Chiang Mai für Anfänger

Nach der Nachtfahrt aus Phitsanulok poltern wir in Chiang Mai aus dem Zug und stehen direkt einer Armee von Schleppern gegenüber, die sich allesamt um uns batteln – bis wir mit dem Handeln um einen angemessenen Transportpreis beginnen. Hier läuft das Taxigeschäft nämlich organisierter (ein Schelm, wer behauptet: mafiöser) und der Preis ist bei allen Fahrern der gleiche. Nachdem die ersten drei Schlepper sich auf unseren Verhandlungsversuch hin direkt abwenden – es gibt noch genügend vom Bahnsteig nachkommendes Freiwild zu schießen – lässt sich die Vierte darauf ein, unserem Preis nachzugeben. „But you no tell! Shhhhhttt“, bedeutet sie uns. Wir antworten weniger ernst als spaßig-verschwörerisch „OK, shhht“ und ich zwinkere ihr noch wissend zu. Vermutlich gibt das aber wirklich Ärger. Ob sie wegen insgesamt etwa einem Euro jedoch ihr Erstgeborenes dem Taxiverband vermachen muss oder gar ganz daraus ausgeschlossen wird, erfahren wir nicht.

Wir steigen auf die Ladefläche ihres Wagens, wo bereits ein Ire sitzt und einen Moment später zwei Surferboys zusteigen. „You’re from the US?“ fragt der Ire die Amis eher rhetorisch-süffisant. Touché. Sie sind laut, reden viel und stellen dem Iren zwar Fragen, interessieren sich aber offensichtlich nicht wirklich für seine Antworten.

Wir fahren erstmal ins Hotel und schlafen. Am Pool. Endlich standesgemäß leben!

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Ah, erste Anflüge von Urlaub.

Am Abend verquatschen wir uns am Pool mit einem der Angestellten, einem niedlichen Boy mit Gipsbein. Da bin ich erfahrungsgemäß sofort uneingeschränkt solidarisch. Auf die Frage, was er denn gemacht habe, erzählt er, er habe an seinem Geburtstag einen Mopedunfall gehabt. „Big party, eh?“ provoziere ich lachend. Er grinst und erzählt halb gequält, halb stolz: „I went out with friends for my birthday, and I had too many whiskeys… On the way home I drove too fast, and not so well, and then I crashed into a parking car!“ Ich verziehe das Gesicht: „Ouch!“ Er fährt fort: „My friends brought me to the hospital, and now I have had this for two months (hebt das Gipsbein an). Not good with hot weather!“ Ich kann da ein Lied von singen, auch wenn der Berliner Rekordsommer von 2010 nicht ganz dem Tropenklima Südostasiens entspricht. Ich wünsche ihm gute Besserung, worauf er nichts von „good luck“ oder Götterwillen erzählt, sondern ganz nüchtern zusammenfasst: „I am 36 now, I hope my bones grow back together! Not easy at this age!“ Stimmt wohl. Dennoch verkneife ich mir, ihm Kalziumdrinks zu empfehlen. Will man in solchen Momenten einfach nicht hören, das weiß ich noch als wäre es gestern gewesen.

Ich wechsle das Thema und frage ihn, wo man Thai Boxing anschauen kann. Das steht nämlich bereits seit Urlaubsantritt auf meiner To Do-Liste. Er verweist mich auf den Aushang an der Rezeption, der für jede Nacht Kämpfe im Stadion hinter einer Gasse mit Bars bewirbt, aber er sei auch noch nie dagewesen. Der Bub ist nämlich aus Bangkok und hat da genug Thai Boxing für den Rest seines Lebens gesehen. Ich frage ihn, ob das hier angepriesene Event nicht Quatsch für Touristen sei, und überhaupt, gibt es keine Hinterhofkämpfe mit Wetten und so? Er sagt, dafür sei gerade nicht Saison, aber die Kämpfe am Thaphae Stadion gingen schon in Ordnung. Ob die abgesprochen sind, will ich wissen. Er verneint. Ob da gewettet wird, will ich wissen. Er grinst. Ob das illegal ist, frage ich. Er grinst. Sie lieben Wetten. Andru und ich beschließen, am nächsten Abend einen solchen Boxkampf auszuchecken.

Am nächsten Morgen mieten wir uns aber erstmal ein Moped. Aus dem Schland kennt man das ja so mit Helm. Helmpflicht gibt es theoretisch auch hier, praktisch aber wenn überhaupt dann eher für Touristen. Natürlich lassen wir uns Helme geben. Meiner ist eine Mischung aus Fahrrad- und Reithelm und dabei ca. drei Nummern zu groß. Er schlackert beim Tragen auf meinem zarten Kopf auf und ab, vor und zurück, nach links und rechts. Ich bin froh, dass ich mich selbst nicht sehen kann. Da ich natürlich nicht ohne Sonnenbrille aus dem Haus gehe, merke ich außerdem erst nach ein paar Metern, dass der Helm auch kein Visier hat. Der Unterschied zwischen einem normalen Helm (unten im Bild) und unserer Placebo-Kopfschale liegt – so lange es einen nicht hinlegt – ganz simpel in der Menge Staub, die man frisst (keinen vs. sehr viel).

Hier ein paar Stadtimpressionen (mehr am Textende, liest du bis zum Schluss!):

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Wir rumpeln durch die Innenstadt, den Gegenverkehr stets auf dem Schirm (fast wörtlich). Die Anzahl der Helmtragenden Rollerfahrer auf diesem Bild ist reiner Zufall und nicht repräsentativ.

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Einer von zig Ständen auf Litschi-Meile am Stadtring. Dort gibt es eine Plastiktüte voller Litischis für weniger als einen Euro. Ich jedenfalls kann für eine Weile keine mehr sehen.

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Chiang Mai außerhalb des Stadtrings.

Frisch motorisiert treten wir unseren ersten Ausflug an (lies: finden ein Ziel als Vorwand, um durch die Gegend zu heizen und Kohlenstoff in die Atmosphäre zu blasen). Wir fahren raus aus der Stadt, Richtung Hinterland zu einem von mehreren Wasserfällen. Das Schöne am Moped fahren: An roten Ampeln drängeln sich alle Rollerfahrer an den Autos vorbei an die Haltelinie vor, um bei Grün dann wie ein Fliegenschwarm loszudüsen, laut surrend und geschlossen, sich bis zur nächsten Ampel auseinander- und dann wieder zusammenziehend.
Als wir ankommen, beginnt es zu regnen. Da wir aber keine halben Sachen machen, erklimmen wir den Wasserfall, wie es sich für gute Touristen gehört. Bis Level 10, wisster Bescheid. Vorbei an mächtigen Todesfallen, wie Rambo und Indiana Jones, nur immer zweimal mutiger.

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Falling Rocks? Die Stelle überleben wir mit links – und fotografieren dabei natürlich beide das Schild.

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Wir passieren Level 5…

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…vorbei an Level 8…

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Level 10, der Wasserfall ist durchgespielt.

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Blick nach unten, da sieht es gar nicht so weit aus. Wir müssen nun alle 10 Levels zurück – das ist neu. Muss man im Videospiel ja nie, kacki!

Auf den Trampelpfaden durch die Dschungelfauna entdecken wir keine fluffigen Tiere wie Äffchen oder Warane, dafür umso mehr Riesenameisen, Riesenraupen und Riesenspinnen. Eeeooow. In Asien ist eben alles größer: die Insekten, die Früchte… Moment. Da war doch was. Ach ja:

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Die berühmte “Penis size world map”. Kenner der Geografie wissen: Thailand liegt mitten im roten Bereich.

Irgendwie wird ja auch verteilt, ne.

Morgen gehen wir zum Boxen. Ich bin schon ganz aufgeregt.

Mehr Chiang Mai:

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Mehr bunte Litschis. Verkäuferin und Kind im Partnerlook (mit den Litschis).

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Stinkefrucht am Straßenrand

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Der Asien-Klassiker: Sehr ihr, wie da hinten noch Platz für eine Person ist? Und vorn in den Korb geht auch noch ein Baby. Definitiv haben sie Frau und Neugeborenes gerade irgendwo abgesetzt.

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Disney war hier, aber mit den surrenden Stromleitungen hat er nicht gerechnet.

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Moped fahren! Mit Helm, oi! So erkennt man Touristen (auch).

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Nach Bangkok und Sukhothai hatten wir genug Tempel gesehen. Der Fachbegriff dafür: to be templed out. Deswegen gibt es hier nur ein drive by shooting eines der ca. 200 (!) Tempel in Chiang Mai.

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Innenstadtverkehr. Normal.

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Am Nachtmarkt. Im Hintergrund noch ein Tempel, dem wir näher nicht kommen wollten.

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Finde den Fehler!

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Porn? Ping Pong? Warum nicht beides! Et voilà, der Pornping Tower. Getarnt als Hotel. Läuft!

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Opferpanda im Geisterhäuschen in einer kleinen Gasse.

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Random Stadtaufnahme

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Tit oder tot? Ein Herz für Schilder <3

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Und ein Herz für Moped fahrende Hunde. Weeeee!

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2 Responses to “Chiang Mai für Anfänger”
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  1. […] – Run TLC – Waterfalls (der macht sogar Sinn, wissen wiederkehrende Leser) Wizo – Raum der Zeit Turbo ACs – Want it all Grey Area – […]

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  2. […] Auf Empfehlung unseres gipsbebeinten Kumpels machen wir uns schwer aufgeregt auf den Weg zum Tae Pae Stadion (Chiang Mai). Stadion, nun ja. Wir zahlen den Eintritt an einem Büdchen auf der Straße, das wir fast übersehen hätten, und laufen durch einen tristen, betonierten und eher schlecht überdachten Gang, in den es reinregnet. An dessen Ende werden wir direkt von einer jungen Frau in Empfang genommen. Sie tritt hervor aus einer Reihe von Einweiserinnen, die zugleich auch Bardamen (und/oder käuflich, sorry für das Klischee) sind. […]

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