum Tag vor meiner Abreise, denn die letzte Wette verliere ich – ich brauche also am nächsten Tag nicht wiederzukommen und zu kassieren/neu zu wetten. Puh! Ein To Do von der Liste gestrichen!

Place your bets...

Faites vos jeux…

Rien ne va plus.

Rien ne va plus.

Und schnell weghuschen. Hier im Dorf darf man sich beim Wetten nicht erwischen lassen, will man nicht als asozial abgestempelt werden.

Und schnell weghuschen. Hier im Dorf darf man sich beim Wetten nicht erwischen lassen, will man nicht als asozial abgestempelt werden.

Den Nachmittag verbringe ich im Garten. Im Hintergrund schwatzen die Nachbarn mit meinen Eltern, bis ein über uns kreisender Helikopter das Gespräch stört. Liliane, die auf der anderen Seite der Straße in ihrem Garten harkt, weiß Bescheid: Das ist das Finanzamt. Die fliegen über das Land und checken, ob die Landbevölkerung undeklarierte Swimming Pools hat oder an ihren Häusern baut. Nicht schlecht! Ich sag mal: Wer Steuergeld hat, kann es ausgeben, um es einzutreiben! So will ich auch mal regieren.

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One Response to “Auvergne für Slacker”
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