Yangon: Wahr ist wahr und bar ist bar.

“Wanna know your fortune?” Im Vorbeilaufen höre ich den Mann sprechen und drehe mich kurz um. Er meint mich. Ich lache, winke ab und laufe ein paar Meter weiter. Doch in meinem Kopf rattert es längst, und mein Gehirn empört sich laut und deutlich: “Sag mal, bist du blöd?!”

Ich mache auf dem Absatz kehrt und gehe zurück zu dem unscheinbar gekleideten Mann: “Yes, I would like to know my fortune.” Jetzt sehe ich auch sein Office: einen geparkten Kastenwagen, aus dessen Kofferraum heraus der Wahrsager im Schneidersitz kauernd die Hände der Passanten liest. Sieht seriös aus! Leider ist sein englischsprechender Kollege gerade fort. So sitzen wir uns überfordert gegenüber, fotografieren uns gegenseitig mit unseren Smartphones und versuchen, mit Gesten und wirren Gesichtsakrobatiken die Sprachbarriere zu überwinden. Klappt nicht, unterhält uns aber beide ganz gut.

Der Kollege kommt zurück. Es geht los! Aufgeregt nehme ich auf dem Hocker am Straßenrand Platz. “One try 5.000 Kyat, two try 7.000!”, macht er mir seine Geschäftsbedingungen klar. Zugegebenermaßen scheint es verlockend, für zwei Dollar mehr einen zweiten Versuch zu kaufen, falls mir meine erste Fügung nicht gefällt. Gleichzeitig wirkt das Angebot spätestens ab jetzt nur noch semi-seriös, so dass ich lieber gleich nur fünf Dollar ausgebe.

Er legt los: “No luck if you travel west this year! Travel west very dangerous!”
Ich werde neugierig: “West in general or in this country?”
Er relativiert: “This country OK but no travel west outside this country! Very dangerous.”
Puh. Damit kann ich schonmal meinen Trip nach Sittwe antreten. Aber das genügt nicht. Ich insistiere nochmal: “But I have to travel west to go back to Germany!”
Er relativiert nochmal: “OK. But no travel west this month.”
Damit kann ich leben. Da sage nochmal einer, man könne beim Wahrsager nicht verhandeln.

Als nächstes erklärt er mir: “Your country and your heart are not together.” Alter, ich bin Punker! Tell me something new.

Aber so richtig kommt er nicht mehr aus sich heraus. Jetzt holt er die Standards aus der Tasche: Liebe und Karriere. Er schaut mich fast fragend an, als er sagt: “No luck with men! No will get married.” Ich vermute, das liest er weniger aus meiner Hand als aus meinen zahlreichen Rückfragen.

Auch ein Karrieretipp ist drin: “You have very good education, good career! You should work as a teacher, or in construction!” Errr, ja, genau. Ich stelle mir kurz vor, wie ich jemandem erkläre, wie man ein Haus, einen Flughafen oder eine Brücke baut. Wenn der Tag kommt, liebe Freunde, seid ihr verloren. (Ob die Bauherren des BER auch bei diesem Wahrsager waren? Würde so einiges erklären.)

Er ist fertig und schaut mich mit großen Augen an, im Blick eine Mischung aus Stolz und Unsicherheit. Fehlt nur noch, dass er fragt: “Na, wie war ich?” Ich bedanke mich und verabschiede mich höflich. Ich bin zwar Anfänger auf dem Gebiet, aber ich würd mal sagen, das lief ganz gut!

Mein Wahrsager. Was wahr ist, ist wahr und was bar ist, ist bar.

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