In die Dialoge

Es ist ein sonniger Herbsttag und meine Freunde gehen in die Pilze. In. Die. Pilze. Ich hätte mir diesen unsäglichen Ausdruck ja nicht ausgedacht und will natürlich wissen, wo er herkommt. Einem Gute-Fragen-Portal entnehme ich spannende Erklärungsansätze: Man gehe ja auch “in den Wald”. Errrr, ja. Besser gefällt mir die Erklärung, dass der Bauer früher Frauen und alte Leute zu Fuß Pilze sammeln schickte – die hatten nämlich kein Recht auf einen Wagen. In die Pilze gehen hat also etwas mit mangelnder Beförderung bzw. euphemistisch betrachtet mit Bodenhaftung zu tun. Hmja. Ich fühle mich unzureichend aufgeklärt, scrolle weiter und werde flugs auf ähnliche Fragen verwiesen: “Woher kann man Scheidenpilz bekommen?”

In die Pilze

In die Scheidenpilze. Und was zur Hölle ist ein Pilzkatapult?

Es ist wie ein Unfall, ich muss weiterklicken. Während ich noch über den mangelnden Ekelfaktor der Antworten enttäuscht bin, wird mir bewusst, dass ich prokrastiniere. Und, ha: Ich habe euch nun schon zwei Absätze weit in meine Übersprungshandlung – Flucht – hineingezogen.

Analog zur ernüchternden Outdooraktivität der Anderen wollte ich nämlich in die Dialoge gehen (und nicht in die Prokrastination, däng!). Ihr erinnert euch, ich wage seit, äh, gestern oder so den ein oder anderen Versuch, außerhalb meiner eigenen vier Wände an meinem (größtenteils imaginären) Buch zu schreiben. Ich habe bereits gelernt, dass ich mich nicht konzentrieren kann, wenn ich mit mir allein bin, und dass die besten Dialoge echt sind. Es ist wahr: Was die Leute so sagen, kann man sich einfach nicht ausdenken! Aus diesen Gründen gehe ich inzwischen raus, um den Hipstern die Worte aus dem Mund zu klauen und sie zu meinen zu machen. Dann habe ich nämlich wenigstens etwas geschrieben, wenn schon das mit der Konzentration, oh, Schmetterling!

Ich steuere dabei selbstredend bewusst die Orte an, über die ich mich einst so aufregte, so auch heute. Doch, ach! Kültürzeit – leer. Conmux – auch leer. Verflixt, wo sind die Hipster, die Touristen, die Kaffeeklatschtanten, wenn man sie mal braucht? Warum sind sie nicht in ihren Hotspots, zum legeren Brunch und nonchalanten Netzwerken? Die Simon-Dach-Straße hielt ich ja immer für eine sichere Sache. Frustriert laufe ich die leere Straße weiter hinauf. (Ob die alle in die Pilze gegangen sind?). Im Kuchenrausch gebe ich dann auf und nehme Platz. Jedes Mal, wenn jemand in meine Nähe kommt, nehme ich hoffnungsvoll – aber nicht zu hoffnungsvoll – Notiz. Nix. Niemand will in meiner Nähe sitzen. Ob sie es ahnen? Selbst der freunliche Kellner spricht nur das Nötigste mit mir. Ich stopfe ein unglaublich zartschmelzendes Stück Fudgetorte mit dem passenden Namen “Black Magic Nougat” in mich hinein und verlasse frustriert das Lokal. Friedrichshain: 2, Lotte: 0.

PS: Das ist nun schon wieder so evasiv wie meta: Ich schreibe über das Schreiben, um nicht zu schreiben. Nicht an meinem Buch, das es gar nicht gibt, zumindest.

PPS: Es tut mir sehr leid, aber ihr habt gerade meine Flucht ins Nichts gelesen und eure Zeit verschwendet. Ich schulde euch acht Minuten eures Lebens. Andererseits schuldet euch eure letzte Zigarette ebenjene acht Minuten genauso. Raucht also einfach eine weniger und hört jetzt auf zu lesen! Sofort! Es wird nicht besser. Versprochen. Außer, ich höre auf zu schreiben. Jetzt.

Bildnachweis Featured Image (Pilze): Powerhauer (Own work) [CC-BY-SA-3.0], via Wikimedia Commons

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