Das Kopenhabenteuer

Stupid o’clock, der Wecker klingelt. Mit einer Mischung aus Welthass und Vorfreude schäle ich mich aus meinem Bett. Ich packe die letzten Teile so in mein Handgepäck, wie ich es bei Tetris gelernt habe, verfluche mich fortlaufend für die vermeintlich gute Idee früh abzufliegen (“dann hat man noch den gaaaaaaanzen Tag!”), da klingelt es bereits an der Tür. Frühe Demonica fängt den Wurm, oder so. Es geht los. Am Flughafen will niemand meinen Ausweis sehen, weder am Security-Check noch beim Prüfen der Boardkarte. Dafür werde ich von der Flughafenbodenpersonal-Nazikuh angekackt, die vor ihrer Auszubildenden an mir ein Exempel statuieren will: “Das ist doch kein Handgepäck!” Ich entgegne überzeugt: “Na klar! Hat genau die Maße!” Darauf hat sie gewartet. Sie nimmt mir meinen Trolley aus der Hand, hebt ihn hoch und bellt mich an: “Das wiegt 13 kg. Erlaubt sind 8!” Ich spare mir zu fragen, wie sie das vorm Hochheben hätte wissen wollen. Mein Köfferchen ist nämlich nicht dick! Ich erkläre ihr freundlich, dass mein Gepäck kein Übergewicht hat und frage sie, was ich denn ihrer Meinung nach jetzt machen soll, überhaupt und bitte schön. “Na, jetzt ist auch zu spät” giftet sie und lässt mich durch. Oh, viel Lärm um Nichts also! Man muss die Menschheit einfach gern haben.

Der Flug verläuft höchst angenehm. Beim Getränkeausschank bitten wir die freundliche Flugbegleiterin um Becher mit Eiswürfeln. Mit hochprofessionellem Seitenblick hat sie unseren Piccolo sofort entdeckt und klärt sie uns auf, dass auf dem kurzen Flug weder Alkohol ausgeschenkt noch mitgebrachter Alkohol konsumiert werden dürfe. Beim Weitergehen zwinkert sie uns wissend zu und steckt uns, wir sollen uns doch einfach nicht erwischen lassen. Wir nehmen den Hinweis dankend an und verbringen die kurze Zeit bis zur Landung friedlich angeschäkert.

Dann geht es los. Auf einmal sprechen alle anders. So könnte Seemanns-Schwyzerdütsch klingen, auf eine fremde Art charmant, dabei aber rauh und vollends unverständlich. Glücklicherweise habe ich eine Insiderin dabei. Wir beziehen unser Hotel, ein ehemaliges Hurenhaus mitten im Rotlichtviertel und stürzen uns ins Abenteuer.

IMG_9271

Von außen viel Bling, von innen eher so pures Phlegma seitens der Angestellten und stetiger Grasgeruch aus dem Nebenzimmer.

Von außen hui, von innen... Oder war das doch im Polizeimuseum? Oh, Alkohol...

Von außen hui, von innen… Oder war das doch im Polizeimuseum? Oh, Alkohol.

Die folgenden drei Tage vergehen schnell, vor allem aber werden sie vollends ausgeschöpft. Es fühlt sich an, als wären wir die ganze Zeit unterwegs. Tagsüber gibt sich Demonica alle Mühe, mir meine Touristenwünsche zu erfüllen, abends wiederum raffe ich mich auf, mit ihr und ihren Freunden saufen zu gehen. Wir sind konstant müde oder betrunken, manchmal auch beides. Damit ist auch erklärt, warum dieser Bericht so lange auf sich warten ließ: Meine (Handy-)Fotos sind leider alle recht schrecklich, und mein Notizbuch weist kaum verwertbare Informationen auf. Einzig eine Seite in fremder Handschrift, vollgepackt mit Flüchen und Pöbeleien auf Dänisch. Dank hierfür geht an Finney, der sich im Suff die Zeit nahm, mir die ganze Bandbreite möglicher Ausdrucksweisen von “Halt’s Maul” aufzuschreiben, von “bitte sei still” bis “shut your ass”. An jenem Abend wird er noch seinen Finger in meine Asia-Snack-Frühlingsrolle stecken, aber ich greife vorweg.

Hier, schön chronologisch, ein kurzer Abriss (pun intended) unserer Unternehmungen:

Tag 1. Polizeimuseum und Märkbar.

Das Kopenhagener Polizeimuseum befindet sich in einem alten Präsidium. Davon merkt man drinnen allerdings nichts mehr. Ein wenig befremdlich ist der Kontrast zwischen den historisch gemeinten Exponaten, die mit singender Nachtwächter-Statue und Motorrad zum Draufklettern mehr an den kleinen Detektiv erinnern, und der Creepshow im ersten Stock, wo Tatortstyle einzelne Mordfälle dokumentiert wurden. Mit allen Details, wie den dazugehörigen originalen Mordwaffen. Demonica, Finney und ich verlassen das Museum einer nach dem anderen, aber alle mit der gleichen Gesichtsfarbe (keiner). Im Café gegenüber – “o bom português” – folgt direkt ein schöner Ausländer-Verbrüderungs-Moment: Beim Versuch zu bezahlen entschuldige ich mich für mein mittelmäßiges Verständnis der fremden Währung: “Sorry, I am still figuring out the funny money.” Der schöne Portugiese strahlt mich an: “It’s Monopoly money, right?” und lacht. Ich fühle mich verstanden.

Funny Money

Funny Money

Die ehemalige Polizeistation. Fühlt ihr euch auch beobachtet?

Die ehemalige Polizeistation. Fühlt ihr euch auch beobachtet?

IMG_9239

Polizeimuseum. Ein Gefangener in der Ausnüchterungszelle hat einen ziemlich perfekten Hangover gezeichnet.

IMG_9223

Polizeimuseum. Im Erdgeschoss ein Spielplatz…

Am Abend landen wir in der Märkbar (die ihr Logo ostentativ in Paint erstellt hat), einem guten Ort zum gepflegten Trinken. Der Betreiber ist scheinbar gern in Berlin, zumindest hängen diverse Beweise dafür im Raum. Tatsache. Demonica weiß es genauer: Einst kehrte er in Berlin gern im Franken ein. Super, wir sind quasi in der Kopenhagener Austauschkneipe unseres Lieblingsortes in Berlin. Was bleibt, sind Bargeschichten, die nie geschehen sind, und die Erkenntis, dass “frohe Stunde” in Dänemark keine “happy hour” ist, sondern eine Bezeichnung für die Königsklasse des Trinkens, das Frühschoppen.

 

Tag 2. Nicht Folketing, Waffenmuseum und Smørrebrød.

Selbstverständlich wollte ich das Parlament sehen, doch wir werden bereits an der Tür abgewiesen. Anders als z. B. in England und im Schland kann man in Dänemark nicht hinein, wenn getagt wird.

IMG_9361

Da drin werden Dinge von gewählten Repräsentanten entschieden. Meine dänischen Freunde tun es den steinernen Türwächtern nach: ein Facepalm auf die Politik!

IMG_9352

Kein Blogpost ohne Penis. Mittendrin: die Blogmutti.

Wir laufen ein paar Schritte, da deutet Sten auf ein Gebäude: “Dort wird die größte antike Waffensammlung des Landes ausgestellt.” Meine Lampen gehen an. Wer will schon das Parlament sehen, wenn er in Kanonenrohre schauen kann? (Am Rande bemerkt finde ich die Nähe der Waffensammlung zum Parlament ein wenig witzig.)

Bilder einer Ausstellung:

IMG_9380

In die Rohre gucken

IMG_9390

Ist das Kunst oder kann das weg?

IMG_9409

Nazistuff. Angeblich haben die Dänen davon ganz viel gefunden, weil die Deutschen nach dem verlorenen Krieg alles weggeworfen haben und heimgelaufen sind. Dichtung oder Wahrheit?

Wir ziehen weiter gen Christianshavn, als es anfängt zu regnen. Sten deutet auf einen Souterrainladen an einer Straßenecke (ihr merkt an meinen 1A-Ortsbeschreibungen, wie verloren ich ohne meine beiden Begleiter wäre) und macht den brillianten Vorschlag, ein (Konter-)Bier trinken zu gehen. Es ist gerade mal Mittag.

Was folgt, ist der beste Moment eines insgesamt ziemlich grandiosen Trips. Wir sitzen entspannt im familiären, wohnzimmerartigen Souterrain, an den Fenstern sehen wir Füße vorbeihetzen. Die Dänen würden die Atmosphäre bestimmt als “hyggelig” bezeichnen – das niedliche Wort für ultimative Gemütlichkeit. Die Restaurantbetreiberin, eine freundliche Endvierzigerin, ist aufrichtig bemüht meine Essgewohnheiten zu verstehen, um mich in die sehr wichtige dänische Tradition des Smørrebrød einzuweihen. Meine dänischen Freunde bestellen indes mit völligem Selbstverständnis abgefahrene Aquavit-Variationen als Aperitif. Logo, Fisch muss schwimmen. Es ist ein schöner Moment: Die Betreiberin und meine Begleiter haben offenbar großen Spaß daran, mir etwas Dänisches beizubringen, und ich freue mich, das blind vertrauend aufzunehmen (gleichzeitig empfange ich deutliche Vibes, dass es sehr bedeutsam ist, dass ich Smørrebrød lerne – und mag!). Späteres Googlen bestätigt die enorme Wichtigkeit des soeben Erlebten. Smørrebrød ist ein großes Ding. Fun fact: Der Beruf der Person, die für die fachgerechte Zubereitung des traditionellen Smørrebrød zuständig ist, erfordert eine über dreijährige Berufsausbildung. Danach ist man ausgebildete/r Smørrebrødsjomfru („Butterbrot-Jungfrau“! ALTER!).

IMG_9442

Det är hyggelig!

IMG_9434

Die Butterbrotjungfrau ist ehrlich bemüht, aller Widrigkeiten zum Trotz ein Smørrebrød für mich zu bauen. Ohne Butter und ohne Fisch eher das Anti-Smørrebrød – Respekt dafür. Bester Laden!

Am späten Nachmittag sind wir erneut zum Saufen verabredet. Auch hier muss über die Bargeschichten geschwiegen werden, aber Props gehen an alle tollen Menschen, mit denen ich an diesem Abend trank. Tak! Irgendwann sind wir alle sehr voll, und nach einigen Ladenwechseln plötzlich auch sehr suffhungrig. Finney ist bereits beim Asia-Snack, als wir dort einkehren. Ihr kennt diese Art von Laden: offene Frittierküche, mittelmäßig sauber, Luft und Essen gleichermaßen heiß und fettig. Die kleine Vietnamesin stellt lächelnd eine triefende, dampfende Frühlingsrolle auf einem bereits vom Frittieröl durchgefetteten Pappteller vor mir auf den Tresen. Urgh, mein Abendmahl. Finney fragt, warum ich sie nicht esse, ich antworte ihm, das Essen sei noch zu heiß. Und dann passiert es: Um meine Aussage auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen bzw. mir das Gegenteil zu beweisen, hebt Finney theatralisch seinen Arm, spreizt den Zeigefinger ab und versenkt ihn mit einer schnellen Bewegung mittig in meiner Frühlingsrolle. Die ich danach esse. Lassen wir das so stehen.

Tag 3. Christiania mit letzter Kraft und noch mehr Suff.

Die letzten zwei Tage stecken uns ernsthaft in den Knochen. Mit der verbleibenden Restenergie schleppen wir uns nach Christiania. Weil wir müssen. Man erzählt sich, ein Besuch von Christiania gehöre zum Kopenhagenbesuch einfach dazu. Nachdem wir den Pflichtspaziergang erfüllt haben, ertönen Pfiffe – das Signal, dass die Coppers nicht weit sind. Wir nutzen den Moment und ziehen weiter. Christiania ist ein schöner Ort mit einem schönen Konzept. Lest dazu an anderer Stelle ausführlicher :-)

Gute Christiania-Fotos findet ihr anderswo im Netz.

Auch gute Christiania-Fotos findet ihr anderswo im Netz.

Fun fact, den ich auf dem Heimweg lerne: Wenn du dachtest, dass du in Deutschland komisch angeschaut wirst, wenn du bei Rot über die Straße gehst, probier das mal in Dänemark. Hier macht das niemand. Niemand, echt so: nie!mand!

Am Abend sind wir zum Essen eingeladen. Wir sind schwach, aber nicht in der Position, das eigens für uns veranstaltete Dinner abzusagen. Und wie das so ist, wenn man sich erstmal aufgerafft hat, wird alles gut. Ein hyggeliges Wohnzimmer-Dinner und einen Barbesuch später ist es bereits Zeit zum Aufbruch, um kurz vor Abflug noch ein wenig zu schlafen.

Kopenhagen! Du hast mich pleite gemacht, aber es war wahrhaft wunderbar. Selbst als Teilzeit-Soziopath kann ich aufrichtig sagen: Ich habe niemanden getroffen, den ich nicht mochte und den ich nicht interessant fand. Ganz groß, dieses kleine Land und seine unfassbar charmante Bevölkerung. Jeg kommer tilbage!

Mehr Bilder:

IMG_9518

Christianshavn sinkt.

IMG_9157

Schwanensee-Idylle zwischen Frederiksberg und Nørrebro

IMG_9154

Legal, illegal, scheissegal.

IMG_9148

Wir laufen nach Nørrebro. Im Hintergrund der Laden ohne Sperrstunde, auch bekannt unter dem wunderschönen wie bezeichnenden Namen “Chlamydia-Castle”

IMG_9164

Random Stadtaufnahme

IMG_9428

Die dänische Version des Paul-Loebe-Hauses

IMG_9320

Eine ganz gewöhnliche Bar: cocks and cows.

IMG_9315

Gammel Strand! War ich schon in Stocke Fan von!

IMG_9292

H. C. Andersen checkt den Vergnügungspark Tivoli aus, bleibt ob der doll befahrenen Straße aber lieber sitzen.

IMG_9288

Beim Anblick von Gargoyles kriege ich auch zig Jahre später immernoch den Necromantix-Ohrwurm.

Aber wer wäre ich, euch mich einem Necromantix-Ohrwurm allein zu lassen? Eben. Hier folgt der Soundtrack zum Text auf Geheiß von Demonica:

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s

  • Enter your email address to subscribe to this blog and receive notifications of new posts by email.

%d bloggers like this: