Yangon: I don’t want to be buried in a war cemetery

Yangon. Ich stehe an einer großen Kreuzung irgendwo im Westteil der Stadt (näher lässt es sich mit meiner “Karte” nicht eingrenzen). Die Straßen sind voller sich mühsam im Schritttempo vorwärtsbewegender Autos, die Luft – oder das, was der Smog davon übrig lässt – steht. Die Sonne brennt mir auf den Schädel, mein Körper ist längst von einer Schicht aus Staub und Dreck überzogen und mit jedem Atemzug sauge ich eine Mischung aus Hitze und Abgasen auf. Es atmet sich trocken, heiß, staubig und benzinig. Es ist ein Freifahrtschein zum Ketterauchen: Bei all dem, was man hier einatmet, kommt es auf 30 Kippen mehr oder weniger nicht an.

Jedes vierte Auto, das sich auf der vollen Straße an mir vorbeischiebt, ist ein Taxi. Diverse habe ich bereits erfolglos versucht heranzuwinken, sechs Fahrer haben angehalten, keiner wollte mich mitnehmen. Und das in Südostasien, jenem Teil der Welt, in dem die Taxifahrer Meister der Akquise sind, wo sie für gewöhnlich unaufgefordert im Schrittempo an dich heranfahren, hupen und fragen, ob sie dich mitnehmen dürfen. Irgendetwas läuft hier falsch. Die Taxifahrer hier winken nur ab, als ich mein Ziel nenne, und fahren ohne richtig gestoppt zu haben wortlos weiter. Einer erklärt wenigstens noch: “Low gasoline!” Ich bin verunsichert. Nummer sieben, der anhält, winkt mich ran. “How much?”, frage ich und zeige auf meinen völlig zerfalteten, verschwitzten Zettel, auf dem das Ziel in Birmanisch geschrieben steht. “4.000”, antwortet er. Rund vier Dollar also für die gut 25 Kilometer Strecke aus der Stadt heraus. Ich verhandle nicht und steige ein, bevor er es sich anders überlegen kann.

Wir fahren zum Friedhof, genauer: zum Friedhof für tote ausländische Männer, dem Taukkyan War Cemetery.

Mein Fahrer kennt nur “stop” und “go”, was genau zwei Geschwindigkeiten bedeutet: 0 oder 70 Km/h. Entweder der Verkehr steht still, oder man gibt eben hart Gas für die 7 Sekunden, in denen nicht alles stillsteht. (So sehen übrigens auch meine Notizen aus.) Manchmal jagt der Fahrer das Auto dermaßen mit dem Gaspedal in den Kreisel, dass die Fliehkraft spürbar an uns zerrt. Die Reifen honorieren das mit extrem undezentem Quietschen.

Während mir von den stetigen Geschwindigkeitswechseln schlecht wird, beschleicht mich das Gefühl, dass hier noch etwas anderes nicht stimmt. Irgendwie kommt mir die Fahrweise des Autos merkwürdig vor, ich kann den Fehler jedoch nicht identifizieren. Dann dämmert es mir: Die Menschen fahren im Rechtsverkehr, benutzen aber weiterhin die Linksverkehr-Autos. Genau, die mit dem Lenkrad rechts. Alter! Ab dem Moment, in dem mir das klar wird, habe ich bei jedem Überholvorgang Angst. Schließlich schert der Fahrer ja immer auf gut Glück aus, ohne etwas zu sehen. Noch dazu wird hier grundsätzlich mehr überholt als geradeaus gefahren. I am doomed. Ich muss jetzt schlau sein und deduziere: Wenn jeder ständig überholt, sitzt man manchmal im überholenden und manchmal im überholten Fahrzeug. Folglich ist es gleich gefährlich, ob ich hinten links oder rechts sitze, also werde ich auf allen künftigen Taxifahrten nur noch mittig sitzen. Auf dem Katapultplatz, von dem man bei Vollbremsungen durch die Windschutzscheibe fliegt. Natürlich gibt es keine Sicherheitsgurte. Erwähnte ich schon, dass sie 0 oder 70 Km/h fahren, also ständig vollbremsen? Mir wird klar: In Yangons Autos gibt es keinen sicheren Platz. Bevor ich mich also weiter in Panik denke, schaue ich aus dem Fenster und lausche dem überdrehten K-Pop, der laut aus dem Radio schrillt. Der Fahrer will ja bestimmt auch nicht sterben, selbst wenn der Friedhof unser Ziel ist.

Richtung: Tod

Richtung: Tod

Später werde ich ergoogeln, dass der abergläubische Führer Ne Win in den 60er-Jahren die Fahrweise über Nacht von links auf rechts umstellen ließ. Offiziell wollte man sich von der ehemaligen Kolonialherrschaft abgrenzen. Es kursiert jedoch das Gerücht, ein Wahrsager habe Ne Win gesagt, dass die linke Seite gefährlich sei und er dort sterben werde. Der Rest ist Geschichte: Das Gesetz zum Rechtsfahren kam. Die Autos der Briten blieben. Neue Autos gab es wegen diverser Wirtschaftsembargos nicht, abgesehen von Schmuggelware aus Thailand, wo Linksverkehr herrscht. Well done!

Wir kommen aber an, ich schicke meinen Fahrer weg und überlege erst in dem Moment, wie zur Hölle ich von hier wieder in die Stadt kommen soll. Hier ist zwar vielleicht auch jedes vierte Auto ein Taxi – wenn halt mal ein Auto vorbeikäme. 4 x 0 ist immernoch 0. Ich bin im staubigen Niemandsland, zwischen ein paar Strohhütten, in denen ganze Familien wohnen und Chips, Wasser und Kippen verticken, und dem Friedhof. Das schiebe ich aber erstmal beiseite.

Taukkyan War Cemetery

Taukkyan War Cemetery

Myanmars größter Soldatenfriedhof ist durch und durch westlich und erinnert mich ein wenig an die Gärten preussischer Schlösser. Sagte ich eben noch was von staubigem Niemandsland? Der Friedhof ist eine Oase. Das Gras ist unnatürlich quietschgrün (und regelrecht getränkt in Wasser), als wolle man beweisen, dass man auch in Myanmar einen englischen Garten herrichten kann. Alle Elemente sind geometrisch aneinander ausgerichtet: Im Zentrum steht ein Säulenbau mit rund 27.000 eingravierten Namen Gefallener ohne Grab aus dem ersten und zweiten Weltkrieg. Dieser wird von langen Heckentunneln und kleineren Säulenpavillions ordentlich gesäumt, drumherum liegen die Gräber von 6.374 Soldaten auf parallelen Geraden in gleichen Abständen zueinander. Obsessiv-kompulsive Menschen können hier nicht nervös werden, ich schwöre. Und das ist auch schon das Problem: Es fehlt etwas. Es ist… zu aufgeräumt. Da. Ich habe es gesagt. Sogar die Toten sind nach Garnisonen und Religionen getrennt und schauen aus ihren exakt gleichmäßig nebeneinandergereihten, gleichen Grabsteinen in ihren jeweiligen Blöcken in eine gemeinsame Himmelsrichung. Und da fällt es mir wie Schuppen von den Augen. Es ist ein Soldatenfriedhof. Leben und Sterben in Reih und Glied, mit den Kameraden.

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Leben und Sterben in Reih und Glied

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Die Namen der Gefallenen ohne Grab

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Memorial Register

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Symmetrie, überall

Auf dem Friedhof liegen 867 unidentifizierte Soldaten. Umkehrschluss-Frage: Kann man sich bei den Identifizierten sicher sein? Am Ende ist es da auch wie bei den Babies im Krankenhaus, vielleicht wird schonmal was verwechselt.

Das Gartenambiente macht den Friedhof zu einem Naherholungsgebiet: Die Locals machen hier Feiertagsspaziergänge, ihre Kinder hüpfen zwischen den Gräbern durch die Sprenkelanlagen und freuen sich über die Abkühlung von der unbarmherzigen Hitze Myanmars. In den hinteren Pavillions finde ich verschämt kuschelnde Teenagerpärchen. Es sind diese Momente, die immer wieder beweisen: Irgendwie sind wir alle gleich, egal wo.

Spaziergänger auf dem Friedhof

Rest in peace gilt hier auch für die Lebenden: der Friedhof als friedlicher Ort der Erholung.

Ich schlendere gemächlich durch die Reihen und lese die Grabinschriften, bis ich auf einmal merke, dass es still geworden ist. Und tatsächlich: Ich bin allein. Wo sind die anderen alle hin? Ich mache mich auf zum Tor, wo der lachende Torwart mich herauslässt. Ich lache mit und bedanke mich. Sie haben mich nicht herausgeworfen, obwohl der Friedhof längst geschlossen hat. Ein Gefühl von Zufriedenheit flutet meinen Körper. Ich kenne es. Es heißt: Du bist nicht mehr in Deutschland.

Dass man über den Friedhof auch kürzer schreiben kann, zeigen diese zwei Reviews (gefunden bei Trip Advisor).

taukkyanreview

OMG! Keine Toilette auf dem Friedhof!

Urgh, hier wohnen arme Leute nebenan. Das ist irgendwie unangenehm!

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