Berlin für Anfänger: Zwei Schweden in Kreuzberg.

Wie oft war ich andernorts der Anfänger, stolperte ahnungslos von Fettnäpchen zu größeren Peinlichkeiten, von Mißverständnis zu Unverständnis, von Rip Off zu Opfrigkeit, war verwirrt und verirrt. Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn kein Wissen mehr gilt. Aller Verlorenheit zum Trotz schaffe ich es in der Regel zu überleben und mich dabei noch zu benehmen. Oder, falls Letzteres nicht zutrifft, für meine Missetaten geradezustehen. So viel Prolog muss sein. Weil:

Unlängst kam ich in den Genuss, das Anfängerverhalten einmal aus Profiperspektive zu betrachten. Ich hatte Besuch von zwei skandinavischen Berlin-Touristen. Wer mich kennt, weiß: WG-Leben ist mir nix, und Couchsurfer finde ich nur nett, wenn sie nicht auf meiner Couch schlafen. Aber ich habe auch eine Punkerehre.

Vor einigen Jahren reisten Andru und ich nach Stockholm. Da wir dort niemanden kannten, gleichzeitig aber auch fürchterlich mittellose Punker waren, vermittelte ein Freund uns einen seiner Bekannten, der dort lebte und uns sogar unbekannterweise einen Schlafplatz anbot. Nett! Wir flogen hin, machten tagsüber viel Touristenkram und waren abends schrecklich müde, lies: wir boten kein Entertainment, aber auch keinen Ärger. Für Gäste eine okaye Mische, wie ich finde.

Natürlich versprachen wir unserem Gastgeber Obdach, sollte er nach Berlin kommen. Er kam nicht. Doch, ach! Viele Jahre später – neulich – kam die gefürchtete Nachricht dann doch. Ich leistete unserer Schuld Folge und versprach dem schwedischen Brüdergespann meine Couch. Kann ja auch witzig werden, dachte ich noch.

Zeitsprung: Die Schweden kommen.

Natürlich sammle ich sie am Bahnhof ein. Sie sind freund- und friedlich und ich merke direkt: Prima, das wird entspannt. Sie haben Hummeln im Hintern und wollen etwas machen, also schicke ich sie erstmal saufen und lege mich schlafen – schließlich muss ich am nächsten Morgen arbeiten gehen. Gegen vier Uhr früh höre ich Geräusche an der Haustür. Ich drehe mich herum und mache die Augen wieder zu. Meine Gäste haben schließlich einen Schlüssel. Eine halbe Stunde später werde ich erneut von suspektem Hantieren am Schloss geweckt. Ein Blick aufs Handy offenbart mir sechs verpasste Anrufe. Oh. Also doch! Kann ja wohl nicht wahr sein, denke ich, und schleppe mich barfuß und im Schlafanzug zur Balkontür. In diesem Moment machen sich die Boys am Türschloss des Nachbarhauses zu schaffen. Widerwillig, immernoch barfuß und halbnackt gehe ich herunter und zeige ihnen den Weg in meine Wohnung. Der Jüngere raunt mir im Treppenhaus noch zu, sein Bruder vertrage nix, und tatsächlich: In der Bude angekommen bleibt er erstmal direkt hinter der Tür im Flur liegen. Hauptsache über die Schwelle geschafft, wa! Er besinnt sich kurz, immer noch im Flur herumrollend, um direkt darauf den Kampf gegen seine Schnürstiefel zu verlieren. Punkrock, Baby. Ich ziehe dem Mann die Schuhe aus, während ich versuche, ihn zu überreden, auf der Couch zu schlafen. Läuft. Mein Wecker klingelt.

Am Abend liegen die Boys immernoch auf der Couch. Macht Sinn! Aber es geht aber aufwärts. Sie sind gut gelaunt und möchten etwas erleben, also ziehen wir – die Schweden, Jörg und ich – los. “Aber heute machen wir nicht so lange”, da sind sich die Besucher einig. “Wir wollen ja morgen tagsüber etwas von der Stadt sehen.” Alles klar, auf in die Nacht. Der Ältere von beiden, ein Punker von Iro bis Schnürstiefel, fragt noch fix: “Sehe ich in dem T-Shirt fett aus?” Mir wird kurz warm ums Herz.

Wir laufen los und zeigen ihnen die auf dem Weg liegenden Sehenswürdigkeiten, die Berliner Mauer und den Görlitzer Park. Die Schweden folgen uns dicht auf den Fersen durch den finsteren Park. Es ist so schön, dass wir nicht auf der kurzen Seite gerade durchlaufen, sondern den Park eher diagonal durchqueren (später werden sie einräumen, dass sie das schwer gruselig fanden). Natürlich kommen wir allesamt sicher im Wild at Heart an, schauen uns ein Konzert an und ziehen weiter in die Bar unseres Vertrauens. Die Boys erzählen uns Geschichten aus Schweden und wir verbringen einen gepflegten Abend zusammen, bis sich gegen drei Uhr der Ältere in ansprechbarem Zustand verabschiedet. Ich setze ihn ins Taxi, erkläre dem Fahrer, dass sein Fahrgast nicht volltrunken sei, sondern lediglich kein Deutsch spreche, alles gut, Tschüssi. Zurück in der Kneipe lege ich prophylaktisch mein Handy auf dem Tisch. Zu Recht: Zwanzig Minuten später klingelt es, mein Gast findet meine Wohnungstür nicht. Zum ersten Mal freue ich mich über den Idioten, der sie bekritzelt hat und erkläre meinem Gast, wonach er suchen muss. Leider versucht er unterdessen, andere Türen zu öffnen. Irgendwann kapiere ich: Er ist im falschen Haus. Gefühlte zehn Minuten und eine ausgiebige Schritt-für-Schritt-Anleitung später ist er in der Wohnung. Wir sind erleichtert und trinken beruhigt weiter.

Der kleine Bruder, der noch mit uns am Tisch sitzt, kann es indes kaum fassen: “Berlin is sooooooo cool!” “This is the best beer I ever tasted!” “This is such a cool place!” “Man, this beer is soo good!” Wir freuen uns über seine Begeisterung, sind aber auch milde verwundert. Daraufhin erkärt er uns, dass er zuletzt im Alter von sieben Jahren ausserhalb Schwedens Urlaub gemacht hat. Na, prima, darauf eine Runde Sauren, der Bub soll etwas erleben! Wir bleiben also noch ein wenig sitzen, zeigen ihm den Späti nebenan und bringen ihn etwas später heim. Guter Abend, keine weiteren Vorkommnisse.

Der nächste Tag ist für die beiden Schweden somit wieder gelaufen. Für mich auch, aber es ist Samstag und so bleibe ich einfach liegen und gehe am Abend auch nicht aus. Die Boys hingegen wollen es nochmal wissen. Prima, ich habe meine Bude für mich und grabe mich zufrieden in meine Bettdecke. Um 1:30 Uhr werde ich von einem Schatten, der durch mein Zimmer huscht, geweckt. Ich weiss bis heute nicht, ob ich mir das nur eingebildet habe. Als nächstes sehe ich, noch immer im Bett liegend, durch die offene Schlafzimmertür einen großen, fremden Mann in meiner Wohnung stehen. Und er mich. Halb herzattackiert, halb nackt springe ich auf. Es ist der Taxifahrer. Der Kleine hat ihn mit in die Wohnung genommen, weil der Große ihn nach abgeschlossener Dienstleistung lieber bepöbeln als bezahlen wollte, wird mir erklärt. Der Taxifahrer ist zum Glück ein Netter und verabschiedet sich nach Entgegennehmen des Geldes (zuviel für die Strecke) artig aus meiner Wohnung. Der Kleine ist ein bisschen beschämt, bequatscht mich aber erstmal, während ich in Unterwäsche vor ihm stehe. Ich versuche meinen Todesblick, ohne Erfolg.

Er so: “Ich muss meinen Bruder finden.”
Ich so, Alarmglocken an: “Ist der verlorengegangen?”
Er so: “Nein, er kann nur mit Alkohol nicht umgehen und kotzt gerade draußen ans Haus.” Ach so!

Tatsächlich gelingt es ihm, seinen großen Bruder hineinzuholen. Nebenbei erwähnt schaffen sie es hierbei erstmals, die Tür ohne größere Probleme alleine zu öffnen. Als gäbe es in Schweden keine Schlösser!

In der Wohnung geht es dann extrem munter weiter. Der kleine Bruder schafft den großen ins Bad, wo er erstmal alles (keine! Übertreibung!) vollkotzt, um dann in Embryostellung zusammengerollt vor der Toilette und in seinem Erbrochenen einzuschlafen. Um meinen Schlaf gebracht und innerlich wutschnaubend möchte ich sie alleine lassen, gleichzeitig fürchte ich, dass einer von beiden aus Versehen auf die blinde Katze treten könnte. So werde ich One-Woman-Publikum einer dreistündigen Vorstellung. Aus dem Bad vernehme ich immer wieder “Faaaaan”, “Lotte”, “Lort” und verstehe: Der Kleine will den Großen überreden, auf die Couch umzuziehen. Der wiederum fühlt sich bevormundet, schließlich ist er der Große und trägt hier die Verantwortung, und so zieht sich das Spektakel etwas länger als nötig hin. Um vier Uhr liegen beide auf der Couch und schnarchen. Da geht das Handy des Großen los. NA KLAR! Eine halbe Stunde lang harre ich aus, während jemand im 2-Minuten-Takt anruft und denke mir bei jedem Klingeln, die Person wird schon damit aufhören, wenn keiner ans Telefon geht. Mir dämmert recht spät, dass diese Logik eventuell nicht greift bei jemandem, der um diese Uhrzeit superdringend unbedingt sofort telefonieren will und folglich wahnsinnig sein muss. So schleppe ich mich erneut in den Flur und suche das Handy, wecke den Kleinen und nötige ihn, das zu beenden. Dann ist Ruhe. Ich schlafe ein paar Stunden und verlasse am Mittag meine Wohnung, während meine Gäste sich noch schamhaft schlafend stellen. Ich bin sehr, sehr wütend und habe innerlich schon meine “Benehmt euch, oder ihr müsst ins Hostel”-Rede geprobt. Und zwar ins schöne A&O am Zoo, so wütend bin ich nämlich. Nehmt das, Störer meines heiligen Schlafes!

Als ich zurückkehre, ist mein Besuch ausgeflogen. Zu dessen Glück. Ein paar Stunden ziehen ins Land, bis sie zurückkehren. Mit gesenkten Köpfen reichen sie mir, na, wie passend, eine Flasche Schnaps. Die ausführliche Abbitte, die ich nach den Szenarios der letzten Nächte erwartet habe, bleibt aus. Am nächsten Tag verlassen sie meine Wohnung. Schwamm drüber.

Ich nehme nie mehr Gäste auf.

Featured Image: Georg Slickers, Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported license

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