Fear and Loathing in Siem Reap, Teil 2

Siem Reap ist eine Kleinstadt von etwa 200.000 Einwohnern, die jährlich von Millionen Angkor Wat-Touristen heimgesucht wird. Natürlich werden auch wir Angkor Wat besuchen, aber es ist nicht der Grund unseres Aufenthalts. Wir sind hier, um mit Florian abzuhängen und gemeinsam Nichts und Alles zu machen, von voll insidrigen Insidersachen bis Alltagsaction. Im Zuge dessen schlägt er vor, den Markt Phsar Leu zu besuchen. Phsar Leu ist keine Touristenfalle, sondern ein ganz normaler Markt für ganz normale Locals. Klingt gut! Und zwar um fünf Uhr früh, wenn die Händler anfangen, ihre Stände aufzubauen und es noch nicht so knallheiß ist. Wir haben Bock. Mit jedem Mal, das wir darüber reden, rückt einer von uns dreien die avisierte Aufbruchzeit allerdings ganz nonchalant ein wenig weiter nach hinten. Schließlich verabreden wir uns in weiser Voraussicht für 7.30 Uhr, das sei ja auch noch ziemlich früh, und überhaupt, passt schon. Am Folgetag verlassen wir das Hotel um 8.15 Uhr und fluchen bereits nach den ersten Metern über die Hitze. Die Sonne brennt uns auf die Köpfe, die Straßen sind voll mit Mopeds und Tuk Tuks, auf dem Markt herrscht reges Getümmel, Wirrwarr, Gewusel, Durcheinander.

Wuselwuselwirrwirrtuuuuttuuuut!

Wuselwuselwirrwirrtuuuuttuuuut!

Wir stürzen uns hinein, und je tiefer wir ins Innere dringen, desto größer die olfaktorische Sensation. Vorbei an gerupften Hühnern, den obligatorischen frittierten Insekten und abgehackten Schweinefüßen navigieren wir in Richtung der Essensstände.

Sie leb(t)en.

Sie leb(t)en.

Maden: voller Proteine

Maden = Proteine

Ohne Worte.

Ohne Worte. (Ok, doch, PS: Dass das rechte Schweini noch guckt, bricht mir ja ein wenig das Herz. PPS: Das Schwein links schwitzt in etwa so viel wie ich.)

Mein Vegetariermagen hat sich bereits drei Mal umgedreht, als wir den Ursprung des betäubenden Duftgemischs finden: In offenen Tonnen wabert graues Püree. Es ist Prahok, eine salzige Fischpaste aus zerstoßenem, fermentierten Fisch, die in Kambodscha (und nur dort, komisch!) eine beliebte Delikatesse ist. Wir laufen schnell weiter, auf der Suche nach dem Nudelstand, auf den Florian schwört. Anders als auf größeren Märkten gibt es hier witzigerweise keine klar getrennten Warensektionen. So kommt es, dass wir vor einer Garküche zwischen einem Friseursalon und einem Metzgerstand Platz nehmen. Während wir exzellente, schupfnudelartige Bratnudeln frühstücken, zerhackt die Metzgerin einen Meter hinter uns unbeirrt Schweinehaxen, während wiederum einen Meter weiter ein Mann einen neuen Haarschnitt erhält.

Sieg, Nudeln!

Sieg, Nudeln! Mein Blick nach vorn.

Direkt hinter mir werden Schweine zerlegt, wiederum dahinter erhält ein Mann einen fetzigen Hairstyle.

Direkt hinter mir werden Schweine zerlegt, wiederum dahinter erhält ein Mann einen fetzigen Haarschnitt.

Mehr Markt:

Zusammensitzen, essen, klönen - und arbeiten.

Zusammensitzen, essen, klönen – und arbeiten. Und ja: Gewusel, Lichtverhältnisse und Co. überfordern meine Kamera massiv.

Frittierte Insekten

Mehr frittierte Insekten

Unterm Tisch ist die Welt noch in Ordnung.

Unterm Tisch ist die Welt noch in Ordnung.

Am späten Nachmittag checken wir noch kurz den inoffiziellen Nationalsport aus: Volleyball. Es sind fast ausschließlich junge Männer, die hier allabendlich Volleyball spielen. Drumherum eine Schar von Zuschauern aus potenziellen Mitspielern, Geschwistern, Freunden und Wettlustigen. Und uns. Andru, Florian, Maxime und ich sind die einzigen Langnasen hier. Ich bin obendrein die einzige Frau. Interessiert aber keinen: Wir fühlen uns willkommen. Während wir dem Ball beim Hin- und Herfliegen folgen, erinnere ich mein vergessen geglaubtes Trauma vom Volleyball, der einst beim Schulsport auf mein (ehemaliges!) Augenbrauenpiercing donnerte. Nur so erklärt sich meine immer dann steigende Nervosität, wenn der Ball schon wieder auf uns zufliegt.

Mit dem Rücken zum Spielfeld. Ich war schon entspannter.

Mit dem Rücken zum Spielfeld. Ich war schon entspannter. (PS: Radio Sunn Dead? Stünde ich in der Mitte und Florian auf dem Kopf, hieße es “Radio Dead Uuns”. Also fast “Radio Dead Ones“, hier teilweise personifiziert im Bild. Kryptisch? So bin ich.)

Am Abend gehen wir alle zusammen essen. Ein ganz toller Fakt zum Essen im Restaurant: Gehst du in einer Gruppe ins Restaurant, kriegen grundsätzlich alle nacheinander ihr Essen und niemalsnicht gleichzeitig. Das scheint ganz wichtig zu sein und wurde fast überall konsequent eingehalten. Anyhoo. Während wir essen, stellt Maxime eine These in den Raum: So, wie Frauen essen, machen sie auch Liebe. Ich halte kurz inne und frage mich, was er deduzieren will, wenn ich den Bissen weiterkaue, der gerade reglos in meinem vor Staunen offenen Mund weilt. Ob ich beherzter zubeißen soll oder lieber unzerkaut schlucken? Nicht so gierig alles hineinstopfen und herunterschlingen? Besser nicht kleckern oder doch ne Sauerei veranstalten? Geht es noch ums Essen? Die beiden anderen sind von Maximes These nicht überzeugt. Mir ist sie auch ein bisschen zu Freud.

Nach dem Essen führt Florian uns in die Tuk Tuk-Bar, die inzwischen Soul Train Bar heißt und abseits des Touristenmolochs “Pub Street” liegt. Der Name Tuk Tuk-Bar rührt noch aus Gründungstagen, als ein Tuk Tuk am Straßenrand als Bar diente, an der sich Siem Reaps Tuk Tuk-Fahrer nach Feierabend trafen. Die hauptsächlich von Locals und einer Handvoll Expats frequentierte Bar liegt in einer kleinen Seitenstraße zwischen Old Market und Sok San Street und ist total charmant. Wir werden aufs Wärmste von Hong begrüßt, dem Besitzer der Bar. Er hat anscheinend Langeweile und stellt kurz nach unserer Ankunft auf einem Tisch an jeder Seite je drei mit Bier gefüllte Becher auf. Trinkspiel, oi! Florian und Andru lassen sich ein wenig bitten, treten dann aber an. Zackzackzack werden die Becher geleert, der geübte Andru gewinnt das Ding recht lässig. Als Preis erhält er – hochkonsequent, finde ich – eine Flasche Whiskey, die er daraufhin mit allen Anwesenden teilt. Lokalrunde, weeeee! Hong bespaßt uns unterdessen mit einem musikalischen Rahmenprogramm von den Buzzcocks bis Vivaldi. Pure Begeisterung! Zwischendrin lässt er alle Gäste auflegen und hat augenscheinlich großen Spaß daran, sich so neue Songs zeigen zu lassen. Sweet!

Saufcontest in der Tuk Tuk Bar. #nofilterjustalcohol

Saufcontest in der Tuk Tuk Bar #nofilterjustalcohol

Wir ziehen weiter in die Karma Bar, die ein regelrechtes Kontrastprogramm bietet (sieht man von Suff als Gemeinsamkeit mal ab). Die Karma Bar ist Kneipe für Expats, von einem Expat geführt. Lee war, so erzählt man es sich, der erste Pro Skater Englands, bevor er in die weite Welt hinauszog und sich irgendwann auf der Sok San Road niederließ und die Karma Bar öffnete. Böse Zungen munkeln, er sei immer betrunken. Selbst wenn! Florian stellt klar: Hier kann man ein Geschäft auch in konstantem Suff führen, no problemo. Die Expats halten das Ding schon am Laufen. Und tatsächlich, der Laden mit den geschätzten acht Sitzplätzen ist gefüllt mit zugezogenen Westlern, und laufend kommen neue dazu. Natürlich kennen sie sich alle, und wie überall erzählen sie sich den neuesten Tratsch aus der Szene, stellen sich einen rein und gehen am nächsten Tag wieder in ihre jeweilige NGO zur Arbeit. Fakt am Rande: In Siem Reap arbeitet jeder Expat in einer NGO. Ich schwör!

Irgendwann haben auch wir genug und nehmen ein Tuk Tuk nach Hause. Nach vollendeter Fahrt streckt der Fahrer den Kopf zu uns hinein und fragt mit schelmischem Grinsen: „Wanna get high?“ Errr, nein. Danke. Dass sie fragen, scheint jedoch üblich, klären uns Florian und Maxime auf. Die meisten Tuk Tuk-Fahrer haben Nebeneinkünfte, meist in Form von Provisionen. Gern bieten sie Touristen „besondere“ Attraktionen an, z. B. Schießen mit scharfen Waffen aus einem Arsenal von liegengebliebenem Kriegsgut wie Revolvern, Granaten, Kalaschnikovs oder Flammenwerfern. Die Steigerung davon ist das Schießen auf lebende Kühe etwas außerhalb der Städte. Alternativ kann man aber auch einfach Drogen kaufen – oder natürlich Mädchen, errr, Frauen. Maxime weiht uns in seine Antworttaktik ein: Bietet ihm ein Tuk Tuk-Fahrer ein Mädchen an, sagt er ihm: „In your next life you will be the girl!“ Bäm!

Mehr Fear and Loathing in Siem Reap folgt. Ist noch ein bisschen was übrig. Löve!

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2 Responses to “Fear and Loathing in Siem Reap, Teil 2”
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  1. […] Und immer wieder Volleyball […]

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  2. […] das eine Gericht geben, das sie verkauft. Maxime haut beim Essen einmal mehr eine Weisheit heraus (Essen scheint ihn zu inspirieren). Diesmal trifft es Soya. Auf Florian deutend raunt er ihr wissend zu: “Because you are a […]

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