Bagan: Ankunft in der Steppe

“Hi, I’m Neil”. Im oberen Stockbett des Viererzimmers wälzt sich jemand und kurz darauf ragen Kopf und Oberkörper meines Bettnachbarn über das Geländer. Soeben habe ich mein Zimmer im Hostel nahe der historischen Königstadt Bagan bezogen, die inmitten Myanmars Steppenlandschaft am Irrawaddy-Fluss liegt. Mir dämmert: Mit dem Bett im Schlafsaal habe ich sozialen Kontakt gekauft.

Kurz darauf sitzen Neil und ich im Lokal und unsere Runde erweitert sich um Tanya und Richard. Natürlich erzählen sich alle Reisegeschichten – ist ja erstmal der kleinste gemeinsame Nenner. Das macht aber nichts, denn wir entertainen uns hervorragend. Einmal kein Travellercontest um die Frage, wer die längste Fahrt im stinkigsten Bus ever erlebt hat!

Rich: “…und dann schaue ich aus dem Fenster unseres Hotelzimmers in Yangon und da sitzt ein Typ auf der Klimaanlage, die draußen vorm Fenster hängt – im 7. Stock!” Keiner ist ernsthaft überrascht, so ist Asien.
Ich weiß Bescheid: “Na, aber die haben doch hier ein Leben nach dem Tod.”
Tanya führt den Gedanken zu Ende: “Oh ja, und dann fällt der Bub runter, stirbt daran, steht wieder auf, klopft sich den Staub ab und denkt: Oh Mann, nicht schon wieder!”

A/C Safety Inspector. Bild: Richard Armitage (thanks!).

A/C Safety Inspector. Bild: Richard Armitage (thanks!).

Dann schwenkt das Gespräch einfach so um auf Politik. Sonderbarerweise sind alle außer mir begeistert von Angela Merkel. Oha, ein Job für Frau Lotte! Ich stelle kurz klar, was Phase ist und freue mich, innerhalb von nur fünf Minuten Frau Merkels Bild im Ausland geradegerückt zu haben.

Wenig später, es ist inzwischen Nachmittag, haben wir eine Menge Bier drin. Klar, die Engländer saufen eh immer schon mittags und die Australier haben dieses besondere Talent wohl von ihren ehemaligen Kolonialherren geerbt. Der Alkohol scheint jedenfalls keinem der anderen etwas auszumachen, nur mir fällt das Geradeausgucken schwer. Als wir weiterziehen, lade ich mich also lieber auf Neils E-Bike ein, statt selbst eins zu mieten – der steht immerhin noch ganz solide auf seinen Beinen und das finde ich voll vertrauenswürdig.

Weniger gut sind in diesem Zustand unsere Kartenlese-Skills. Wir finden den Tempel nicht, den wir zuvor für das Abhängen im Sonnenuntergang ausgesucht hatten. Wie auch, bei über 2.000 erhaltenen heiligen Gebäuden und einer Karte, die aussieht, als hätte ein Kind sie gemalt.

Map of Bagan.

Map of Bagan. Noch Fragen?

Nach kurzem orientierungslosem Herumgurken beschließen wir, den Sonnenuntergang vom Aussichtsturm aus anzuschauen (den sieht man von überall in den Himmel ragen, so dass selbst wir problemlos dorthinfinden). Vor uns läuft gerade eine Gruppe hinein und wir schließen uns einfach an. Wir sind bereits im Fahrstuhl, als wir eine Frau rufen hören. In meiner Naivität/in meinem Suff halte ich den Arm in die Fahrstuhltür, um sie noch mitzunehmen. Es ist die Kassiererin, die ihrerseits uns mitnimmt. Dumme Lotte! 5.000 Kyat später sind wir erneut auf dem Weg nach oben.

So kitschig es klingt, aber beim Geradeausstarren in die untergehende Sonne kehrt erstmals ein wenig Ruhe ein. Gar nicht mal so schlecht hier, befinde ich.

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Blick über die Tempel von Bagan

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Tempel von oben.

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Bagan. Steppe im Sonnenuntergang.

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Bagan, das Licht geht aus.

Mit erfolgtem Sonnenuntergangschauen haben wir 50% des Bagan-Pflichtprogramms erledigt (Kannst du die anderen 50 erraten? Korrekt: Sonnenaufgang). Auf dem Rückweg ins Hostel sinkt der Akku des E-Bikes bedrohlich. Frei nach Twisted Sister informiere ich fröhlich das stille Tempelbrachland: “We’re not gonna make it. No! We ain’t gonna make it…” Doch, ach! Mit ausgehendem Akku rollen wir beim Vermieter ein. Auf diesen Erfolg widmen wir uns erneut unserer Urlauberpflicht, dem Saufen. Unsere Gruppe erweitert sch um Christina und Tim. Es ist alles wunderbar, bis sich die Zeit gegen mich wendet. Gegen Mitternacht verabschiede ich mich ins Bett. Krakeliger O-Ton aus meinem Notizbuch: “Ich muss um 5.00 Uhr aufstehen, um die dämliche Sonne aufgehen zu sehen.”

In diesem Sinne.

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