Yangon: Märtyrer und Revolutionäre.

“Miss, Miss!” Ich drehe mich um, ein Typ in Uniform hastet mir nach. “Foreigners must pay!” Anscheinend hat mich das fette Mausoleum so angezogen, dass ich vergessen habe, für mein Ausländerdasein zu bezahlen. Ich geb dem Staat sein Geld und laufe auf den imposanten Bau zu. Das “Martyr’s Mausoleum” ist nach völliger Zerstörung und über zwei Dekaden Sperre erst seit kurzem wieder für Besucher zugänglich.

Ein bisschen Hintergrund schadet nicht: Das “Martyr’s Mausoleum” wurde zu Ehren von Bogyoke Aung San und seinen Mitstreitern errichtet, die während einer Kabinettsitzung im Jahre 1947 kurz vor dem Ende der Kolonialherrschaft der Briten ermordet wurden. Doch es ist nicht nur Grabstätte der Märtyrer und Mahnmal für die Unabhängigkeit Burmas, sondern trägt auch die Erinnerung an ein anderes Ereignis: Während eines Staatsbesuchs im Oktober 1983 waren der südkoreanische Präsident Chun Doo Hwan und sein Gefolge hier zu einer Kranzniederlegungszeremonie geladen, deren friedlicher Ablauf durch ein Bombenattentat nordkoreanischer Agenten beendet wurde, die es auf den Präsidenten abgesehen hatten. Die Bilanz: 19 Tote, 47 Verletzte, drei fallengelassene nordkoreanische Agenten und empfindlich gestörte internationale Beziehungen. Und das ist nicht alles: Das Mausoleum wurde 1988 nach Aufbegehren der demokratischen Bewegung vom Militärregime geschlossen und erst Mitte 2013 wiedereröffnet. (Randnotiz für Bildungs- und Ordnungsliebhaber: Das Aufbegehren begann am 8.8.88 und heißt “8888 Uprising”).

Das ist durchaus harter Stoff, deswegen schnell zurück in die Realität. Die Sonne brennt, die Vögel zwitschern und ich bin froh, dass dieser Ort wieder zugänglich ist. So steuere ich schnurstracks auf das Monument zu. Außer mir befindet sich niemand auf dem Gelände. Dass ich stehenbleibe und ausdruckslos auf das Bauwerk starre, könnte ein Außenstehender locker als Ehrfurcht deuten – leider ist es vor allem krasse Verwirrung. Ich stehe vor der größten Skateboardrampe, die ich je gesehen habe. Auf ihr schläft ein Hund, den ich wohl gerade geweckt habe. Er schaut mich gleichgültig an und trollt sich.

Ceci n'est pas une half-pipe.

Ceci n’est pas une half-pipe.

Ich muss ob der grotesken Situation pietätslos in mich hineinglucksen und umrunde den Bau erstmal. Vielleicht gibt es hier ja irgendwo eine Infotafel, die mir beim Begreifen dieser monumentgewordenen Meisterleistung hilft? Fehlanzeige, Anzeige fehlt. Also mache ich ein paar Fotos gegen die Sonne und drehe dann eine weitere Runde um das Mausoleum. Dieses Prachtstück selbstbewusster Architektur fängt an, mir zu gefallen. Alles ist sehr gradlinig, klare Kanten und viel Beton rahmen das Mausoleum. Der stilsichere, gewählte Einsatz farblicher Akzente zeigt, wo der Propagandahammer hängt. Es ist ein tatsächlich sehenswert, halt auf eine weirde Art und Weise.

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Tafeln mit Inschriften der Namen der Getöteten.

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Fühle nur ich hier einen gewissen Transformers-Vibe beim Anblick des kantigen Betons?

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Dann wird hier alles betoniert, damit man nichts im Sand verliert…

Im Hintergrund die Quintessenz-Pagode Myanmars: Shwe Dagon Paya. Der Kontrast hat immerhin Mahnmal-Charakter. Das wiederum kenne ich aus in Berlin, wenn ich aus dem Holocaust-Mahnmal hinaus in die von Altbauten gesäumten Straßen trete.

Anscheinend verhalte ich mich jedoch nicht protokollkonform, denn ich merke, wie ein uniformierter Herr mir die letzte halbe Runde in sicherem Abstand semi-unauffällig gefolgt ist. Ich bin verunsichert. Da steht ne riesige, rote Skateboardrampe im Park, in dem sich keine Sau befindet und der verfolgt mich? W! T! F! Ich tippe mir ungläubig gegen meinen thematisch passenden Revolutionärshut. Zeit zu gehen.

Regierungs-Selfie. Man ist ja modern.

Nicht im Bild: der überproportional große “Jack Daniel’s”-Aufdruck auf meiner 1A-Gratismütze. Korrekt, ich bringe in den Urlaub nur Klamotten mit, die ich auch bereit bin zu verbrennen. Bettwanzen und so, wisster Bescheid.

Ich entscheide mich für das Kontrastprogramm und will als nächstes “Happy World” suchen. “Suchen” ist das Stichwort, denn wie sooft verirre ich mich. Aus mangelnder Orientierung lande ich in einem anderen Park. Scheinbar stehe ich wie ein ahnungsloser Trottel mitten im Weg, denn ein älterer Herr stoppt sein Fahrrad neben mir. “You know this park?” Ich will ihn nach Happy World fragen, verkneife es mir aber instinktiv. “No, can you tell me about it?”, frage ich stattdessen. Er kann: “This is Revolutionary Park!” Er deutet auf eine goldende Statue am anderen Ende des Parks: “General Aung San! Good man! Started revolution here.” Tatsächlich, da ist er. Den alten Aung San scheinen sie hier echt gernzuhaben. Er erzählt mir noch etwas von einem alten Baum, der da mit erhobenem Ast seit 60 Jahren auf einem Erdhügel mitten im Park steht. Ich bin mir nicht sicher, ob ich ihn richtig verstanden habe, fotografiere aber sicherheitshalber noch den Baum, bevor ich weiterziehe.

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Der güldene General.

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Der Mann und der Park.

Raise your Ast!

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