Road to Ruin

Nach zwei hektischen Tagen im unübersichtlichen Bangkok fahren wir weiter. Der Wecker schrillt, wir müssen raus aus dem Bett, auschecken, voll beladen und schwer schwitzend zum Bahnhof. Wir verlassen Bangkok für Sukhothai, die einstige Hauptstadt der ersten Thai-Nation und angeblich ein imposantes Ruinenfeld.

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Am Bahnhof Hua Lamphong

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Zweite Klasse ist in Thailand weniger zweitklassig als bei uns (über den Preisunterschied reden wir gar nicht erst).

Der Zug erinnert mit seiner verlebten Holzverkleidung von innen ein wenig an die holzvertäfelten Wohnzimmer der 70er. Als wir losdümpeln, fängt es passenderweise zu regnen an. Die dicken Tropfen klatschen uns durch die offenen Fenster in unsere Gesichter – eine willkommene Abkühlung! Nass(geschwitzt) sind wir ja eh standardmäßig. Läuft. (Im wahrsten Sinne des Wortes, duh!). Die Fahrt ist lang, und schon bald habe ich genug aus dem Fenster auf vorbeiziehende Felder, Tempel und Barackensiedlungen an den Gleisen geschaut. Mein Blick schweift also umher und bleibt auf unseren Sitznachbarinnen hängen, einem amerikanischen Mutter-Tochter-Gespann. Auf Töchtis Fuß entdecke ich ein Tattoo, dessen Anfangsbuchstabe(n) durch ihren Sandalenriemen verdeckt wird. Ich lese “ENTAL” und rätsele ab diesem Moment, was dort tatsächlich steht: dental, mental oder gar rental? Experimental, fundamental oder monumental? Oriental, occidental, continental? Accidental, incidental? Rosental? Mein Gehirn ist damit für den nächsten Fahrtabschnitt beschäftigt, und immer wieder gluckse ich unreif in mich hinein.

Während der Zug auf der 440 km langen Strecke an gefühlt jedem Dorfbahnhof anhält, steigen immer wieder Locals zu, die den Zug ein, zwei Stationen lang begleiten und verschiedenste Delikatessen verkaufen. Man bietet uns Säfte aus Tiefkühlbeuteln an, frittierte Fledermäuse und Quallen am Spieß, und natürlich alle Variationen von Fried Rice/Noodles. Am Anfang finden wir das noch total spannend, sind aber recht flott des stetigen Durchlaufs müde.

Saftsäcke! Lecker Saftsäcke!

Saftsäcke! Lecker Saftsäcke!

Ich beschließe nun, selbst mal auf und ab zu laufen. Außerdem will ich rauchen, und anders als der Mönch, der am Ende des Abteils gepflegt eine schmökt, traue ich mich nicht, gegen das Verbotsschild anzustinken. Wenn ich in Europa etwas gelernt habe, ist es schließlich, auf Schilder zu hören! Abgesehen davon genießen Mönche in Thailand Supersonderstatus: Sie haben an Bahnhöfen eigene Wartezonen, zahlen wenn überhaupt im Bus nur die Hälfte und haben in der U-Bahn grundsätzlich Anspruch auf einen Sitzplatz. Als ich an dem Mönch vorbeilaufe, grinst er mir schelmisch zu. Aaawww. Wie das reingeht, herzallerliebst und unschuldig! Umso seltsamer erscheint es mir auf einmal, dass man in Europa dem Gegnüber immer gleich Absichten unterstellt, wenn man angelächelt wird – oder selbst komisch angeschaut wird, lächelt man Fremde an. Anyhoo. Ich freue mich also noch über den niedlichen Mönch, als ich mich zum Rauchen zwischen die Waggons an die offene Zugtür begebe. Die Landschaft rast vorbei, langsam wird es dunkel.

Einziges Sonnenuntergangsfoto, ich schwöre!

Einziges Sonnenuntergangsfoto, ich schwöre!

Mit reichlich Verspätung erreichen wir Phitsanulok. Natürlich fährt um diese Uhrzeit kein Bus mehr nach Sukhothai. Auch Taxis sind rar. Als wir eins finden, handeln wir die Umstände unserer Strandung völlig ignorierend weit im fahrlässigen Bereich drauf los. Der Taxifahrer checkt erstmal seine Uhr und überlegt laut, anstelle der gut einstündigen Fahrt lieber Feierabend zu machen.

“A’ you going to Sukhothai?” höre ich da auf einmal hinter mir eine Stimme. Ein chinesisches Pärchen hat das gleiche Problem wie wir. Ich mustere sie und denke mir: “Geil, die sind klein und zierlich! Die passen ohne Quetschen mit ins Auto und wir vierteln den Preis!” Manchmal bin auch ich deutscher, als es mir lieb ist. Also laden wir sie ein, mit uns mitzufahren und einigen uns mit unserem Fahrer auf einen Preis, für den man in Berlin mit viel Glück vom Wedding nach Friedrichshain kommt.

In Old Sukhothai angekommen beziehen wir die güngstige Unterkunft am Platz und gehen schlafen. Affe zu, Klappe tot. Wir wollen am Morgen früh los in die Ruinen und abends bereits weiter nach Chiang Mai. Busy Urlaub, ne.

Die Wachhunde unseres Hostels: stets bereit, sich in deine Wade zu beißen und nie mehr loszulassen.

Die Wachhunde unseres Hostels: stets bereit, sich in deine Wade zu beißen und darin (weitere) 1, 2 Zähne zu verlieren.

Aber erstmal Sukhothai. Wir mieten für umgerechnet 75 Cent Fahrräder und radeln Richtung Ruinenstadt. Geil, Fahrtwind. Zum ersten Mal merke ich nicht direkt, wie sehr ich konstant zerfließe. Nach den ersten Metern kommt uns ein Auto auf unserer Spur entgegen. Ich finde das total unbedenklich, fährt doch in Asien eh jeder, wie er will. Andru schaltet schneller: “Oh, hier ist ja Linksverkehr! Wir müssen auf die andere Straßenseite!” Ja hupsi.

Die Ruinen der alten Hauptstadt sind zwar durchaus beachtlich und historisch spannend, aber irgendwann haben wir einfach genug. Am Ende des Tages ist es einfach eine tote Stadt. Eine Ruine. In der man toll Fahrrad fahren, aber nicht herumklettern darf.

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Hmpf.

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Angemessenes Panorama für eine Fahrradtour bei gefühlten 65°C und 120% Luftfeuchtigkeit.

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Mehr Ruinen (die aus Stein)

Und wir treffen die Amerikanerinnen aus dem Zug wieder, die staunen: “Niemand ist hier, das ist so verrückt!” – “Allerdings”, antworte ich, schwer atmend und mir Luft zufächelnd. “Wenn nur die hohe Luftfeuchtigkeit nicht wäre. Ich schmelze!”, füge ich hinzu. “Was sollen wir da sagen, wir sind aus Alaska!”, klärt mich die amerikanische Mutti lachend auf. Alles klar. “You win!”, beglückwünsche ich sie zur Kernschmelze, immer zwei mal mehr als wie wir.

Am Nachmittag ziehen wir weiter. Über New Sukhothai fahren wir mit diversen Transportmitteln nach Phitsanulok. Hier beginnt ein klassisches Reiseintermezzo: Verirrung, Anstrengung, Warterei.

Wir hatten die fixe Idee, in Phitsanulok eine im Reiseführer eingezeichnete Jugendherberge in Bahnhofsnähe aufzusuchen, dort zu duschen und uns die Zeit bis zur Abfahrt unseres Nachtzuges zu vertreiben. Top Plan! Leider verpassen wir (natürlich!) die richtige Busstation und müssen in der Hitze und mit allem Gepäck beladen zum Bahnhof zurück laufen. Weit. Anstrengend. Heiß. Weit. Anstrengend. Heiß. Von dort aus irren wir kreuz und quer durch die Straßen, aber besagte Herberge gibt es nicht (darauf wetten will ich allerdings lieber nicht). Irgendwann kehren wir verzweifelt, verschwitzt, erledigt und eklig in das einzige Hotel ein, das unseren Weg kreuzt.

Wir tragen unseren Wunsch der Rezeptionistin/Hotelmutti vor: “Is possible shower or have room for some hours?” (Am Rande bemerkt sind unsere Gehirne nicht geschmolzen. Wir haben einfach festgestellt, dass vereinfachtes Englisch einem besseren Verständnis dient, wenn wir schon kein Thai sprechen.)
“300 Baht!” entgegnet sie.
“But we just like to shower and stay two hours, is possible?”, wir so.
“300 Baht for room!”, sie so.
“But just two hours, no sleep!”, wir nochmal so, bittstellend.
“No sleep OK 200 Baht.”, sie so.
“Deal!” Die Dusche ist damit jedem von uns 2,50 Euro wert. Ich jedenfalls habe schon mehr Geld für größeren Quatsch ausgegeben.

Sie führt uns zu unserem Zimmer. “No sleep?”, fragt sie nochmal, sichtlich verständnislos. “No sleep”, versichern wir ihr. Hat sie noch nicht erlebt, so viel ist klar. Als Andru kurz darauf runter geht, um sich nach dem WLAN-Passwort zu erkundigen, wiederholt sie immernoch ungläubig “no sleep?”.

In der Zwischenzeit ist ein Gewitter aufgezogen, das es in sich hat. Asien-Style. Das wäre unsere Dusche gewesen, ha! Die Straßen sind binnen Minuten überschwemmt. Leider müssen wir inmitten dieses Gewitters das (Stunden-)Hotel verlassen. Auf dem Weg zum Bahnhof durchfahren wir knietiefe Gewässer, die sich auf der Straße angestaut haben. Ich staune nicht schlecht, dass das Auto das kann – und dass kein Wasser durch die Türen hineinkommt. Das war definitiv nicht nur eine Unterbodenwäsche. Am Bahnhof angekommen ist alles voller Soldaten. Wir überlegen uns kurz, ob man uns wegen Bruchs des Curfew vor ein Militärgericht stellen wird. Doch das Curfew, das immernoch gilt und Touristen verbietet, nach 22 Uhr auf den Straßen zu sein, interessiert hier keinen.

Also richten wir uns mit unserem Reiseproviant zwischen Militär, Kakerlaken und Ratten ein. Proviant, den ich kurz vorher noch im strömenden Regen holte, und mit dem in der Hand ich bei meiner Rückkehr auf dem Bahnsteig erstmal schön der Länge nach ausrutschte. Elegant legte ich mich mit meinem Flip Flop ausladend vorwärts rutschend in einer schmierigen, pechschwarzen Lache hin und bot damit kurz Entertainment für die Wartenden. Während wir nun auf den Zug warten, wird mein Knie blau und dick, meine Klamotten nicht trocken, und ich springe mehrfach von meinen wechselnden Sitzgelegenheiten auf, weil ich von Kakerlaken bekrochen werde. Jippie, wir haben immernoch eine 7-stündige Zugfahrt vor uns. Chiang Mai, wir kommen.

Mehr Fotos aus Sukhothai:

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Im richtigen Kontext kann jeder jung und gesund aussehen!

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…wie lange die wohl schon da sind?

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Sieht gar nicht so weit aus? Denkste. 300m den Berg rauf, die es in sich haben. Wir zerfließen, immer noch mehr als wir jeweils kurz zuvor noch für möglich hielten.

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Zwischen den verschiedenen Ruinen: eine Feuerwehrstation. Süß! (Können Steine denn noch signifikant verbrennen?)

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Drei Affen in der Ruine.

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Kein Post ohne Phallus! Woooooohoo!

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Ein besonders prachtvolles Exemplar einer sog. Phallee.

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Mutti repräsentiert.

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So gut getarnt, dass ich fast draufgetreten wäre.

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Hinter der Mauer: Kopf ab.

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Das mit den grazilen Moves übe ich noch.

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Mönchichii!

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Trotz Nippelalarm die Haltung wahren.

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So stellt man sich in Thailand Touristen vor: Schnörres und einen Lendenschurz als Gürtel. Ist das schon Okzidentalismus?

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Die Regierung: dein Licht am Ende des Tunnels. Bald auch als Kult in deiner Stadt! (Foto: Andru)

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  1. […] Abend falle ich zufrieden ins Bett. Am Tag darauf geht es mit dem Zug über Phitsanulok nach Sukhothai, der ersten Hauptstadt des […]

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  2. […] der Nachtfahrt aus Phitsanulok poltern wir in Chiang Mai aus dem Zug und stehen direkt einer Armee von Schleppern gegenüber, die […]

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  3. […] ausziehen, hab ich keinen Bock drauf!” Dem habe ich nichts hinzuzufügen. Wir haben seit Sukhothai ausgetempelt und bleiben […]

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