Wat gemacht

Dann ist es soweit, das kulturelle Pflichtprogramm steht auf der Tagesordnung. Angkor Wat. Wir waren bereits am Vortag nachmittags mit Florians Moped hingefahren – allerdings mit mittelmäßigem (lies: ohne) Erfolg. Mein Reisefüher sagt nämlich, dass der Zugang zum Gelände ab dem Nachmittag keinen Eintritt mehr kostet und man doch unbedingt den Sonnenuntergang auf Phnom Bakheng verbringen müsse. Außerdem wollten wir uns Eintrittskarten für den Folgetag kaufen, um nicht morgens um 4 Bastard Uhr 30 Schlange stehen zu müssen. Wir erreichten die Ticketstation auf halber Strecke zwischen Stadt und Tempelanlage gerade so, als es anfing Wasserfälle zu schütten. Bäm, die Wolken öffneten sich und luden Sturzbäche über uns ab. Asienstyle. Da standen wir also mit den freundlichen Menschen in Uniform und unterhielten uns über Mopeds, Ronaldo und Beckham. Bei Uniformen fällt es mir ja oft schwer, einen kleinsten gemeinsamen Nenner auszumachen. Kurz zuvor hatten wir dieselbe Wettersituation bei einer kleinen Tour durch Siem Reap schon einmal und machten auch da artig eine Pause am Straßenrand. Wir lernen ja dazu.

Die herunterkommenden Sturzbäche beseitigt der Herr links im Bild lässig mit der Kehrschaufel. An einen random Ort hinter sich. Bestimmt verstehe nur ich hier den Sinn nicht.

Das Regenwasser beseitigt der Herr links im Bild lässig mit der Kehrschaufel. An einen random Ort hinter sich. Bestimmt verstehe nur ich hier den Sinn nicht.

Anyhoo. Nach einer halben Stunde am Ticketschalter vor Angkor Wat strahlte die Sonne wieder, als wäre nichts gewesen, und wie durch Zauberei war ratzfatz alles trocken. Klimazauberei halt. Jippie, Erderwärmung. It’s magic.

Angkor Wat, Angkor Thom und Co. sind Weltkulturerbe und entsprechend viel Geschichte birgt der Komplex. Die weniger Informierten kennen einige Bilder des Tempels Ta Prohm zumindest aus Tomb Raider, wo Angelina Jolie als sexy Lara Croft über die Ruinen flitzte. Ich spare euch an der Stelle die vorbereitende Bildung und nehme euch direkt mit.

Wir kamen natürlich wetterbedingt zu spät und durften nicht mehr auf den Tempelberg hinauf, um den Sonnenuntergang anzusehen. Ein wenig Hintergrund lindert die Enttäuschung: Es dürfen immer „nur“ 300 (!) Menschen (!!) gleichzeitig (!!!!!!!) auf den armen, alten Ruinen von Phnom Bhakeng herumstehen. Obendrein brechen sich wohl haufenweise Touristen beim Abstieg im Dunkeln die Beine. Na klar, guckste Sonnenuntergang, isses beim Abstieg finster. Bei der Aussicht auf hunderte Touristen kam ich wieder zu Sinnen und war sehr, sehr dankbar, mich nicht zwischen 299 Leute pressen zu müssen, um einen Blick auf einen eventuell roten Himmel über Angkor Wat zu erhaschen. Lieber fuhren wir stattdessen eine erste Runde über das riesige Gelände um Angkor Wat, das wir am Folgetag in Ruhe erkunden wollten.

Angkor Wat am Spätnachmittag

Draußen vor den Toren: Hinter dem Wassergraben liegt Angkor Wat.

Ein Baumgesicht im Dämmerlicht

Auch gut: Wir finden ein Baumgesicht im Dämmerlicht…

...und ratzfatz war es finster.

…und die aufkommende Finsternis beim Heimweg am Außentor der (ehemaligen) Stadt Angkor Thom.

Am nächsten Morgen dann der neue Versuch. Als wir in Siem Reap aufbrechen, ist es kurz vor 5.00 !#*+$§“!* Uhr früh und noch dunkel. So richtig gut im Timing sind wir damit nicht mehr, und so heizen wir mit dem Moped gegen die aufgehende Sonne an. Das zu schaffen ist natürlich superdupermegawichtig, denn in ungefähr jedem Reiseführer steht, dass Angkor Wat bei Sonnenaufgang besonders atemberaubend sei. Wir überholen eine sehr, sehr lange Ameisenstraße an mit Touristen vollgepackten Tuk Tuks, die alle dieselbe „Idee“ haben, und schaffen es zum Tagesanbruch gerade so an die Außentore Angkor Wats. Dort machen wir eine Handvoll (lies: zig exakt gleiche) Bilder und schlurfen dann ziemlich müde über die steinerne Brücke zum bekanntesten der zahlreichen Tempel, Angkor Wat.

Wir so mit Blick auf das Westtor (mittig im Bild)  Angkor Wats (die Zipfel da rechts). Dahinter geht die Sonne auf.

Wir so mit Blick auf den Westeingang (mittig im Bild) Angkor Wats (die Zipfel da rechts). Dahinter geht die Sonne auf.

Direkt vor Angkor Wat offenbart sich uns das erste touristische Highlight: die weltberühmte, veralgte Pfütze mit den drei Seerosen, vor der man als guter Tourist Angkor Wat in der aufgehenden Sonne ablichten muss (vgl. alle Reiseführer und travel blogs). Weil besonders schön. Ich mache derweil ein Bild von den Touristen, die immernoch da stehen. Auch das ist nicht besonders originell, aber was will man machen. An so einem Ort wurde bereits alles fotografiert.

Der weltberühmte See mit den blühenden Seerosen, in dem sich Angkor Wat vor dem Sonnenaufgang anmutig spiegelt.

Die weltberühmte Perspektive auf den Tempel: oben genannter See mit seien zart blühenden Seerosen, in dem sich Angkor Wat zum Sonnenaufgang anmutig spiegelt.

Und die Leute, die genau dieses Foto machen. Vielleicht mit ein bisschen mehr Sonnenaufgang. Well!

Und der Rest der Leute, die genau dieses Foto machen. Vielleicht mit ein bisschen mehr Sonnenaufgang. Well!

Gleichzeitig geht es hier nicht um das abertausendste Foto, sondern darum, sich vorzustellen, was hier mal los war, als die Tempelanlage noch eine Stadt war und hier Händler, Reisende und Bürokraten rumwuselten oder was hier über die Jahre mit wechselnden Regimen vor sich ging. Ohne spirituell werden zu wollen, es ist wirklich ein spannender Ort mit atemberaubender Geschichte. Wer die Steine und Statuen etwas genauer anschaut, kann sich von ihnen viel erzählen lassen. No shit!

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Angkor Wat.

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Ruhe vor dem Sturm im Hof von Angkor Wat

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Reliefdingens an der Tempelmauer

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Immer wieder finden wir im Inneren diese kopflosen Statuen. Man sagt, sie wurden von den Khmer Rouge enthauptet, weil: Religion.

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Säulengänge sind sexy. So aufgeräumt und gradlinig. OCD lässt grüßen.

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Reliefarbeit an der Tempelmauer. Höhö, Rorschach für Fortgeschrittene.

Wir durchlaufen den Tempel Angkor Wat, der noch angenehm leer ist (checken wohl noch alle ihre Sonnenaufgang-Fotos auf ihren Kamerabildschirmen). Am meisten irritiert und fasziniert uns dabei, dass man hier einfach in den Tempeln herumlaufen, alles anfassen und auf den Jahrhunderte alten Bauwerken herumklettern kann. Dabei laufen hier jährlich Millionen Touristen durch, Tendenz weiter steigend. Unweigerlich denke ich an die Kühlschränke, die unsere Großeltern einst kauften (die keinen Selbstzerstörer eingebaut hatten und ewig hielten). Bombenvergleich, jaja und sorry. Es ist einfach schweineheiß die ganze Zeit, wer denkt da nicht an Kühlschränke? (Am Rande bemerkt: Mir ist bewusst, dass hier wird laufend und sehr aufwendig restauriert wird – dennoch ist die Haltbarkeitsdauer beeindruckend.)

So sieht das nämlich auf den Rückseiten aus. Wuselwuselrestaurierrestaurier!

So sieht das nämlich auf den Rückseiten aus. Wuselwuselrestaurierrestaurier!

Oft bin ich ganz allein in den langen Säulengängen und den kühlen, dunklen Räumen. Die Atmosphäre, die von von diesem Ort ausgeht, ist faszinierend – es ist, als ob man kurz allein mit der langen und wechselhaften Geschichte sei. Das ist jetzt ein bisschen schräg, aber ich erspare es euch nicht: Man spürt beim Durchlaufen an vielen Stellen, dass hier nicht nur Gutes passiert ist. Trotzdem erden die gigantische Größe des Tempels und die Ruhe, die die Steine ausstrahlen. Klingt hippiesk? Geht es ausprobieren.

Doch zurück in die dunklen Räume Angkor Wats: An einigen Stellen sind kleine Schreine aufgestellt, neben denen Kerzen und Räucherstäbchen brennen. Als ich vor einem davon Halt mache, erscheint aus dem Nichts und völlig geräuschlos ein Mann in Mönchskutte, der mich mit seinem eisigem Hauchen und mit bohrendem Blick fürchterlich erschreckt, nur um mich daraufhin überzeugen zu wollen, for good luck Räucherstäbchen zu kaufen. Ich bin aufrichtig begruselt und husche schnell weiter. Und nebenbei, Räucherstäbchen kaufe ich nicht mal im Tempel!

Der Schrein, an dem mich der Geistermönch bis ins Mark erschrak.

Der Schrein, an dem mich der Geistermönch bis ins Mark erschreckte.

Insgesamt verbringen wir einen langen Tag in absurder Hitze schmelzend auf dem riesigen Gelände. Als uns der Sprit ausgeht, machen wir einen Umweg durch eines der weniger besuchten Eingangstore der Tempelstadt Angkor Thom in Richtung West Baray, den künstlich angelegten See außerhalb des Geländes.

Eine richtige Tankstelle! Woah!

…und finden eine richtige Tankstelle! Gönn dir, kleines Moped!

Später werden wir auch noch das vierte Eingangstor aufsuchen, das ebenfalls nicht auf der Standard-Besichtigungsroute liegt. Und tatsächlich sind dort keine Touristen. Im Gegenteil: Dort findet gerade ein Fashion-Fotoshooting statt. Bei! Der! Hitze! Ich beneide das stark geschminkte Model im langen, weißen Kleid wahrlich nicht (ist klar, oder: Make-Up zerläuft, Haare und Klamotten kleben, Weiß wird durchsichtig, Schweißflecken… Glamourfaktor maximal mittelhoch).

Fotografie-Fotografie! Könnte voll meta sein, wenn das Handybild nicht so mies wär.

Fotografie-Fotografie! Könnte voll meta sein, wenn das Handybild nicht so mies wär. PS: Seht ihr, wie auch hier das Außentor mit Gesichtern bestückt ist, die in alle Richtungen schauen und wachen?

Zurück auf dem Gelände kämpfen wir uns weiter vor von Tempel zu Tempel. Die Hitze ist wirklich herausfordernd, und inzwischen knallt uns die Mittagssonne auf die Schädel. Wir fahren auch Strecken von 100 Metern Entfernung mit dem Moped, weil: Fahrtwind. I <3 Fahrtwind! Fahrtwind lohnt sogar die Verbrennungen am Hintern, die der schwarze, in der Sonne instant-erhitzte Mopedsitz mit jedem Aufsteigen bereithält. Das bleibt nicht unbemerkt (das mit dem Moped, nicht das mit den verbrannten Hintern): Unter jedem Baum, an dem wir halten, schauen die dort stehenden Tuk Tuk-Fahrer mit finsteren Mienen in unsere Richtung und stecken dann die Köpfe zusammen. Wir wissen Bescheid: In Siem Reap dürfen Touristen nämlich keine Mopeds leihen, da sonst die Tuk Tuks kein Geschäft mehr hätten, munkelt man. Well, ätschbätsch. Wir sind sehr dankbar dafür, uns frei bewegen zu können und auch kleine Wege abseits der klassischen Tempeltour zu erfahren. Hier wird weniger restauriert und man erzählt, hier gäbe es überall Landminen.

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Abseits: Haus mit Garten

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Abseits: Tempel mit Talblick

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Abseits: So könnte es von Anfang an aussehen, wenn ich ein Haus bauen würde. Hier eher ein Fall von viele Hundert Jahre alt.

A propos abseits, auf dem Gelände sollte man sich lokalem Hörensagen zufolge abends nicht mehr herumtreiben. Denn hier hausen nicht nur die Armen ohne Obdach, es ist auch Treffpunkt und Wirkungsort von Gaunern, Verbrechern und Kunstdieben. Anscheinend werden hier so viele Figuren geklaut und über Vietnam in die Welt verhökert, dass man die wichtigsten Stücke des Weltkulturerbes bereits freiwillig abgeholt, in Phnom Penh eingelagert (oder halt “eingelagert”) und durch Betonimitate ersetzt hat. Sagt mein Reiseführer. Das betrifft allerdings nicht die Figuren (oder gar ihre Imitate?), die hier noch mit abgeschlagenen Köpfen herumstehen – das nämlich waren die Khmer Rouge, die sämtliche Statuen enthaupteten, weil: Religion. Eine hab ich noch:

Kopflos

Kopflos

Das Grauen ist dort auch heute noch präsent. In der Expat-Community erzählt man sich zum Zeitpunkt unseres Besuchs aktuell vom Fall eines ermordeten kanadischen Dokumentarfilmers. Im Zuge dieser Geschichte hören und lesen wir von Morddrohungen gegen vermeintliche Mitwisser und deren Flucht in knastähnliche Einrichtungen in Phnom Penh, die von Söldnern zum Schutz bedrohter Menschen betrieben werden. Das heißt, wenn du dich fürchtest, kannst du dich im Söldnerknast einsperren und bewachen lassen. Beklemmend. Die Geschichte wird bei mir noch lange ein mulmiges Gefühl von Bestechlichkeit und interessenorientierter Politik (lies: Pseudoermittlung, Vertuschung usw.) hinterlassen. Vielleicht ist aber auch alles ganz anders.

Für ein Happy End gibt es hier nochmal eine Handvoll Fotos von Steinen:

Phnom Bakheng. Die Tempelfotos sind im Kürzungsprozess rausgeflogen (staunste, ja, war aber vorher noch länger!), dafür gibt es aber Fotos von vor dem Berg und von der Aussicht runter. Bitte:

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Am Fuße des Hügels. Der Elephant trägt jeden Tag haufenweise Touristen hoch zu Phnom Bakheng. Arme Wurst!

Aussicht von Phnom Bakheng im Morgenlicht. Läuft bei uns!

Aussicht von Phnom Bakheng im Morgenlicht. Läuft bei uns!

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Die Sicht von Phnom Bakheng auf Angkor Wat. Nochmal, weil schön.

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Phnom Bakheng

Angkor Wat:

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Angkor Wat von draußen

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Hinter den Toren Angkor Wats

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Relief mit Brüsten

Terrasse des Leprakönigs:

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Auf der Terrasse des Leprakönigs: Arm ab, aber Hand dran. Und ja, Mann trägt Kopfnuss.

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Des Leprakönigs Terrasse

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Detailarbeit an der Terrassenmauer

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Elefantis! (Terrasse des Leprakönigs)

Uh. Namen vergessen. Sachdienliche Hinwise und so…

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Von unten noch Stairway to Heaven, von oben ein Alptraum. Rauf war leichter.

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Danger! Herumliegende Steintiere!

In und um Ta Prohm:

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How to temple for beginners

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Ta Phrom. Hier hat die Natur noch alles im Griff.

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Ta Phrom. Nochmal. Weil so schön!

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Hinter die Mauer ist ein bisschen wie unter den Teppich…

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Baum, Steine, Tempel

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Baum, Steine, Mutti

Noch ein Fall von Namen vergessen. Argh!

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Tarntempel

Bayon, einer der faszinierendsten Tempel dort.

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Bayon von außen.

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Bayon. Der Tempel der Gesichter.

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Bayon. Gesichter.

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Bayon. Gesichter.

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Bayon. Gesichter.

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Errrr… Dreier?

An den Wassergräben Angkor Thoms:

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Der Wassergraben rund um Angkor Thom ist gesäumt von Statuen, denen erst die Köpfe abgeschlagen und dann Replikate neu aufgesetzt wurden

Off topic:

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Äffchen bespaßen

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Das “Government of India” hilft auch mit.

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Und immer wieder Volleyball

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Palme. Erinnert mich ein wenig an…

den da.

..den da.

Genug!

Comments
2 Responses to “Wat gemacht”
  1. Brie Vernier says:

    Ganz toll! Schöne Bilder, noch schönere Erzählungen!

    Liked by 1 person

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