Palast, Prunk und Penis

Wie es sich für gute Bangkok-Touristen gehört, beginnen wir den Tag mit dem Pflichtprogramm und laufen zum Königspalast. Alle paar Meter bietet man uns Transport an: Mopedtaxis, Tuk Tuks (dreirädrige Motorradtaxis, benannt nach dem Geräusch, das sie machen) oder Taxis, alles ist dabei. Die thailändischen Schlepper erkennen uns schon von Weitem, diese komischen Weißhäute, die wie arme Leute zu Fuß unterwegs sind, und fahren in Schritttempo neben uns her, ihre Dienstleistung feilbietend.

Je näher man dem Königspalast kommt, desto mehr vermengen sich die Angebote. Lehnt man den Transport ab, wird man ersatzweise gefragt, ob man zum Palast wolle und dafür einen Führer benötige. Danke, nein (die Deutschen brauchen keinen Führer). Kurz darauf erreichen wir den Eingang. Hier ertönt eine Durchsage vom Band: “Follow the signs to the main entrance. Do not trust strangers to guide you.” Und dennoch stehen die vermeintlichen Führer unbeirrt in Hörweite der Durchsage und üben sich in Akquise. Irgendwie unangenehm; ich würde jedenfalls keine Dienstleistung verkaufen wollen, wenn mich eine Tonbandstimme dafür parallel öffentlich disst.

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Bevor die Touristen kamen, hat hier angeblich mal der König residiert. Mit Bubblebaum-Garten, der Mann hat Humor!

Der Palastkomplex überfordert mich ein wenig. Überall Bling und Glitzer, das in der Sonne umso mehr blingt und glitzert, es schubsen sich trotz Nebensaison zahlreiche Touristen über das Gelände. Zu Recht residiert der König heute nicht mehr hier, bei dem Getümmel! Ist ja nicht auszuhalten. Im Laufe meiner Erkundung stoße ich auf einen Tempel, in dem gerade gebetet wird. Es ist der Wat (Tempel) Phra Khaeo mit dem berühmten Emerald-Buddha, der nach langem Hin und Her nun hier residiert. Reiseführerwissen an: Angeblich schlug im Jahre 1434 ein Blitz in die Pagode des Wat Phra Khaeo in der nordthailändischen Stadt Chiang Rai ein, zerstörte dabei einen Gipsbuddha und brachte – oh, Überraschung – den leuchtend grünen Edelsteinbuddha darunter erstmals zum Vorschein. Glaubste kaum, oder? Nach einigen Stationen landete das gute Stück in der laotischen Hauptstadt Vientiane, wo es rund 215 Jahre herumstand. Als dann die Thai-Armee 1778 in Vientiane einfiel, nahm sie den riesigen Edelstein wieder mit und brachte ihn über Umwege nach Bangkok in den Wat Phra Kaeo, der gleichzeitig mit der Stadtgründung erbaut wurde und heute noch steht. Reiseführerwissen aus.

Irgendwie hatte ich mir den Bub (den man übrigens nicht fotografieren darf) größer vorgestellt, aber immerhin sitzt er auf einem recht raumfüllenden, reich verzierten Thron. Ein Mönch singt vor, die Meute singt nach. Ihre Füße sind nackt und dem Buddha abgewandt. That’s how you roll im Tempel. Bildung muss sein: Füße gelten als unrein. Einem Thai beim Sitzen die Fußsohle hinzustrecken ist eine fiese Beleidigung, und mit dem Buddha macht man das folglich erst recht niemalsnicht.

Beim weiteren Herumlaufen entdecke ich eine österreichische Kleingruppe, die sich gerade von einem Experten eine von rundum acht Elefanten bewachte Statue erklären lässt: “Das ist eine Statue, die von sechs, äh, sieben, äh (zählt kurz nach) acht Elefanten bewacht wird.” Ich bin prompt schlauer. Und froh, vor dem Eingang keinen Guide gekauft zu haben.

Mehr Palast:

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Einer der vielen imposanten Bauten des Palastkomplexes.

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Alles Gold, was glänzt.

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Glitzer! Glam! Gold!

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Noch! Mehr! Gold!

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Wächter: wenn mit ohne Gold, dann viel bunt.

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Weeeeeeeee! Rutscheeeeee!

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War Pig-Wandmalerei

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Räucherstäbchen for good luck!

Gegen Mittag hat es sich auspalastet, es ist schweineheiß, wir sind völlig kaputt und auf die Hälfte unseres Flüssigkeitshaushaltes reduziert. Aber ich habe noch ein To Do auf der Liste: den Phallusschrein. Korrekt. Es gibt einen Schrein, der Penisse vergöttert (OK, Fruchtbarkeit, aber wer will da schon so genau sein.). Endlich ein Kult, den ich verstehe! Heil Penis! Leider ist der Schrein ziemlich weit weg, so dass wir beschließen, einen Teil der Strecke mit dem Boot zu fahren, dann die U-Bahn zu nehmen (ironischerweise heißt die Richtung zum Penisschrein “To Bang Sue”) und das verbleibende Stück zu der vagen Adressangabe zu laufen.

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Eine Seefahrt, die ist lustig…

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Bang Sue!

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Ihre Königliche Hoheit Prinzessin Beatrix der Niederlande (Ex-Königin der Niederlande) ist auch in Bangkok Metro gefahren. Ganz bodenständig (unterm Boden, Schenkelklopfer!) und voll volksnah auch mit anderen Völkern! Die Regierung hat es ihr nachgetan, sogar ohne Wachschutz. Immer zweimal mehr volksnah als wie du, Hoheit!

Eine kurze Bootsfahrt, einen Spaziergang und eine U-Bahn-Fahrt später erreichen wir Lumpini. Hier beginnt die Straße, auf der irgendwo ein ehemaliges Hilton-Hotel steht, das jetzt Nai Lert Parkhotel heißen soll, auf dessen Gelände wiederum sich angeblich irgendwo der Phallusschrein befindet. So meine Beschreibung. Je mehr wir laufen, desto wahnwitziger scheint mir der Gedanke, dass wir das Ding (höhö) je finden werden. Die Straße ist wesentlich größer, als es die Karte vermuten liess (ein Schelm, wer den Maßstab nicht beachtet) und die Beschreibung ungenau. Wir laufen. Und laufen. Und laufen. Es ist asozial heiß und meine Klamotten sind inzwischen gleich mehrfach durchgeschwitzt. Aber Phallusschrein! Wir laufen weiter. Auch Andru verlässt langsam der Mut. Wir sind bestimmt zwei Stunden unterwegs, als wir besagtes Hotel dann doch finden. (Wer es uns nachtun will: Fahrt bis Chit Lom und erspart euch einiges. Der korrekte Name des Hotels lautet Swissôtel Nai Lert.)

Der Weg war nicht das Ziel, aber: voilà, die Wireless Road.

Der Weg war nicht das Ziel, aber: voilà, die Wireless Road.

Mit roten Gesichtern und olfaktorisch auffällig fragen wir den freundlichen Portier, wo wir hin müssen und werden erstmal am Bediensteteneingang vorbeigeschickt, über einen Parkplatz, in die hinterste Ecke des Geländes. Hat er uns verstanden oder wollte er unsere ungepflegte Erscheinung nur schnell vom Eingang des 5 Sterne-Hotels entfernen? Doch, ach! Als wir glauben, dass nichts mehr kommt, sehen wir am Ende des Geländes einen kleinen, abgetrennten und scheinbar sich selbst überlassenen Garten, in dessen Ecke einige Angestellte auf dem Boden sitzen und rauchen. Es wirkt, als versteckten sie sich hier, im Schutz der Penisse.

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Der Penisgarten! Bild ausgeliehen von bangkok.com

Der maximal versteckte, nur zu leicht übersehbare Phallusschrein, der in echt Chao Mae Tubtim-Schrein heißt und der Fruchtbarkeitsgöttin gewidmet ist, ist also ein Penisgarten. Ein Lustgarten quasi, aber nicht wie in Europa mit viel Grünzeug, weitläufig und pompös. Hier geht es etwas direkter zu: Zahlreiche Holz- bzw. Steinpenisse mit Schleifchen drum wurden liebevoll im wirklich überschaubaren Gärtchen aufgestellt. Ich bin entzückt ob der Lage des kleinen Fruchtbarkeitsschreins mit seinen bunten Phalli im Hintergarten des Luxushotels und inspiziere ihn erstmal genauer.

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Heil(iger) Penis!

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Rechts im Bild: ein Penis mit Penis. Woah!

Von einer Infotafel lerne ich, dieser Schrein werde bevorzugt von Frauen mit Kinderwunsch besucht, die kleine Opfergaben mitbringen. Wenn ihr Wunsch erfüllt wurde, kehren sie zurück und legen einen Phallus im Garten ab. Wenn man die Anzahl der Phalli beachtet, hat das Ritual wohl für einige der Frauen funktioniert (zur Quote steht da allerdings nichts).

Ich muss gestehen, ich hatte mir den Schrein anders vorgestellt. So mit Dach und Pomp und Glitzer, wie alles hier. Aber ich bin nicht enttäuscht, im Gegenteil. Auf dem Rückweg erwäge ich, vielleicht zuhause in Berlin neben dem Kräutergärtchen der Nachbarn einen einzurichten. Macht sich bestimmt gut. Trivia am Rande: David Carradine hatte angeblich in jenem Hotelzimmer, in dem er selbststranguliert gefunden wurde, einen kleinen Penisschrein errichtet.

Am Abend falle ich zufrieden ins Bett. Am Tag darauf geht es mit dem Zug über Phitsanulok nach Sukhothai, der ersten Hauptstadt des Siam-Reiches.

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  1. […] aus dem Bett, auschecken, voll beladen und schwer schwitzend geht es zum Bahnhof. Wir verlassen Bangkok für Sukhothai, die einstige Hauptstadt der ersten Thai-Nation und angeblich ein imposantes […]

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  2. […] Schlangen und Elefanten, Bettwanzen und Ameisenplagen, Bargirls und Boxern, und natürlich der Suche nach dem heiligen Penis. Hang in there. Es ist nämlich auch Sommer, und die Regierung inspiziert derzeit Berliner […]

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