Beten und sterben in Clermont-Ferrand

Während meines Aufenthalts im Landesinneren der Franzosenrepublik (siehe hier und hier) kam ich in den Genuss eines Tagesausflugs mit der Mutti ins beschauliche Clermont-Ferrand (für Locals heißt das: kam ich zur Nahtoderfahrung eines Trips ins Zentrum der Welt, diese hektische, überlaufene Metropole Clermont-Ferrand, wo einem die Taschendiebe das letzte Kleingeld aus der Hosentasche stehlen).

Raymond, unser geschätzter Nachbar und Auskenner auf allen Gebieten, hat uns zuvor den glorreichen Tipp gegeben, in Clermont (Insidersprech!) mit dem Auto nur bis “Les Pistes” zu fahren und von dort aus die Tram in die stark befahrene Innenstadt zu nehmen, um Stress am Steuer zu vermeiden. Aus welchen Gründen auch immer wir, die in Paris groß gewordene Mutti und ihre in Berlin lebende Tochter, seinen Rat befolgt haben, wir verfluchen ihn bereits nach der ersten Station in der überfüllten, stinkigen Tram. Les Pistes entschädigt immerhin mit einem Bauwerk, das aussieht wie eine übergroße Skateboard-Rampe. In der echten Welt wurden hier früher Michelin-Reifen getestet. Ich male mir kurz aus, wie saugut diese Rampe in beschneitem Zustand wohl berodelbar ist. Moooaaah.

Les Pistes – der Name ist Programm.

Les Pistes – der Name ist Programm.

Auf der Place Jaude, dem Nabel der Welt bzw. Clermont-Ferrands Innenstadt, stehen sich zwei Statuen gegenüber. Eine davon trägt einen metallenen Vercingetorix zu Pferde (Asterix-Leser, Bescheidwisser und Opfer humanistischer Gymnasien wissen: Das war Galliens letzter Held im Kampf gegen den allmächtigen Julius Caesar). Die Statue ist gar nicht so schön wie sie klingt, und in den Himmel fotografieren ist pathetisch. Logo, hier, Foto:

Hey, J(a)ude!

Hey, J(a)ude! Foto inkl. Vercingetorix, dem letzten Kapitulierer.

Am Platz steht außerdem ein großes Einkaufcenter, vor dem, wie überall auf der Welt, Jugendliche und Chomeurs herumlungern. Die Mutti ist froh, mal in die Stadt zu kommen und schleift mich in die Fnac (die französische Symbiose aus Hugendubel und Saturn). Igitt. Shopping in der realen Welt. Ich stelle mich bockig vor die Metal-Grabbelkiste, wo ich mit sicherem Handgriff die aktuelle Kadavar herausfische. Kadavar. Inmitten des französischen Zentralmassivs. Ich staune nicht schlecht. Obwohl ich die Platte selbstverständlich zuhause habe, kaufe ich die CD sicherheitshalber. Irgendwie hab ich das Gefühl, sie da rausholen zu müssen.

Preisschildplatzierung: Honi soit qui mal y pense, wissen die, die Kadavar kennen.

Preisschildplatzierung: Honi soit qui mal y pense, wissen Auskenner.

Anschließend bummeln wir zwei Häuserblöcke weiter zur düsteren Gotik-Kathedrale “Notre Dame de l’Assomption”. In ihrem unrestaurierten Zustand aus verlebtem schwarzen Vulkangestein vermittelt sie ein finsteres Flair. Nice.

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Notre Dame de l’Assomption. Heißt übersetzt leider nicht “Notre Dame der Unterstellung” sondern eher so irgendwas mit Himmelfahrtsgedöns.

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Aus der Nähe ein ziemlich großes Teil. Größe ist alles, oi!

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Zwei Hürden aus Feuer und Eisen trennen die Sterblichen von der Statue.

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Saugt in der Kathedrale.

In der Kathedrale beschäme ich die abgehärtete Mutti nur noch wenig mit blasphemischem Verhalten. Wenn die Phase keine solche ist, müssen eben die Eltern tapferer werden. Funktioniert. Die Gewölbe und die Türme bleiben uns an diesem Tag leider verwehrt.

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Ich habe keine Ahnung, was ich da tue.

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Die Treppchen zum Haupteingang der Kathedrale sind gesäumt von Vulkanstein-Penissen. Hübsch!

Auf dem Rückweg machen wir Halt am Friedhof. Kein Trip ohne Auschecken der lokalen Totenstätte, klar. Uncharmanterweise schließt der Friedhof jedoch schon um 17.00 Uhr und so stehen die Mutti, ich und eine sehr alte Frau vor verschlossenen Toren. Just als wir weiterziehen wollen, tritt ein gutaussehender, junger Typ aus dem Pförtnerhäuschen und lässt uns höchst illegalerweise hinein. Wir mögen beim Herausgehen doch einfach das Tor hinter uns zuziehen. Das mag ich ja an Frankreich, man ist da nicht so.

Während die Mutti von der alten Dame belabert wird, hüpfe ich heiter über die Gräber und stecke meinen Kopf so weit es geht in die besonders ruinigen Mausoleen. Unweigerlich muss ich an die Bilder niedlicher Katzen und Hunde denken, die ihre Köpfe durch Zäune oder Treppenhausgeländer stecken und sich dann eingeklemmt von ihren Besitzern fotografieren und beschämen lassen müssen. Vorsicht ist geboten, denke ich mir, schließlich darf ich mich in Gegenwart der Mutti unmöglich dümmer anstellen als ihre Katze (der das nie passiert ist).

Die Mutti schaut in Anbetracht meiner Friedhofs-Euphorie ohnehin eher angestrengt drein. Vielleicht ist das mein (unbewusstes) Payback dafür, dass sie einst im Frankfurter Skateshop hässliche Shirts hochhielt und durch den ganzen Laden rief: “Guck mal, Mausiiii, ist das nicht süüüüüß!”, und mir damit bei sämtlichen Skaterboys die Chancen verdarb – während ich verzweifelt versuchte, beim Fachsimpeln über Kugellager möglichst lässig zu wirken. Satz mit X.

Aber zurück auf den Friedhof. Von der alten Dame erfahren wir, dass sie gerade ihren Mann von einem anderen Friedhof auf diesen hier umbettet und auch für sich selbst schon einen Platz reserviert hat. Urgh. In der Nähe der Lebenden ist der Tod auf einmal viel näher.

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Cimetière des Carmes

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Cimetière des Carmes

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Cimetière des Carmes

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Cimetière des Carmes

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Cimetière des Carmes

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Tiihihi! Kunstvoll geformt.

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Man beachte, wie das Kreuz im Grab liegt. Ich musste jedenfalls nicht mehr aufräumen.

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Ein Grab mit Parkplatz – Car Loft 2.0! Lern das, Schland!

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Nicht den Kopf in die Gruft strecken, wenn die Mutti guckt – check!

Es gibt hässlichere Orte, soviel ist sicher. Auch wenn dieser Friedhof schon sehr französisch daherkommt, getreu dem Motto: Dann wird hier alles betoniert, damit man nichts im Sand verliert.

Wir fahren heim. Das letzte Highlight ist die Rue Tourette, voilà!

Rue Tourette, du Fotze!

Rue Tourette, du Fotze!

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