Fight Night in Chiang Mai

Wir waren beim Thaiboxen. Kann man ja auch nicht bringen, so ne Thailandreise ohne Besuch am Ring! Ich hatte natürlich auch schon eine präzise Vorstellung von schwer tätowierten, sich nichts schenkenden, aus sämtlichen Platzwunden blutenden Kämpfern – ach, was red ich – Kriegern!

Auf Empfehlung unseres gipsbebeinten Kumpels machen wir uns schwer aufgeregt auf den Weg zum Tae Pae Stadium (Chiang Mai). Stadium, nun ja. Wir zahlen den Eintritt an einem Büdchen auf der Straße, das wir fast übersehen hätten, und laufen durch einen tristen, betonierten und eher schlecht überdachten Gang, in den es reinregnet. An dessen Ende werden wir direkt von einer jungen Frau in Empfang genommen. Sie tritt hervor aus einer Reihe von Einweiserinnen, die zugleich auch Bardamen (und/oder käuflich, sorry für das Klischee) sind.

Es ist ganz simpel. Inmitten der Halle befindet sich der Boxring. Dieser ist gesäumt von Sitzplätzen, die zu den Bars jeweils dahinter gehören. Jede Bardame holt im Wechsel hereinkommende Touristen ab und platziert sie auf den Stuhlreihen ihres Ladens. Nachdem wir mehrfach zum Konsum aufgefordert werden, fordern wir frecherweise im Gegenzug erstmal unseren auf dem Flyer beworbenen Welcome Drink ein. Das Mädchen bringt uns daraufhin einen Schluck Thai Whiskey, aufgefüllt mit einem Schluck Cola, beides verdünnt von einem halb aufgelösten Eiswüfel. Jetzt fühlen wir uns so richtig willkommen! Andru ist bereits gelangweilt, bevor das Spektakel beginnt und widmet seine volle Aufmerksamkeit dem kostenlosen Wifi und einem herumliegenden “Vier gewinnt”-Spiel.

Ich studiere derweil das Programm:

Fight night mit free Wifi und Welcome Drink. Eigentlich hätte man es da wissen müssen.

Fight night mit kostenlosem Wifi und Welcome Drink. Eigentlich hätte man es da wissen müssen.

Der Kampf selbst wird eingeleitet von einem durch den Ring schreitenden, flötenden Mann. Die Flöte ist eher eine Tröte und macht ziemlich unerträgliche Geräusche. Ganz eindeutig eine kulturelle Differenz, befinde ich. Unweigerlich muss ich daran denken, wie die Amis einst die Taliban mit laut aufgedrehtem Metal aus den afghanischen Höhlen treiben wollten. Ich habe damals nicht verstanden, wie man Musik so unerträglich finden kann, dass man sich freiwillig dem Feind ausliefert. Jetzt kann ich relaten.

Trötenboy bläst das Intro

Trötenboy bläst das Intro

Der Trötenboy nimmt kurz darauf seinen Platz beim Rest der “Band” ein und die Kämpfe beginnen. Die Begleitmusik schrillt konstant mit. Support-Act sind zwei topniedliche, etwa 10-jährige Jungs, die hier gerade den Grundstein für ihre Karriere als Showkämpfer legen. Nach Runde 1 geht ein zahnloser Mann um, der mit Scheinen winkt und Wetten entgegennimmt. Ich wette ja wirklich gern, aber irgendwie wirkt es grotesk, auf einen Zehnjährigen Geld zu setzen. Wir verzichten erstmal dankend.

Die Kids tasten sich indes noch ab:

Dieser Kampf wird aufgrund des unfassbaren Niedlichkeitsfaktors mein Highlight bleiben. An alle, die aufschreien wollen: Sicher entspricht hier nicht alles westlichen Erziehungsstandards, aber insgesamt möchte ich mutmaßen, dass die Kids hier ihr Hobby mit Ehrgeiz und Stolz verfolgen – und dass Ballett ähnlich brutal ist.

Kinder, Kinder.

Es folgen diverse weitere Kämpfe, aber so richtig kommen wir nie über das Gefühl hinaus, in eine Touristenfalle getappt zu sein. Im dritten Kampf – inzwischen dürfen die Erwachsenen ran – erleben wir das erste KO. Es ist ein wenig so:

Auch der nächste Kampf wird durch KO verfrüht beendet, diesmal schon in der ersten (!) Runde. Wir vermuten inzwischen, dass das eine Abkürzung ist, um die Show pünktlich zu beenden und zu Barbetrieb und Damenverkauf überzugehen.

Jetzt liegt all meine Hoffnung auf dem im Programm angekündigten “Special Fight”. Ich erwarte insgeheim einen Zwergenkampf und werde aufs Bitterste enttäuscht. Sechs “Boxer” mit verbundenen Augen irren gleichzeitig durch den Ring schwingen eine Runde lang wild die Fäuste um sich. Ganz weit oben auf der Fremdscham-Skala und so gar nicht, wie wir das blinde Kämpfen aus Klassikern wie Bloodsport kennen. Kurze Gedenksekunde: hach, Bloodsport!

Special Fight - wirklich speziell.

Special Fight – wirklich speziell.

Jetzt heißt es aussitzen, vielleicht kann der Hauptkampf noch etwas retten. Ein französischer Farang tritt gegen einen Lokalmatador an. Wo-ho. Und tatsächlich: In Runde 4 tritt der Farang dem Thai mit einem Seitenkick derart gegen den Kopf, dass man den harten Aufprall am Schädel trotz des nervigen Begleitgedudels der Kapelle deutlich hören kann. Das kann so fake nicht gewesen sein! Franzosenboy legt mit der Rechten nach, woraufhin sein Gegner mit leerem Gesichtsausdruck nach hinten plumst und stumpf auf der Matte aufschlägt. KO.

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Wir sind noch ein wenig baff, wie grotesk und choreografiert die Show größtenteils auf uns wirkte, als die blinden Boxer aus dem Special Fight mit einer Tip-Box durch die Reihen gehen. Na klar! Die anderen Kämpfer sitzen inzwischen einträchtig an den Bars und stellen sich einen rein. Um sie herum englische Rentner, die sich von den “Bardamen” entertainen lassen. Irgendwie fair: Ich habe Klischees erwartet und (andere) Klischees bekommen. Nutten, Diebe, Gangster? Check. Auch wenn die Realität doch mehr einem halbherzigen Versuch glich, für Touristen wie uns eine Show zu machen. Bloodsport ist halt auch nur ein Film. Been there, done that.

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