Berlin – Bangkok

Es ist soweit. Ich habe Urlaub. Wie lange habe ich darauf gewartet, immer wieder melancholisch Angebote durchforstet, Fernweh gehegt. Nun steht also seit langem der erste Urlaub, der seinen Namen verdient, unmittelbar bevor. Ich werde mit Ändru nach Thailand und Kambodscha reisen.

Die Reise beginnt vielversprechend: Auf dem Flug Berlin-Istanbul erhalten wir die absolute Seemannsmischung Gin Tonic. Mir kommen beim Trinken die Tränen (natürlich aus Glückseligkeit). Uns ist beiden klar: Die Flugbegleiterin trinkt selbst keinen Alkohol und weiss auf keinen Fall und niemalsnicht, was sie da tut. Zufrieden torkeln wir aus dem Flugzeug und boarden das nächste, das uns nach Bangkok bringen soll. Hier lernen wir, dass die Gin Tonics vom ersten Flug kein Versehen waren, sondern vermutlich zur Bordpolitik von Turkish Airlines gehören. Wisster Bescheid.

Zwischendrin wühle ich aus Gewohnheit in dem Fach mit den Bordzeitschriften und stelle fest, dass sich darin zwei Kotztüten befinden. Ich prüfe, ob Andru auch zwei hat. Hat er. Ganz selbstverständlich antwortet er auf meinen Hinweis hierzu: “Es gibt ja auch zwei Mal Essen!” Manchmal ist es ganz einfach.

Dann stellt sich eine gewisse Ödnis ein, wie das bei langen Flügen so ist: Man macht ein bisschen mit dem Bordentertainment rum, dreht Däumchen, ärgert Vordermann und/oder Sitznachbarn oder starrt einfach auf den großen Bildschirm mit der Karte und dem kleinen Flugzeug, das sich immer viel zu langsam in Richtung Ziel bewegt. Leider stelle ich bei Letzterem fest, dass die Anzeige kaputt ist, denn sie zeigt zwischen der türkischen Stadt Van und der iranischen Grenze eine Schleife an. Mißtrauisch verfolge ich die weiße Linie auf der Karte nun genauer. Es sind zwei. Parallel. Da Zurückfliegen aber keinen Sinn ergibt, starre ich einfach weiter darauf, ohne groß nachzudenken, und warte auf die Auflösung, die wenig später in Form einer Durchsage folgt: Aufgrund eines medizinischen Notfalls haben wir tatsächlich gewendet und fliegen nun zurück nach Ankara.

So hätte das aussehen sollen. Tat es aber nicht.

So hätte das aussehen sollen. Tat es aber nicht.

Wir sind entsetzt. Mir schwirren Fragen durch den Kopf:

  1. Welcher medizinische Notfall ist so groß, dass wir eine gute Stunde in die entgegengesetzte Richtung in die Hauptstadt fliegen, kann aber gleichzeitig so lange warten?

  2. Warum tritt diese Notsituation GENAU über der Grenze auf? Haben wir Überflugverbot? Ist die Situation politisch/militärisch brisant?

  3. Oder, am plausibelsten, handelt es sich eventuell um technische Gründe? Werden wir alle sterben und dürfen es nicht erfahren, damit wir nicht unruhig werden?

Bei der Landung in Ankara sehe ich nirgends auch nur einen einzigen Krankenwagen. Ein bisschen suspekt finde ich das schon, aber da wir heil angekommen sind, streiche ich zumindest Punkt 3.) von meiner mentalen Liste. Wahrscheinlicher erscheint mir nun Punkt 2.), der politische Ansatz. Schließlich gab es am Vortag in Thailand einen Militärputsch gegen die Regierung, das Kriegsrecht wurde ausgerufen und angeblich befinden sich Armeen von Soldaten auf der Straße. Besorgt fragte die Bild, was alle dachten: Was passiert jetzt mit meinem Thailand-Urlaub? Anyhoo. Vielleicht, überlegten wir uns, hatte die Militärmacht Thailands spontan beschlossen, keine Touristen mehr ins Land zu lassen. Im Geiste plane ich bereits eine alternative Urlaubsroute durch die Türkei. Nach einer Stunde am Flughafen Ankara setzt sich das Flugzeug entgegen meiner Erwartung wieder in Bewegung. Eine kleine Ewigkeit später passieren wir die Luftgrenze zum Iran und gefühlte tausend Stunden später erreichen wir endlich Bangkok. Geht doch!

Wir fallen müde ins Taxi und lassen uns in die Stadt fahren. Auf der Strecke hören wir Schüsse. Der Taxifahrer zuckt zusammen. Es wirkt, als sei der Zustand, wie die (westliche) Weltpresse ihn beschreibt, tatsächlich kritisch. Wir sind sensibilisiert. Bis wir ankommen und feststellen: Hier sieht nichts auch nur im geringsten nach angespannter Lage aus. Außer vielleicht unter den Taxifahrern, die uns ansprechen, obwohl wir gerade bei einem Kollegen ausgestiegen sind, und irgendwo hin fahren wollen. Wir beziehen eine billige Unterkunft und stürzen uns in die Stadt.

Die Luft atmet sich wie eine ausgewogene Mischung aus stehender Hitze, hoher Luftfeuchtigkeit und Smog. Es fehlt gefühlt an Sauerstoff, gleichzeitig schwitzt man alle Flüssigkeit aus dem Körper aus. Weil die bei der Luftfeuchtigkeit aber nicht verdunsten kann und immer weiterer Schweiss nachströmt, fühlt es sich eher an als würde man schmelzen. Schrumpellotte ahoi! Ich verdränge den Gedanken, attraktiv finde ich das nämlich eher nicht. Immerhin zerfließen alle mehr oder weniger.

Wir passieren die berühmte Khao San Road, Travellertreff und Epizentrum geschäftiger T-Shirt-Verkäufer, Maßanzugnäher, Skorpion-am-Spieß-Verkäufer, Kartenfälscher, Tuk Tuk-Fahrer und vielen mehr. Hier verticken geschäftige Thais einem alles, vom Drachen-Tattoo über Deutsche Bahn 100-Karten bis hin zu ihrer Oma. Man kann keinen Meter gehen, ohne irgendetwas angeboten zu bekommen: “Mister Tattoo, want suit?”, “Want dinner, Indian food nice!”, “Tuk Tuk, Sir?”, “Something, something!” Letzteres ist mein Favorit. Es ist die zeitlose wie inhaltsleere, unambitionierte Aussage langjähriger Straßenhändler. Sie sind ihrer Arbeit und der impertinenten Touristen müde, aber dennoch treten sie täglich an.

khao san road at night

Die wundervolle Khao San Road bei Nacht.

Wir folgen unserem Impuls und brechen aus dem Getümmel der Touristenstraße aus, laufen durch einen kleinen Park, in dem Mönche abhängen, über einen Klong (Kanal), vorbei an einem kleinen Markt, auf dem Thais ihre alten Shirts für 10 Baht (umgerechnet rd. 25 Cent) an die Locals verkaufen. Ab und an (und hauptsächlich vor öffentlichen Gebäuden) steht am Straßenrand ein Zeltpavillon mit übergeworfenem Tarnnetz, in dem ein paar Soldaten sitzen, die sich augenscheinlich langweilen. Ich würde fast vermuten, die sind immer da stationiert und nicht nur putschbedingt zum auf der Straße Abhängen verdonnert.

Ein Mönch chillt im Park.

Ein Mönch chillt im Park.

Dann ist der Tag auch fast schon vorbei. Wir sind ohnehin noch müde von dem Hin- und Herfliege-Gedöns und laufen heimwärts. Auf unserer Straße versucht sich ein Mann im Verkauf gegrillter Insekten. Lustigerweise bietet er sie seinen Landsleuten gar nicht erst an. Ist wohl nur für Touristen, dieses Geschäft mit dem Klischee. Ich überlege, ihm einen Skorpion zu spendieren, aber mein innerer Vegetarier meldet moralische Bedenken an. Ich werde nie erfahren, ob er ihn lässig gesnackt hätte.

Frittierte Skorpione. Ich habe sie nicht mal fotografiert und leihe nun das Bild hier aus, damit ihr auch eins habt.

Bald geht es hier weiter mit Gaunern und Königen, Schlangen und Elefanten, Bettwanzen und Ameisenplagen, Bargirls und Boxern, und natürlich der Suche nach dem heiligen Penis. Hang in there. Es ist nämlich auch Sommer, und die Regierung inspiziert derzeit Berliner Gewässer und Bars gleichermaßen. Es ist ein hartes Leben, wenn man immer etwas zu tun hat!

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