Fear and Loathing in Siem Reap, Teil 3

Es kehrt eine gewisse Alltagsruhe in unseren Aufenthalt in Siem Reap ein, also beschließen wir, mit den Mopeds einen Ausflug ins Umland zu machen.

Der erste Halt führt uns in eine Siedlung, in der schlagartig alle verfügbaren Kinder wild um uns herumwuseln. Ein kleines Mädchen nimmt meine Hand und lässt nicht mehr los. Habe ich gerade ein Kind bekommen? Sie machen Gesten, dass wir sie fotografieren sollen, posen wie alte Profis. Danach halten sie die Hand auf. Wie alte Profis.

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Gewiefte Poser

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Kinder. Zum Behalten!

Schulmädchen!

Schulmädchen! Das Mädchen rechts im Bild dreht sich nach Florian um, der soeben aus dem Foto läuft.

Etwas außerhalb finden wir einen Tümpel und noch mehr Kinder. Als wir näherkommen, sehen wir, dass die Älteren mit den Händen im Wasser nach etwas zu suchen scheinen, während die Jüngeren sich von einem Erdhügel ins Wasser stürzen, kreischen und wild toben. Ein Mädchen erklärt uns, dass sie hier nach kleinen Fischen und Schnecken suchen, die sie dann verkaufen. Pro Stunde holen sie angeblich fünf Kilogramm an Mini-Fischen aus dem Wasser. Soya erklärt uns, dass die Fische, die zu klein zum Sattmachen sind, zu Fischpaste gestampft werden – der wohlriechenden Nationaldelikatesse Prahok.

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Zu klein, um gegessen zu werden, aber zu groß für eine Begnadigung.

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Fischis. Mein Vegetarierherz blutet, auch wenn mein Verstand weiß, dass die Menschen hier nicht viele Möglichkeiten haben.

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Hochkonzentriert beim Fischfang

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Mit Fischnetz sind die 5kg/Std. schon realistischer.

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Wieviele Kids braucht es, um ein Netz auszuwerfen?

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Im Wasser toben. Kann ich relaten.

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Ob das tief genug ist?

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Rückenplatscher. Muss wohl tief genug sein. Oh, mein Kreuz, bei dem Gedanken schon.

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Zwergenwerfen!

Wir fahren weiter und entscheiden, im Kinderheim einer NGO vorbeizuschauen. Soya unterrichtet hier Englisch, und irgendwie ist sie auch Mutti für alle. Als wir ankommen, schwirrt sofort ein Schwarm Kinder zwischen vier und 14 Jahren um uns herum. “How old are you?” “What’s your name?” “Where are you from?” “How long do you stay?” “Do you have sisters or brothers?” “Are you married?” Ihr Englisch ist überdurchschnittlich gut. Als ich ihnen erkläre, dass ich, err, ein gewisses Alter erreicht habe und unverheiratet bin, schweigen sie betreten. Ich glaube, sie haben Mitleid. In Kambodscha heiratet man eben früh, und wer mit 25 noch nicht unter der Haube ist, ist ein schwieriger Fall. Sie hören auf zu fragen und nehmen uns lieber die Kameras ab. Während die Kiddos alles fotografieren, was ihnen vor die Linse kommt, führen Soya und eines der Mädchen mich über das Gelände. Sie erklären mir, dass hier zwölf Mädels und acht Jungs wohnen, die aus armen Familien kommen und hier außerdem kostenlos Englisch lernen. Für alles weitere gehen sie in die Schule im Dorf. Ihr Tag beginnt morgens um 5.00 Uhr frühs mit dem Weg zur Schule, danach geht es zurück ins Heim, kurze Siesta, Englisch lernen, Fußball oder “Tennis” (lies: Federball) spielen, Schicht im Schacht. Um 19.00 Uhr wird geschlafen. Die Schlafsäle sind zweckmäßig und karg, einige Kids haben sich ihre Nischen im Bett mit ein paar Habseligkeiten geschaffen. Wir spielen und machen Quatsch zusammen, kurz ist alles gut.

Hier, die Welt aus den Augen der Kids:

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In your face

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Hängen in der Hängematte

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Das Mädchen ist 13 und kann garantiert schon Moped fahren.

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Manche werden NIE müde. Toller Typ!

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In your face, die Zweite. Auch der wird nie müde.

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Victory Heil?

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Bilder checken.

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Fotobomb für Anfänger

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Ja. Das ist mein seliges Gesicht. Seht ihr wahrscheinlich zum ersten Mal.

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Ich sehe auf einmal so groß aus. Cool.

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Buh!

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Einer der Schlafsäle aus Zwergenperspektive

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Die Küche

Als am Horizont Wolken aufziehen, müssen wir aufbrechen – sonst kriegen wir mit den Rollern auf den Dirtroads zurück Richtung Stadt Schwierigkeiten. Die Kids winken wild, wollen nochmal umarmt werden und mir wird klar, dass eine Ablenkung wie unser Besuch hier nicht unbedingt täglich vorkommt. Die meiste Zeit bespaßen sie sich gegenseitig, und zumindest in der Zeit, in der wir da waren, waren wir die einzigen “Erwachsenen” vor Ort. Mein Herz wird schwer, als sie immer wieder “See you soon!” rufen.

Wir fahren durch winzige Dörfer am Straßenrand zurück gen Siem Reap, vorbei an winkenden Kindern, lächelnden Muttis und zahlreichen, mageren Rindern, die angekettet am Straßenrand abhängen. Die Szene ist überall recht ähnlich: ein bis zwei hagere, in die Jahre gekommene Rinder liegen vor einer kleinen Holz-/Strohhütte, in der alle verfügbaren Generationen einer Familie wohnen, die eventuell ein kleines Warenpotpourri und ein paar Flaschen abgefülltes, gestrecktes Benzin an Vorbeifahrende verticken.

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Vor uns: Soya und Florian. Hinter uns: die Wetterfront.

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Neben uns: Kids am Straßenrand. Und immer wieder das Hallo-Victory. Sieg Hallo quasi. Chrchrchr.

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Wetter in Sicht.

Wir sind nicht schnell genug. Kurz vor Siem Reap kommen wir in den Regeng(en)uss. Wir halten an einer verwaisten Tankstelle und trinken eine Kokosnuss, während die Wolken sich über uns auskippen. Weltuntergang light – wir sind es gewohnt und warten, bis wir weiterkönnen.

Später treffen wir auf Maxime und fahren gemeinsam zur 60 Road, einem Nacht-/Jahrmarkt. Bei Tag fliegt hier ein Büschel Stroh durch die Szenerie aus stillgelegten Verkaufsständen, Schieß- und Losbuden. Bei Nacht erwacht die Straße zum Leben, alles blinkt (YAY!), glitzert (YAYYY!) und ist voller Menschen (NAYYYY!). Sie sitzen auf dem Boden um die zahlreichen Street Food-Küchen, drängen sich über die Straße oder hängen an den Schießbuden herum. Die Jugendlichen treffen sich an der Autoscooterbahn. So unterschiedlich sind wir nämlich gar nicht. Außer, dass die Kids hier auf ihren Mopeds sitzen, während sie auf die Autoscooter schauen. Ein absurdes wie witziges Bild. Florian bestätigt, dass sich hier am Wochenende die gesamte Dorfjugend versammelt. Und er erzählt, dass anders als in der Westwelt Berührungen zwischen den Geschlechtern (sorry, unbeabsichtigter Schenkelklopfer) in Kambodscha verboten sind. Überhaupt hat Anfassen hier eine ganz andere Bedeutung: Man fasst sich gern und viel freundschaftlich an, umarmt, betatscht und herzt sich ständig, aber nienienie innerhalb einer Beziehung oder einer Ehe. Zumindest nicht öffentlich. (Macht keinen Sinn? Dann macht es Sinn. So geht Asienlogik für Anfänger.)

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Watching the auto scooter from the scooter. Asienlogik!

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60 Road , Stand mit Delikatessen der Khmer-Cuisine

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Das, Freunde, ist ein Schießstand. No kidding.

Wir durchlaufen den Markt und landen schließlich bei der einzigen Straßenküche mit vegetarischem Essen. Wir setzen uns auf den Boden neben die Frau mit dem Kochtopf und lassen uns das eine Gericht geben, das sie verkauft. Maxime haut beim Essen einmal mehr eine Weisheit heraus (Essen scheint ihn zu inspirieren). Diesmal trifft es Soya. Auf Florian deutend raunt er ihr wissend zu: “Because you are a complicated person he understands you very well.” Bäm. Aber das war erst der Auftakt. Er löchert Soya fortan mit Fragen: Ob sie gewählt habe und was überhaupt, die Königspartei? Und wen haben ihre Eltern gewählt? Wie gern hat sie ihre Brüder, so auf ner Skala von 1 bis 10? Da kennt er nix, der Bub! Ich trinke einen Schluck meines eiskalten Bieres, lehne mich zurück und freue mich über die Szenerie.

Was für ein schöner Tag das war.

Hier, mehr Fotos für alle, die es bis hier geschafft haben:

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Manche Dinge kann man nicht untertiteln.

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Tankstelle

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Das Dorf und seine Kinder.

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Blick von der Veranda

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Der Mann und das Schaf

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Kind am Straßenrand

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Unterwegs

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Kinderwagen

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